Als die Investoren-Pläne Gianni Infantinos publik werden, reagiert die UEFA scharf und organisiert den Widerstand gegen den FIFA-Boss. Es scheint sogar, als könne dessen Macht ernsthaft bröckeln. Doch jetzt lassen die Europäer wertvolle Zeit verstreichen.
Die Ausgangslage der Infantino-Gegner schien gut, geradezu günstig zu sein. Der FIFA-Präsident war nach dem krachend gescheiterten Vorstoß zur Vermarktung der WM-Rechte durch externe Investoren im Sommer massiv unter Druck geraten. Eine breite Front aus Europa, Nord- und Mittelamerika, ja sogar Asien formierte sich und kritisierte den 56-Jährigen scharf. Übrig geblieben ist davon aktuell nicht mehr viel.
Denn die UEFA verliert wertvolle Zeit mit der Suche nach einem Gegenkandidaten, während Gianni Infantino fröhlich um die Welt jettet und Stimmen sammelt. Dazu lohnt sich ein Blick in die Social-Media-Accounts des Präsidenten. Reisen der letzten vier (!) Tage: Hongkong, Macau, Jakarta, Jeddah und ein Besuch in Prag. Dort herzt Infantino zum Beispiel nicht nur den ehemaligen Weltstar Pavel Nedved und lächelt mit pubertierenden Jungs um die Wette, nein er trifft eben auch den Sportminister, den Gesundheitsminister und den Fußballpräsidenten des Landes. Mächtige Männer, einflussreiche Männer, Männer, die mit Infantino mindestens im konstruktiven Dialog sind.
Infantino jettet im Katar-Flieger um die Welt
Es zeigt einen Kern des Problems: Der FIFA-Präsident hat qua Amt alle Möglichkeiten, Stimmen zu sammeln und reist dafür mit seinem von Qatar-Airways bereitgestellten Flugzeug um die Welt. Ihm stehen praktisch unbegrenzte Mittel für einen Wahlkampf zur Verfügung – dabei ist ein echter Kampf noch nicht mal von Nöten, denn es fehlt ein Gegner. Das ist das Versäumnis der UEFA, die monatelang so laut gebellt hat, jetzt aber Zeit verstreichen lässt, um überhaupt in die Lage zu kommen, mal ordentlich zuzubeißen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein gewonnener Tag für die Machtbasis von Gianni Infantino. Und sollte der Schweizer im März 2027 im Amt des FIFA-Präsidenten bestätigt werden, dann ist auch klar, dass eine Zusammenarbeit mit FIFA-Vizepräsident Alexander Ceferin – der lieber UEFA-Präsident bleiben will – und FIFA-Ratsmitglied Bernd Neuendorf eine große Herausforderung wird.
Der Präsident des asiatischen Kontinentalverbandes AFC schlägt indes schon moderatere Töne an. Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa aus Bahrain denkt laut darüber nach, wie „bestehenden Governance-Strukturen der FIFA gestärkt werden können“ und bringt die Idee einer interne Arbeitsgruppe ins Spiel. Und auch innerhalb Europas kann von Geschlossenheit keine Rede mehr sein. Lettlands Präsident Vadims Lyashenko sagte seine Unterstützung für den FIFA-Boss am Rande der Eröffnung eines Verbandsbüros zu.
Auch Aserbaidschan, wo Ende des Monats erstmals eine U15-WM der FIFA stattfindet, hat sich für Infantino ausgesprochen. Angesichts dieser – sich drastisch verschlechterten – Ausgangslage ist es aktuell unrealistisch, dass sich ein aussichtsreicher Mann oder (vielleicht noch besser) eine aussichtsreiche Frau findet, um spätestens ab dem 18. November ins Rennen gegen den mächtigen Infantino zu ziehen.
Verwendete Quelle: ntv.de
