Kleiner Kälteeinruch in Sicht?Polarwirbel und El Niño bringen Wetter durcheinander

In der Atmosphäre bringt sich langsam der Winter in Stellung. Gespannt wird darauf geblickt, wie sich der Super-El Niño auf das Winterwetter in Deutschland auswirken könnte. Zünglein an der Waage dürften die Auswirkungen auf den Polarwirbel sein.
Es ist deutlich spürbar: Bei böigem Ostwind und gefühlten Temperaturen um 0 Grad Celsius pirscht sich langsam der Frühwinter heran. Klar, es ist November. Da gehören auch Frost in den Nächten und Schnee in den Bergen dazu. In absehbarer Zeit könnten die Flocken aber bis ins höhere Flachland rieseln.
Für solch winterliche Wetter-Spielchen ist häufig der Polarwirbel verantwortlich. Er trennt im Winter kalte Luft im Norden von milder im Süden. Auslöser sind im Herbst die fallenden Temperaturen in der Arktis. Der Temperaturunterschied zwischen dem hohen Norden und den mittleren Breiten nimmt bis zum Hochwinter zu. Die Natur reagiert auf solche Kontraste mit starkem Wind. Gleichzeitig kann genau dieser Wind unterschiedliche Luftmassen voneinander trennen – ähnlich wie bei einem Windvorhang am Eingang zu Kaufhäusern: Die Kälte bleibt draußen und die Wärme im Inneren.
Extrem früher Polarwirbel-Split bringt Winter in Stellung
Ist der Polarwirbel intakt, kann er also die größte Kälte weit im Norden gefangen halten. In Regionen wie Deutschland bleibt es dann verhältnismäßig mild. Strauchelt der Wirbel oder teilt sich sogar in mehrere Teilwirbel auf – in der Fachwelt Polarwirbel-Split genannt – kann arktisch kalte Luft weit nach Süden strömen.
Und genau das ist jetzt geschehen. Kommt dann jetzt auch die große Kälte? Dafür müsste sie schon vorhanden sein. Die Nordhemisphäre befindet sich mittendrin im Abkühlungsprozess. Von Temperaturen wie im Dezember oder gar im Januar sind wir noch weit entfernt. Deswegen ist es auch extrem ungewöhnlich, dass der Polarwirbel jetzt schon so stark ist und überhaupt schon brechen kann. Das geschieht normalerweise frühstens in der zweiten Novemberhälfte. Zu den möglichen Gründen gleich mehr.
Frost und Schnee: Ja, aber wo?
Zunächst: Auch wenn der Polarwirbel jetzt schon schwächelt, heißt das nicht, dass sofort die Kälte einbricht. Der Polarwirbel ist eine Windzirkulation, die sich bis weit in die Stratosphäre erstreckt, bis etwa 50 Kilometer Höhe. Veränderungen „dort oben“ müssen sich erst einmal bis in tiefere Lagen voran arbeiten. Das braucht einige Tage, manchmal Wochen. Die Wettermodelle zeigen derzeit tatsächlich die Tendenz zur Milderung. Grund dafür ist das Schwinden des aktuellen Hochs mit seinem kalten Ostwind. Tiefs vom Atlantik übernehmen zur neuen Woche mit Wind aus West bis Süd.
Mitte November dann, etwa zum nachfolgenden Wochenende, sehen wir in einigen Berechnungen einen deutlichen Temperaturrückgang: Höchstwerte von rund fünf Grad in Norddeutschland, um null Grad in den höheren Lagen wie München und Dauerfrost in den Bergen. Niederschläge könnten bis ins höhere Flachland als Schnee fallen. Bei kräftigen Schauern wären auch nasse Flocken im Tiefland möglich, allerdings ohne Chance, länger liegenzubleiben.
Zwischen mild und eisig ist noch viel Luft
Man muss Winterfreunde aber etwas einbremsen, womit wir nochmal bei einem Punkt von oben wären: Für einen massiven Wintereinbruch bis nach Berlin, Hamburg oder Köln ist es noch etwas früh. Der polare Norden hat sich noch gar nicht so massiv abgekühlt. Gleichzeitig ist die Lage insgesamt noch sehr unsicher. Und die wichtigste Frage bei einem Polarwirbel-Zusammenbruch lautet stets: Wo genau rauscht die arktische Luft gen Süden und wo gibt es die milde Ausgleichsströmung von Süd nach Nord?
Wenn die Kaltluft beispielsweise über den Nordosten Nordamerikas zum Nordatlantik zieht, bilden sich dort heftige Sturmtiefs. Mit ihrer Drehung entgegen dem Uhrzeigersinn schieben sie sehr milde Luft nach Westeuropa, oft auch nach Mitteleuropa.
Genau diese Spannweite prognostizieren derzeit die Wettermodelle für die nächsten zwei bis drei Wochen. Zwischen frühwinterlich kalt und wieder deutlich milder ist noch alles drin. Auch ein Hin und Her zwischen beiden Zuständen ist möglich. Auf alle Fälle kommt Bewegung ins Spiel. Auch die Frage, warum der Polarwirbel jetzt schon strauchelt, steht im Raum. Ein frühzeitiger Polarwirbel-Split hat manchmal einen instabilen Wirbel für den gesamten Winter zur Folge. Ein Faktor widerspricht diesem Szenario aber deutlich.
Einfluss von El Niño auf den Polarwirbel
Ein Blick auf das Wetter der Nordhalbkugel macht deutlich: An El Niño führt kein Weg vorbei. Dieses alle paar Jahre auftretende Klimaphänomen sorgt am zentralen Pazifik für höhere Wassertemperaturen. Damit verändern sich Temperaturen und Feuchteströme in der Atmosphäre, unter anderem über Nordamerika. Das Wetter dort ist wiederum mit dem vom Nordatlantik und Europa gekoppelt.
In der Regel sind die Auswirkungen hierzulande recht gering und überlagert von Prozessen, die in Europa viel stärker wirken. Da das aktuelle El Niño-Ereignis aber extrem intensiv ist, könnte das auch für die Auswirkungen auf das Winterwetter gelten. Und dabei könnte der Polarwirbel das Zünglein an der Waage sein.
Wie erwähnt lebt dieses Windband vom großen Temperaturkontrast zwischen Arktis und mittleren Breiten. El Niño erwärmt nun die Tropen und die mittleren Breiten am Pazifik zusätzlich und könnte den Wirbel verstärken. Es ist aber auch nicht ganz auszuschließen, dass Wärmeimpulse den stärkeren Polarwirbel erst recht instabiler machen – wie ein Kreisel, dem man zu viel Drehimpuls gibt und der ins Straucheln gerät.
Die Winterfrage für Deutschland bleibt offen
Damit zurück zum Anfang: El Niño könnte den Polarwirbel verstärken und das würden wir auch in Europa spüren. Es gäbe stärkere Westwinde, mehr Regen sowie mildere Luft. Die Berechnungen für Europa gehen aber teilweise genau in die andere Richtung. Der November könnte demnach deutlich zu trocken ausfallen und zumindest phasenweise auch kühl. Das wäre dann die Reaktion auf den frühen Polarwirbelsplit. Und nun? Vielleicht wirkt sich der Effekt von El Niño auf den Polarwirbel bei uns erst später aus?
Es wird gerade von zwei Seiten an unserem Frühwinterwetter gezerrt. Spannend wird sein, ob sich der Winter bald für eine der beiden Seiten entscheidet oder ob er zwischen beiden Extremen hin und her schwanken wird. Auch das ist gut möglich.