Doch kein Aus der „Rente mit 63“?„Bei einem Aufweichen wäre das Rentenpaket faktisch tot“

Schwarz-Rot diskutiert, die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren aufzuweichen. Topökonomen schlagen Alarm und sehen die gesamte Rentenreform in Gefahr.
Wirtschaftswissenschaftler warnen eindringlich davor, die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren aufzuweichen. Die Bundesregierung würde damit ihrer Einschätzung nach die gesamte Rentenreform aufs Spiel setzen. „Mit einer solchen Aufweichung wäre das Rentenpaket faktisch tot“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), ntv.de.
„Die Bundesregierung müsste das fehlende Geld durch Einsparungen an anderer Stelle aufbringen und damit zwangsläufig auch andere Elemente des Pakets wieder infrage stellen“, erläutert Fratzscher. Diese Gefahr sieht auch Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, wie er ntv.de erklärt.
Die von der Rentenkommission vorgeschlagene Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren „soll dazu dienen, den finanziellen Spielraum zu schaffen, um in eine kapitalgedeckte Vorsorge einzusteigen, also den zusätzlichen Rentenversicherungsbeitrag von zwei Prozentpunkten zu ermöglichen“, sagt Ragnitz. „Wenn man das jetzt aufgibt, würde dieses Kernstück der Rentenreform schwieriger umzusetzen, wenn nicht gar ganz scheitern.“
Die Fraktionen von Union und SPD beraten derzeit über einen Kompromiss beim Ende der abschlagsfreien Rente. Dabei werde unter anderem eine Anhebung der nötigen Beitragsjahre um bis zu zwei Jahre diskutiert, berichtete die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Koalitionskreise. Arbeitnehmer könnten dann nach 46 oder 47 Beitragsjahren abschlagsfrei in den Ruhestand gehen.
Zwar würde eine Anhebung der erforderlichen Beitragsjahre auf 46 oder 47 die Zahl der Begünstigten stark schrumpfen lassen, dennoch koste das immer noch mehr als die Alternative, nur mit Abschlägen vorzeitig in Rente zu gehen, stellt Ragnitz klar. „Die Gefahr, dass die Rentenreform damit scheitert, ist also nicht gebannt.“
Schwesig punktete mit ihrem Widerstand
Sowohl aus SPD als auch Union kommt schon länger teils heftige Kritik an der geplanten Abschaffung der abschlagsfreien Rente. Alle ostdeutschen Ministerpräsidenten haben sich für deren Erhalt ausgesprochen. So auch Manuela Schwesig, die bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern deutlich stärker abgeschnitten hat als die SPD zuletzt bei anderen Wahlen. Mehr als drei Viertel der dort Wahlberechtigten sind laut einer Umfrage von Ifratest dimap der Meinung, die abschlagsfreie Rente solle beibehalten werden. 89 Prozent der SPD-Wähler lobten demnach, dass sich Schwesig „immer wieder offen gegen die Reformen der Bundesregierung stellt“.
Nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin deutete Bundesfinanzminister Lars Klingbeil Änderungen am Rentenpaket an. „Die Sorge, dass man trotz Lebensleistung, trotz 45 Jahren Arbeit am Ende nicht in die Rente kommt, die müssen wir ernst nehmen und dafür werden wir Lösungen finden“, sagte Schwesigs Parteifreund. DIW-Chef Fratzscher ist jedoch überzeugt, dass ein Aufweichen der Pläne nichts am empfundenen Unrecht ändern würde.
„Jede Sonderregelung würde zwangsläufig willkürlich wirken und deshalb als ungerecht empfunden werden“, meint Fratzscher. „Der öffentliche Aufschrei und der Widerstand dürften durch den Versuch, die Abschaffung der abschlagsfreien Rente aufzuweichen, nur noch größer werden. Denn dies würde als Eingeständnis verstanden, dass die Bundesregierung ihre ursprüngliche Entscheidung selbst für einen Fehler hält.“
„Besser Härtefälle gezielt abfedern“
Die Bundesregierung müsse Rückgrat zeigen und zu ihrem Versprechen stehen, die Rentenreform nur als Gesamtpaket umzusetzen. „Die deutlich bessere Alternative besteht darin, Härtefälle gezielt abzufedern und die Grundrente zu verbessern, wie es im Rentenpaket ohnehin vorgesehen ist“, sagt Fratzscher. Auch Ragnitz plädiert für Härtefallregeln für Menschen, die nicht mehr arbeitsfähig sind. „Da ließe sich das österreichische Modell anwenden, vorab zu definieren, welche Berufsgruppen vorzeitig in Rente gehen können.“
Über eine solche Begrenzung der abschlagsfreien Rente auf harte körperliche Arbeit wird laut dem „Bild“-Bericht in der Koalition ebenfalls diskutiert. Die Rentenkommission hat dagegen eine „Schutzrente für langjährige Beitragszahler“ vorgeschlagen, „die kurz vor der Rente aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten können“.
Heute „Rente mit 64,5 Jahren“
Diese „Schutzrente“ solle an die Stelle der bisherigen abschlagsfreien Rente treten. Dass Letztere heute teils immer noch als „Rente mit 63“ bezeichnet wird, führt in die Irre. Aktuell ist die „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ mit 64,5 Jahren erreichbar. Für den Geburtsjahrgang 1961 liegt die Grenze bei 64 Jahren und sechs Monaten. Wer 1962 geboren wurde, kann die Rente mit 64 Jahren und acht Monaten antreten. Für alle ab 1964 Geborenen gilt einheitlich das Alter von 65 Jahren.
Anspruch hat, wer mindestens 45 Jahre an anrechenbaren Zeiten in der Rentenversicherung hat. Dazu zählen nicht nur Pflichtbeiträge aus Beschäftigung, sondern auch Zeiten der Kindererziehung, der nicht erwerbsmäßigen Pflege und des Wehr- oder Zivildienstes.
Entgegen einer weitverbreiteten Annahme würde eine Abschaffung nicht zwingend überwiegend Schwerarbeitende benachteiligen. Eine DIW-Studie kam 2024 zu dem Ergebnis, dass fast 70 Prozent der in der Studie betrachteten westdeutschen Männer mit 45 Versicherungsjahren in ihrem Erwerbsleben keiner sehr hohen körperlichen oder psychosozialen Belastung ausgesetzt waren. Menschen, die wirklich Hilfe bräuchten – mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, ohne Ausbildung und die Kinder groß gezogen haben – hätten nichts davon, bekräftigte Fratzscher vor einigen Wochen. „Und die zahlen dafür.“ Eine amtliche Statistik zu den genauen Berufen oder Branchen aller Bezieher existiert nicht, wie die Bundesregierung im Juni einräumte.
Mehr als jeder vierte Neurentner profitiert
Ende des vergangenen Jahres gab es laut Deutscher Rentenversicherung Bund knapp 2,9 Millionen laufende Renten dieser Art. Das waren rund 15 Prozent aller laufenden Altersrenten. Im Jahr 2025 verzeichnete die Behörde fast 262.400 Neuzugänge, was gut 28 Prozent aller neuen Altersrenten entsprach. Bezeichnend für die Bezieher sind extrem lange und kontinuierliche Erwerbsbiografien. Sie kamen im Durchschnitt auf fast 46 Jahre mit Pflichtbeiträgen. Männer nehmen die Rente häufiger in Anspruch: Gut 55 Prozent der neuen Ruheständler waren männlich, knapp 45 Prozent weiblich.
Relativ betrachtet wird diese Rentenart in Ostdeutschland häufiger genutzt. Dort entfielen 2024 etwa ein Drittel der neuen Altersrenten auf diese Form der Altersbezüge. In den alten Bundesländern waren es knapp 28 Prozent. Absolut gesehen gab es wegen der unterschiedlichen Bevölkerungsgröße jedoch fast viermal so viele Zugänge im Westen. Der höhere Anteil im Osten wird mit den traditionell früher beginnenden und häufig kontinuierlicheren Erwerbsbiografien in der ehemaligen DDR erklärt, insbesondere auch bei Frauen.
