Frankreichs Tor zur ArktisWinzige Inselgruppe im Nordatlantik wird zum geopolitischen Spielball

Eine winzige Inselgruppe im Nordatlantik ist der Auslöser für eine geopolitische Posse der besonders skurrilen Art. St. Pierre und Miquelon ist das letzte Außengebiet Frankreichs in Nordamerika. Trump färbt es in den US-amerikanischen Farben. Frankreichs Präsident Macron lässt sich das nicht gefallen.
5800 Einwohner, verteilt auf zwei kleine Inseln: ein kleiner Fleck Frankreich, nur 25 Kilometer vor der Küste Kanadas. Vom US-Präsidenten in den US-amerikanischen Farben eingefärbt. Das sind die Zutaten für einen geopolitischen Krimi der bizarren Sorte. Willkommen auf St. Pierre und Miquelon. So heißt die kleine Inselgruppe direkt vor Neufundland, der großen Insel im äußersten Nordwesten Kanadas.
Ausgerechnet hier hat sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im September mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney getroffen. Obwohl Kanada hier nur eine kurze Fährüberfahrt entfernt ist, hatte Macron ein Heimspiel. Der französische Staatschef ist auch das Staatsoberhaupt von St. Pierre und Miquelon. Die Inseln sind ein französisches Überseegebiet, der letzte verbliebene Teil der ehemaligen französischen Kolonialgebiete in Nordamerika.
In St. Pierre und Miquelon wird mit Euro bezahlt, Französisch gesprochen, in Patisserien gegessen und französische Steckdosen werden benutzt. Die Einwohner der Inselgruppe sind vollwertige Franzosen und damit EU-Bürger.
Am 7. September hat Donald Trump auf seinem Online-Netzwerk Truth Social eine Landkarte veröffentlicht. Darauf zu sehen: Nordamerika und die Karibik, auch Grönland und Island. Alles eingefärbt in Rot, Weiß und Blau, den Farben der US-amerikanischen Flagge. Die winzige Inselgruppe St. Pierre und Miquelon ebenfalls. Für Macron war das Anlass genug, um den entlegenen französischen Außenposten Mitte September zu besuchen.
Drei Tage blieb der französische Präsident auf den Inseln, um sich unter anderem mit Carney zu treffen. „Wir sind stolz, Sie in diesem französischen Land Nordamerikas willkommen zu heißen. Das ist unsere Republik, euer Kontinent“, sagte Macron. „Wir beide sind überzeugt, dass unsere Länder große unabhängige Nationen sind und dass sie es bleiben wollen.“
Trump färbt ganz Nordamerika in US-Farben
Der Besuch des französischen Präsidenten war als eine eindeutige Reaktion auf Trump und dessen eingefärbte Nordamerika-Landkarte zu verstehen. Dabei ist nicht einmal klar, ob der US-Präsident mit dem Posting explizit auch Macron vor den Kopf stoßen wollte. Auf einem solch großen Kartenausschnitt wäre es kaum möglich gewesen, den winzigen französischen Außenposten explizit nicht einzufärben und vom Rest abzugrenzen. Es wirkt jedenfalls so, als habe der US-Präsident oder ein Mitarbeiter eine KI angewiesen, ganz Nordamerika in den US-Farben darzustellen. Und dann ist St. Pierre und Miquelon einfach geschluckt worden.
Aber ganz egal, ob technischer Fehler oder symbolischer Fauxpas: In der aktuellen Zeit reicht ein solcher Truth-Social-Post von Donald Trump vollkommen aus, um diplomatische Zuckungen auszulösen. Macron versteht absolut keinen Spaß, wenn es um die Souveränität Frankreichs oder auch anderer Länder geht. Trump hat bei seiner gefärbten Karte weder vor Grönland noch vor Island, Mexiko oder Kuba halt gemacht – und auch nicht vor Kanada.
Es ist aber unwahrscheinlich, dass die US-Regierung die französische Inselgruppe überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Der Hintergrund ist kurios: Im Sommer 2024 stritten Frankreich und Kanada um die Fangquoten für den wertvollen Atlantischen Heilbutt. Mitten in diesem Streit tauchte ausgerechnet St. Pierre und Miquelon in der US-amerikanischen Zollstatistik auf. Ein französischer Trawler lud einen großen Heilbutt-Fang im Millionenwert in St. Pierre ab. Von dort aus wurde ein Teil des Fangs wegen der damals zähen Verhandlungen nicht nach Kanada verkauft, sondern in die USA.
Ein US-amerikanischer Zoll-Algorithmus, voll automatisiert, schlug daraufhin Alarm und beanstandete ein massives Handelsungleichgewicht. Die millionenschwere Fischlieferung verzerrte die Statistik komplett. St. Pierre und Miquelon wies plötzlich ein riesiges Handelsplus gegenüber den USA auf.
Erst 99, dann 50, dann 10 Prozent Zoll
Dann kam Trumps „Liberation Day“. Der US-Präsident belegte im April 2025 praktisch die ganze Welt mit Zöllen. Die Höhe der Abgabenlast orientierte sich an den Handelsbilanzen. Je größer das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber einem Land, desto höher die Strafzölle der Vereinigten Staaten. Durch die Heilbutt-Lieferung schnellte St. Pierre und Miquelon in dieser Statistik nach oben und landete zunächst bei einem Zollsatz von 99 Prozent. Kurz darauf wurden die Strafzölle gegenüber dem französischen Eiland auf 50 Prozent angesetzt, dem weltweiten Höchstsatz. Nachdem der Fehler aufgefallen war, reduzierte das Weiße Haus den Zollsatz auf 10 Prozent.
Ein völlig absurder Vorgang, der auf einem Missverständnis beruhte. Das zeigt, wie schnell Kleinigkeiten zu diplomatischen Konflikten werden können.
Macrons Besuch im Außenposten war letztlich aber mehr als eine symbolpolitische Stippvisite. An St. Pierre und Miquelon ist eine große AWZ gekoppelt, eine Ausschließliche Wirtschaftszone. Das heißt, hier hat der Küstenstaat das Sagen, in diesem Fall Frankreich. Paris hat das alleinige Recht, auf alle natürlichen Ressourcen im Wasser, auf dem Meeresboden und Meeresuntergrund zuzugreifen. Das betrifft die Fischerei und auch die Rohstoffe. Dadurch wird klar, wie groß die Bedeutung von St. Pierre und Miquelon wirklich ist.
Die Ausschließliche Wirtschaftszone erstreckt sich von den Inseln aus nach Süden. Der Korridor ist nur etwa 20 Kilometer breit, aber 370 Kilometer lang.
Im Norden ist Grönland vergleichsweise nah. Das heißt, St. Pierre und Miquelon ist Frankreichs Tor zur Arktis. Eine Art geopolitisches Sprungbrett in die umkämpften nördlichen Breiten, in denen sich Russland, die USA, Kanada und China ein Wettrennen um Bodenschätze und Einfluss liefern. Trump wünscht sich, die gesamte Region in Rot, Weiß und Blau einzufärben.