Mandoki, der Bono Mitteleuropas„Freiheit gibt es auf Dauer nicht anstrengungslos“

„Integration ist eine Bringschuld derjenigen, die hierherkommen.“ Das ist seine Meinung, und dieses Prinzip lebt er. In seinem Buch „Sehnsucht nach Freiheit 1956 – 1989 – 2026“ lässt der „ehemalige, illegale Einwanderer“ Leslie Mandoki Menschen zu Wort kommen, die was zur Freiheit zu sagen haben.
Freiheit – das sagt sich so einfach, und Marius Müller-Westernhagen besang sie: „Freiheit ist die Einzige, die fehlt.“ Er schrieb diesen Song 1987 und war überzeugt – und da ging es bloß um seine persönliche Freiheit, nicht mal um die Teilung Deutschlands – dass mehr Freiheit guttun würde. Denn die Freiheit gehört zu diesen Phänomenen, die besonders auffällig sind, wenn sie fehlen. Ist die Freiheit da, nimmt man sie als selbstverständlich. 1987 war Leslie Mandoki schon längst in Deutschland: 1975 floh er, als 22-Jähriger, aus Ungarn. Er ließ alles hinter sich, schweren Herzens, und startete ein neues Leben.
Heute hört man ihm noch immer an, woher er kommt, in seinem Bayerisch rollt er das R recht ungarisch. Das ist sympathisch. Ist er noch Ungar? Ist er schon Deutscher? Es ist tatsächlich egal, denn es gibt wohl kaum jemanden, bei dem zwei Seelen, ach, in seiner Brust wohnen: „Als Deutscher bin ich so dankbar für den wunderbaren, historischen Moment, als 1989 die Berliner Mauer auf friedliche Art fiel und all das wieder zusammenwuchs, was auch zusammengehörte. Als gebürtiger Budapester bin ich natürlich stolz, dass es die Ungarn waren, die einige Monate zuvor den Eisernen Vorhang zerrissen und damit den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen haben“, erzählt er. „Mein Herz denkt auch heute noch oft „ungarisch.“ Er liebt seine Wurzeln, dieses Land, das so viele Aufs und Abs erlebt hat, das Land, das ihm, dem Geflüchteten, so viele Bauchschmerzen bereitet hat. Und immer sucht er das Gespräch, gerade in diesen Tagen, wenn er mit seinem Buch „Sehnsucht nach Freiheit“ durch Deutschland reist. Er sucht die Versöhnung, will verbinden und die Kluft nicht vergrößern.
Und dann ist der Herr Mandoki wohl gleichzeitig der stolzeste Deutsche. Der beste Bayer. Der vernetzteste Musiker, der redlichste Bürger, der in seine Kinder verliebteste Vater, der beste Ehemann und unermüdlichste Strippenzieher, den man sich vorstellen kann.
Mandoki hat sich ein riesiges Netz an Freunden und Verbündeten, Kollegen und Kontakten aufgebaut. Nicht unbedingt selbstverständlich für einen, der durch einen Tunnel nach Deutschland kam. Aber für Mandoki galt schon immer: Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann macht er das auch. Er ist fleißig, charmant, klug, umtriebig, ein treuer Freund. Er macht das, was er liebt, mit Leidenschaft und Blick auf die Berge. In seinem Studio am Starnberger See hängen die Trophäen seines musikalischen Schaffens, angeberisch wirkt das trotzdem nicht. Genauso wie es kein Namedropping ist, wenn er von Politikern, Künstlern oder anderen prominenten Menschen in Deutschland oder auf der Welt erzählt. Oder sie für sein Buch interviewt. Mandoki ist kein Showman abseits der Bühne. Dort ist er Realist.
„Und dann habe ich die Koffer gepackt“
Zu Beginn unseres Gesprächs sage ich ihm, dass mir die Freiheit fehlt und ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich Angst um sie habe, vor allem, wenn ich in Berlin bin. Die Freiheit war immer so selbstverständlich an meiner Seite: Meine Geburt und mein Leben in West-Berlin – frei. Reisen – frei. Der deutsche Pass – ein Door-Opener fast überall auf der Welt, ein Sicherheitsgarant für die Enkel des Zweiten Weltkriegs. Und jetzt? Man lacht über uns, nimmt und nicht ernst, man droht uns, wir zerfleischen uns untereinander, wir geben Rändern Raum, die wir für mindestens halbtot gehalten hatten und – wir geben uns zu wenig Mühe.
Das kann man von Leslie Mandoki nicht behaupten. Urlaub ist ein Fremdwort für den 73-Jährigen. Nun also ein Buch. Und ein Film. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft aufstanden und deren Freiheitswille Jahrzehnte später zur Öffnung des Eisernen Vorhangs beitrug. Das Buch spannt den Bogen von den dramatischen Tagen des Budapester Aufstands über die historischen Umbrüche von 1989 bis zu den Fragen von Freiheit, Demokratie und Zusammenhalt in Europa heute. Zu seinen Gesprächspartnern gehören Michail Gorbatschow, Armin Laschet, Markus Söder, Gregor Gysi, Edmund Stoiber, Ilse Aigner, Paul Ronzheimer, Peter Maffay, Ian Anderson, Till Brönner, Gabor Steingart, Charlotte Knobloch, zahlreiche Zeitzeugen des Aufstands von 1956 und viele mehr.
„Sehnsucht nach Freiheit“ berichtet von Mut und Verantwortung, Erinnerung und Versöhnung und stellt die Frage, warum Freiheit niemals selbstverständlich ist. Diesen Themenkompex hätte in Deutschland wohl niemand besser schreiben und zusammenfassen können als Leslie Mandoki. Er stellt Fragen, die ein Historiker wie Guido Knopp beantworten kann, er stellt aber auch Fragen wie: „Wie war dein letzter Tag in Ungarn, bevor du geflohen bist?“ Er kennt seine eigene Antwort, Ferenc A. Subas Anwort – er dokumentierte die Revolution 1956 fotografisch – ist berührend: „Was glaubst du, wie schwer das ist? Eltern, Freunde, Familie – alles. Ich hatte so ein schönes Leben. Auch meine Arbeit für die ungarische Industrie habe ich sehr geliebt. Einfach alles zurücklassen – wo sollte ich denn hingehen?“ Ein Freund bestärkte ihn: „Du musst gehen, sagte er zu mir, und dann habe ich den Koffer gepackt.“
Wenn es Leslie Mandoki nicht schon gäbe, dann müsste man ihn erfinden. Man kann das subjektiv finden und anderer Meinung sein, und auch mit Leslie Mandoki muss man natürlich nicht immer einer Meinung sein. Er kann die Meinung anderer allerdings gelten lassen, er kann zuhören. Natürlich behält er gern recht, wer nicht? Deswegen sei es auch erlaubt, an dieser Stelle zu bemerken, dass in seinem Buch, seinem Film und in seiner Band zu wenig Frauen vorkommen. Ansonsten aber ist da nichts zu meckern: Wenn einer sich so viel Mühe gibt, mit Menschen zu sprechen, dann kann man das nur anerkennen. Wenn einer einen Film macht, ein Buch und Abende veranstaltet, an denen es darum geht, über die Freiheit zu sprechen, um sie zu erhalten und zu gestalten, dann schauen wir gern und genau hin.
Was er immer wieder erzählt – und das macht er nicht, weil ihm nichts anderes einfällt oder weil er vergessen hat, dass er es schon mal erzählt hat – sondern weil es wichtig ist und genau beschreibt, wie er gestrickt ist, ist Folgendes: „Ich habe mich auf Anhieb in Deutschland verliebt.“ Hier wollte er gewinnen, hier wollte er scheitern, hier wollte und will er leben. „Die Kultur, die Menschen, die Mentalität – ich liebe sie einfach. Nirgendwo sonst hätte ich mein Leben auf diese Art und Weise so selbst in die Hand nehmen können.“ Mandoki hat nicht so viel übrig für Leute, die sich nicht integrieren wollen: „Ich sprach kein Wort Deutsch und fing an, die Sprache zu lernen. Ich war schon damals überzeugt: Integration ist eine Bringschuld derjenigen, die hierherkommen. Und der Schlüssel dazu ist die Sprache.“ Die, die herkommen und „Fuck Germany“ schreien, die die herkommen und die Regeln nicht befolgen, die ihre Frauen nicht achten und keine Steuern zahlen, dafür die Hand aufhalten – für die hat er nicht viel Verständnis.
Flucht – das kennt er, das ist auch seine Story, sein Leben. Er war ein Geflüchteter, und auch wenn nicht jeder solch ein Talent haben kann wie er, gepaart mit etwas Glück, einer anderen Zeit und dem unbedingten Willen, anzukommen – Mühe muss man sich geben. Sonst wird man nie dazugehören. Mandoki gehört dazu.
Wenn Träume wahr werden
Von einem deutschen Integrationsbeamten im Zentrallager für Asylbewerber wurde Laszlo (wie er ursprünglich heißt) Mandoki nach seinen Zukunftsplänen gefragt. Mit beamten-typischer Präzision und Gründlichkeit dokumentierte jener, was Leslie zu Protokoll gab: Sein Ziel wäre es, mit den Musikern zusammenzuspielen, die seine Idole gewesen waren, als er hinter dem Eisernen Vorhang gelebt hatte, namentlich Ian Anderson von Jethro Tull, Jack Bruce von Cream und Jazz-Rock-Gitarren-Virtuose Al Di Meola. Der Breamte lächelte. 1992 wurden Ian Anderson, Jack Bruce und Al Di Meola Gründungsmitglieder von Leslie Mandokis Band, den Mandoki Soulmates.
Mit Till Brönner, Tony Carey, Peter Maffay und John Halliwell hat er am Wochenende ein kleines Privatkonzert gegeben, um sein Buch und den dazugehörenden, äußerst berührenden Film in Berlin zu präsentieren. Halliwell lobt seinen Freund: „Mandoki ist der Maestro, wir erscheinen einfach zur Arbeit. Greg Lake von Emerson, Lake and Palmer nannte Leslies Band ‚die wahrscheinlich beste Band der Welt‘, was ich für eine angemessene Bezeichnung halte, wenn man bedenkt, wie viele andere Top-Musiker er um sich versammelt hat – inklusive mir, um das vielleicht hinzuzufügen.“ Selbstbewusstsein gehört zum Geschäft, dennoch bleibt Mandoki eher bescheiden: Er bezeichnet sich als ehemaligen illegalen Einwanderer, der es bis ganz nach oben geschafft hat – eine europäische Version des „American Dream“.
Viele erfolgreiche, kluge Menschen kommen nun in dem Buch und auch im Film zu Wort, abschließend sei Erich Sixt, Unternehmer-Urgestein, zitiert, der sich offensichtlich Sorgen um das Land, das Mandoki als sein Traumland bezeichnet, macht: „Die Rolle des Staates – da biegen wir falsch ab. Wie kann so etwas passieren? Gerade hier in Deutschland, wo wir eigentlich nicht vergessen sollten, was im 20. Jahrhundert angerichtet wurde von einem starken Staat.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
