Nach dem Anschlag auf sein Leben und das der anderen BVB-Spieler im April 2017 flieht Marc Bartra vor der Erinnerung. Jetzt kehrt er mit Real Betis nach Dortmund zurück. Als ein Freund, der dem Klub sportlich weh tun kann, der ihm aber doch immer verbunden bleibt.
Am Vorabend des Spiels in der Champions League zwischen Borussia Dortmund und Real Betis (21 Uhr/DAZN und im Liveticker auf ntv.de) postete der BVB zwei Bilder in den sozialen Medien. Sie zeigten einen Spieler im Jahr 2016 und im Jahr 2026. Einmal jubelnd als 25-Jährigen im Trikot des BVB und einmal als 35-Jährigen in den Farben des derzeitigen Tabellenvierten der spanischen Liga im Spielertunnel des Westfalenstadions stehend. Nur wenige Worte standen erklärend dabei. „Great to see you again, Marc Bartra“, hieß es, und das war auch genug.
Wenig später stand der Spanier auf dem Platz des Stadions. Er telefonierte. Am anderen Ende der Leitung war Marco Reus in Los Angeles. „Wo bist Du?“, fragte Reus. „In Deinem Zuhause“, sagte Bartra und strahlte. „Zum ersten Mal seit neun Jahren.“ Im Herzen aber war er immer im Ruhrgebiet geblieben.
Das Schicksal hat Spieler und Verein in Bartras kaum zwei Jahren im Ruhrgebiet für immer verbunden. Nicht durch die 49 Pflichtspiele, die er zwischen Sommer 2016 und Januar 2018 nach seinem Wechsel aus Barcelona für den BVB absolvierte. Auch nicht durch den Pokalsieg 2017. Sondern durch einen perfiden Anschlag auf das Leben der Dortmunder Spieler. Niemand wurde getötet. Doch Bartra wurde verletzt. Später blieb ihm nach eigener Beschreibung nur die Flucht vor der Erinnerung. Jetzt kehrt er erstmals zu einem Pflichtspiel nach Dortmund zurück. Älter, erfahrener und noch immer ein wichtiger Spieler für Betis.
Das Sportliche wird am Abend in Dortmund schnell dominieren, doch vorher werden beide Seiten mit großen Emotionen zurechtkommen müssen. Sie werden sich an das erinnern, was vor bald zehn Jahren passierte und den Verein fast zerriss. Der Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus veränderte für lange Zeit vieles. Bartra stand im Zentrum dessen, was sich am 11. April 2017 im Dortmunder Süden zutrug. Er konnte das Erlebte vor Ort nie verarbeiten, ging zurück nach Hause und wollte darüber nicht mehr so richtig sprechen.
Vereinswechsel, um Last loszuwerden
Einmal aber war es unausweichlich. Im Januar 2018 sollte er vor dem Dortmunder Landgericht aussagen. Tagelang hatte er überlegt, ob er überhaupt erscheinen würde. Er tat es. Sichtlich mitgenommen ließ er eine Erklärung verlesen. Wenige Tage später verließ er Borussia Dortmund.
Er war nicht der einzige Spieler, der Dortmund nach dem Anschlag verließ. Am Tag der Urteilsverkündung gegen den Attentäter Sergej W. und somit rund 19 Monate nach dem Angriff auf die Mannschaft standen nur noch sieben der 18 Spieler, deren Leben bedroht war, im Kader der Dortmunder. Einige waren aus sportlichen Gründen gewechselt, andere auch, um die Last loszuwerden. Bartra bezeichnete seinen Abgang später als Flucht vor der Erinnerung.
An diesem 11. April 2017 veränderte sich das Leben der Spieler und Vereinsfunktionäre. Kurz nach der Abfahrt aus einem Hotel im Dortmunder Süden zum Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco explodierten drei mit Metallstiften gefüllte Bomben. Ein Polizist auf einem Motorrad erlitt ein Knalltrauma, 65 Metallstifte flogen durch die Luft. Sie schlugen in einem Haus ein – und im Mannschaftsbus. Dort saß Bartra und blutete.
Mit einem Bruch der Speiche und Splitterverletzungen am Handgelenk war der Spanier der einzige Spieler, der körperlich zu Schaden kam. Vier Tage lag er im Krankenhaus. Erst Wochen später stand er wieder auf dem Platz, im DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt (2:1) wurde er 15 Minuten vor Abpfiff eingewechselt. Er spielte mit einer Schiene.
Spieler hatten Todesangst
Am Abend des Anschlags hatten die Spieler Todesangst. Sie riefen „Weiter, weiter!“ in Richtung Busfahrer. „Die Befürchtung war: Hier kommen gleich vier Vermummte mit einer Kalaschnikow rein und mähen alles um“, fasste der Vorsitzende Richter Peter Windgätter die Situation später in seiner Urteilsbegründung zusammen.
Der Täter hatte aus Habgier gehandelt. Er hatte auf fallende Kurse der BVB-Aktie gewettet und mit einer falschen Fährte den Verdacht auf einen islamistischen Terrorakt gelenkt. Der gelernte Elektrotechniker Sergej W. wurde später zu 14 Jahren Haft verurteilt.
Unter dem Eindruck des Anschlags wurde das Spiel gegen Monaco auf den kommenden Tag gelegt. Während BVB-Fans unter dem Hashtag #bedforawayfans Schlafmöglichkeiten für die angereisten Gäste organisierten, sollten die Spieler schon wieder funktionieren. Schon am nächsten Tag mussten sie ohne den verletzten Bartra antreten. Sie verloren, eine Woche später schieden sie aus.
„Wir mussten funktionieren“, sagte Sven Bender im Gerichtssaal. Marcel Schmelzer ergänzte: „Kein Spieler von uns hat geschlafen. Die Busfahrt am nächsten Tag war einfach nur schlimm. Keiner hat an das Spiel gedacht.“ Torhüter Roman Weidenfeller sagte: „Es ist unverständlich, dass der Mannschaft keine Ruhe gegönnt wurde. Wir sind keine Maschinen.“
Auch Thomas Tuchel, der wenige Wochen nach dem Anschlag trotz Pokalsiegs beim BVB vor die Tür gesetzt wurde, sprach vor Gericht über die Partie. „Ich habe mich bereit gefühlt, das Spiel zu coachen“, sagte der heutige Nationaltrainer Englands. „Aber der Zustand der Mannschaft war am nächsten Morgen so, dass es keinen Sinn gemacht hat zu spielen.“
Traumatisierter Bartra lässt Aussage vor Gericht nur verlesen
Dortmund hat besonderen Platz im Herzen
Der Prozess zog sich über elf Monate, die Spieler mussten die ohnehin noch frische Erinnerung immer wieder im Detail durchleben. Bartra verließ Dortmund noch während des Verfahrens. Die Fans aber hatten ihn nicht vergessen. Wenige Wochen nach seinem Wechsel nach Spanien kam er zurück, um sich zu verabschieden. „Gemeinsam haben wir viel erlebt und vieles durchgestanden, deshalb wird das ganz sicher noch einmal ein sehr emotionaler Moment, auf den ich mich sehr freue“, sagte er zuvor.
Auch danach blieb er dem BVB verbunden. In den sozialen Medien kommentierte und herzte er. Egal, ob er bei Real Betis spielte oder während eines kurzen Intermezzos bei Trabzonspor. Bartra trug Dortmund in seinem Herzen.
Am heutigen Mittwoch kommt er nun in fremden Farben ins Westfalenstadion. Er kommt als Freund. „Er ist ein ganz feiner Mensch. Wir freuen uns alle auf das Wiedersehen!“, sagte Vereinspräsident Hans-Joachim Watzke dieser Tage dem SID. Bartra will sich lieber an das erinnern, was über den Anschlag hinaus blieb. „Ich habe gelernt, das Leben, meine Familie, meine Mitspieler und die kleinen Dinge, die wir manchmal für selbstverständlich halten, mehr zu schätzen“, sagte er. „Deshalb wird Dortmund immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.“
Anfang 2018 war er vor der Erinnerung geflohen. Jetzt kommt er als Gegner zurück und kann dem BVB sportlich wehtun. Zum Auftakt der Champions League erzielte er beim 3:2 gegen Lille zwei Kopfballtore. Und da hört die Freundschaft auf. „Marc soll seine Kopfballtore lieber gegen andere Gegner machen“, sagte Watzke augenzwinkernd.
Verwendete Quelle: ntv.de
