„Ablehnung auf Watergate-Niveau“Trump verursacht größte Wahlniederlage seit 1976

Nach und nach wird die Tiefe des Abgrunds klar, in den US-Präsident Trump die Republikaner gestürzt hat. Nur einmal zuvor gewannen die Demokraten mit größerem Abstand im Repräsentantenhaus. Tief im Süden deutet sich ebenfalls Historisches an.
Der linke Kommentator Hasan Piker kann es kaum glauben, als er die Zahlen aus Texas sieht. „Nicht in meinen wildesten Träumen“ habe er so etwas erwartet, sagt er. „Hast Du so etwas schon mal gesehen?“, fragte er in der Wahlnacht, als 50 Prozent der Stimmen im Westen von Dallas ausgezählt sind – und der Demokrat James Talarico dort mit 91,9 Prozent zu 6 gegen Ken Paxton führt, ein von Donald Trump unterstützter Kandidat. „Baschar al-Assad kann diesen Abstand nicht erreichen“, witzelt Piker: „Wladimir Putin hat nie mit solchem Abstand gewonnen!“
Am Ende wird Talarico im jahrzehntelang von Republikanern dominierten Bundesstaat mit 12 Prozent Abstand gewonnen haben. Fast alle anderen Ämter gehen auch an die Demokraten. Nicht nur im Cowboystaat ist es eine politische Zeitenwende. Die Auszählung ist noch nicht vorbei, aber dass der blaue Tsunami historisch ist, so viel war schon in der Nacht klar, als er von Osten nach Westen überall Republikaner aus vermeintlich gesicherten Ämtern spülte. Doch die Details dieses epochalen Erfolgs der Demokraten waren noch nicht deutlich. „Erst jetzt wird das Ausmaß klar“, hieß es beim US-Radiosender NPR. „Einen Erdrutsch wie seit 50 Jahren nicht“ nennt es die „New York Times“.
Die landesweite, sogenannte popular vote, also der Stimmenabstand im Repräsentantenhaus, ist historisch: Etwa 13 Prozent beträgt der Vorsprung der Demokraten vor den Republikanern. Der ist so klar wie seit einem halben Jahrhundert nicht. Den bislang größten und ähnlichen Vorsprung erreichten ebenfalls die Demokraten, im Jahr 1976. Die Daten deuten darauf hin, dass der größte Anteil der Wähler Trump ablehnte und auch deshalb seine Wahlentscheidung für das Repräsentantenhaus traf. Entsprechend nannte der Republikaner Ted Cruz das Wahldesaster eine „Ablehnung auf Watergate-Niveau“.
Sogar Mississippi könnte kippen
Damals war der republikanische Präsident Richard Nixon zwei Jahre zuvor wegen der Watergate-Affäre zurückgetreten, des politischen Skandals um Wahlsabotage, für den ihn der Kongress des Amtes entheben wollte. An seiner Stelle übernahm der vorherige Vize Gerald Ford – und verlor krachend die Präsidentschaftswahl gegen Jimmy Carter. Dessen Partei eroberte neben dem Weißen Haus auch eine Zweidrittelmehrheit im Repräsentantenhaus und kam im Senat auf 61 von 100 Sitzen.
Nun, fünfzig Jahre später, haben die Demokraten in umkämpften Bundesstaaten wie Michigan und mit unfassbarer Leichtigkeit in Georgia gewonnen, aber ihre Senatskandidaten siegten auch in vorherigen republikanischen Bastionen: in Kansas, Texas, Iowa und South Carolina. Der Sitz in Mississippi könnte zudem an den Demokraten Scott Colom fallen, derzeit werden dort die Stimmen überprüft; in einem Bundesstaat im Süden, der seit 1982 nur Republikaner in die Kongresskammer gewählt hat. Er liegt derzeit hauchzart in Führung, ein Erfolg würde höchst symbolisch sein. Colom wäre der erste gewählte schwarze Senator seit 1875, der sogenannten Rekonstruktion, nachdem im Bundesstaat wie überall nach der Niederlage im Bürgerkrieg die Sklaverei verboten worden war.
Es könnte also nach 150 Jahren erneut so weit sein in Mississippi, wo rund 37 Prozent der Bevölkerung sich als Schwarz bezeichnet. Im landesweiten Schnitt tun dies rund 13 Prozent der US-Amerikaner. Die haben den Republikanern und dem Weißen Haus mit einem gigantischen Knall das Vertrauen entzogen. Warum? Laut Umfragen wegen der Lebenshaltungskosten und Korruption. Wegen Trumps Zöllen, des von ihm begonnenen Iran-Kriegs und der Steuererleichterungen für Reiche sind die Preise und Lebenshaltungskosten gestiegen. Dazu kommt angesichts der Horrorszenarien von KI die Unsicherheit über die Zukunft der Familie. Der Kongress blieb untätig, während Trump, seine Familie und Verbündeten Milliarden Dollar verdienten.
Republikaner wählten Demokraten
In Nachwahlbefragungen wird deutlich, dass es beim Votum nicht nur um Parteizugehörigkeit ging, sondern eine aktive Ablehnung seiner Politik bis in die Republikaner hinein. Unter jungen Männern gab es fast einen fast 40-prozentigen Umschwung zu den Demokraten im Vergleich zu 2024, die nun in der Wählergruppe 73 Prozent der Stimmen erhielten. Unter hispanischen Wählern entschieden sich 28 Prozent mehr für die Demokraten. Nur noch unter weißen Männern erreichten die Republikaner eine Mehrheit von 53 Prozent. Und insgesamt sagten 7 Prozent selbstbezeichneter Republikaner am Wahltag, sie hätten 2024 für Trump gestimmt, aber diesmal für Demokraten. Bei früheren Entscheidungen blieben solche Wähler einfach enttäuscht zu Hause. Diesmal waren sie wütend.
Nun müssen sich die Republikaner mit der neuen Realität arrangieren. Da Senatorenmandate sechs Jahre dauern und alle zwei Jahre ein Drittel neu gewählt wird, könnte die so wichtige Kongresskammer für Gesetzesprojekte viele Jahre in demokratischer Hand bleiben. Das räumt auch Vizepräsident JD Vance ein, der die Niederlage in Prioritäten der MAGA-Basis umdeutet, auf die sich die Republikaner jetzt konzentrieren sollten. „Wenn Sie argumentieren möchten, dass es sich gelohnt hat, den Senat für die nächsten sechs Jahre zu verlieren, dann tun Sie das ruhig“, schrieb er mehrdeutig.
Die Demokraten haben ein enormes Mandat bekommen. Das müssen sie jetzt ohne die Präsidentschaft und trotz Trumps Vetorecht versuchen, zu erfüllen. Welche Prioritäten sie mit ihren Mehrheiten im neu zusammengesetzten Kongress ab Jahresanfang setzen, darüber ist sich die Partei bislang nur grob einig: Sie wollen die Lebenshaltungskosten senken und Trumps Regierung unter Druck setzen. Ob das reicht, um das Votum gegen Trump in eines für die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl 2028 zu verwandeln?
