Nachruf
Er erschuf den kleinen Tiger und den kleinen Bären, ließ Onkel Popov fliegen und lehrte Millionen Kindern Schnuddelbuddels Lebensweisheit: „Wer das hier liest, braucht sich vor nichts mehr zu fürchten.“ Nun ist Janosch gestorben.
Wer Janosch in seinen späten Lebensjahren finden wollte, musste sich auf eine Reise begeben. Und Geduld haben. Ein wenig wie der kleine Tiger und der kleine Bär, die sich auf ihre Reise nach Panama begeben. Denn Janosch, der Millionen Kinder mit seinen haarigen Protagonisten um die Welt reisen ließ, hatte sich selbst von der Welt zurückgezogen. Er hatte Zuflucht gesucht und gefunden auf der Kanareninsel Teneriffa. Dort, irgendwo im kargen Hinterland, zwischen Felsen und Agaven, stand sein rotes Haus. Nicht klein, nicht groß, ein wenig schief vielleicht.
Und wenn Janosch dort auf seine Terrasse trat, den Schnurrbart gezwirbelt, die meerblauen Augen blitzend unter den wilden Brauen, so konnte dem, der ihn kennt, Onkel Popov in den Sinn kommen, der Eigenbrötler, der zwar nicht viel spricht, aber ein wenig fliegen kann.
Fliegen konnte Janosch auch, in seinen Geschichten, mit den Bildern, die er schuf, den Worten, die er wählte. Er selbst sah das etwas pragmatischer, etwa, wenn er, auf die Entstehung seines Kinderbuchs „Oh, wie schön ist Panama“ angesprochen, dem Reporter erklärte: „Ich wollte ein Kitschbuch machen und da gibt es ja so ein paar Regeln. Es muss ein Kuschelbär dabei sein, der Bär muss eine Reise machen und dann muss er einen Freund haben und schon fangen die Weiber an zu heulen.“
Mit seinen Geschichten wollte Janosch Kinder widerstandsfähig machen.
Alkoholabhängiger Vater und strenggläubige Mutter
Tatsächlich war es ein steiniger, beschwerlicher Weg, den Janosch gehen musste, um zum gefeierten Künstler und Schriftsteller zu werden. Geboren in Oberschlesien als Sohn eines alkoholsüchtigen Vaters, der ihn, um sich bei den Nazis anzubiedern, auf den Namen „Horst“ taufen ließ – nach dem SA-Sturmführer Horst Wessel.
Die Mutter strenggläubig, wie erstarrt in Gottesfurcht. Janoschs Kindheit war geprägt von körperlichen und seelischen Misshandlungen, sei es durch die Eltern, die Mitschüler oder durch jesuitische Priester. „Katholisch geboren zu sein, ist der größte Unfall meines Lebens“, sagte Janosch einmal. Und die Aufarbeitung dieses Traumas zieht sich durch viele seiner Bücher.
Kunststudium abgebrochen
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges floh er mit seinen Eltern nach Niedersachsen. Später begann Janosch in München ein Kunststudium, welches er schließlich jedoch wegen „mangelnder Begabung“, wie es hieß, abbrechen musste. In der Folge schlug er sich als freischaffender Künstler durch. Seinen Durchbruch erlangte der Mann mit dem Schnauzer schließlich 1978 mit dem Buch „Oh, wie schön ist Panama“, das seitdem Millionen Leserinnen und Leser fand.
Dutzende Titel sind seitdem gefolgt, Bilderbücher für Kinder wie Romane für Erwachsene. Seine Tigerente wurde Markenzeichen ebenso wie Marketingerfolg. Janosch selbst jedoch bezeichnete den gestreiften Gefährten des kleinen Tigers wiederholt als „Kitsch“. Er bestritt bis zuletzt, durch seine Schriften, Zeichnungen und Figuren reich geworden zu sein. Vielleicht ja auch, weil ihm die Anarchie bis zuletzt näher am Herzen lag als der Kommerz.
Hängematte auf der Insel
In einem Radiointerview sagte Janosch einmal:
Ich versuche, in den Geschichten ein Immunsystem aufzubauen, dass Kinder gegen ihre Eltern widerstandsfähig werden. Ich gebe ihnen die Gartenzwerge, die sie später als Wurfgeschoss benutzen können.
Im Jahr 2010 kündigte Janosch, damals 79-jährig, an, keine weiteren Bücher mehr schreiben zu wollen. Fortan wolle er nur noch „Reisen und in der Hängematte liegen“ und überhaupt halte er sich für unbegabt. Er zog sich in sein Domizil auf Teneriffa zurück, öffentliche Auftritte wurden seltener.
Lebensweisheiten von „Herrn Janosch“
Für das Zeit-Magazin ließ sich Janosch 2013 doch noch einmal überreden, eine Kolumne zu übernehmen. Dort gab er als „Herr Janosch“ Ratschläge, Lebensweisheiten und Aphorismen zum Besten. Er blickte von seiner kleinen Insel mit großer Weisheit auf den Rummel der Welt.
Eine Frage, die ihm in dieser Kolumne gestellt wurde, lautete: „Herr Janosch, wie sagt man Tschüss?“ Und Janosch, der Zauberkünstler, der Mann des zittrigen Zeichenstrichs und der treffenden Worte, antwortete auf die ihm so eigene Art: „Man dreht sich um mit einer Träne im Auge und sagt: ‚Ich geh‘ dann mal‘.“

