Bewusst den Horizont erweiternWarum Urlaub ohne Smartphone alles andere als altmodisch ist

Nicht nur im Alltag, auch im Urlaub ist das Handy unser ständiger Begleiter. Der Reise-Autor Johannes Klaus empfiehlt, das Smartphone unterwegs einfach mal wegzulassen. Das könne Vertrauen stärken – in die Welt und eigene Fähigkeiten.
Das Smartphone ist unser ständiger Begleiter: beim Sport, im Job, auf der Couch oder sogar im Bett. Wenn es uns nicht gerade von wichtigeren Dingen ablenkt, kann es sehr nützlich sein. Es ersetzt den Einkaufszettel, erleichtert Buchungen, weist uns den schnellsten Weg. Wir erledigen unsere Bankgeschäfte damit ebenso wie das Bezahlen an der Kasse. Wer das Telefon verliert, hat ein Problem.
Die Kehrseite ist vielfach untersucht, das Handy macht uns bequem, es hält uns von kritischem Denken und körperlicher Aktivität ab, ständige Benachrichtigungen und Verfügbarkeit verursachen Stress. Auf das Gerät zu verzichten, erscheint uns im Alltag trotzdem unvorstellbar. Wie abwegig ist dann erst die Vorstellung, ihm in einem unbekannten Umfeld zu entsagen, etwa im Urlaub?
„Natürlich hat man mit dem Handy auf Reisen eine viel höhere Sicherheit, dass es gut wird und lecker schmeckt, das Hotel gescheit ist und man den Weg findet“, sagt Johannes Klaus, Autor von „Handy weg, Welt an – Eine Einladung, die Welt wieder mit eigenen Sinnen zu entdecken“, im Gespräch mit ntv.de. Gerade wer mit Kindern reise und andere Bedürfnisse bedienen müsse, sei auf das Handy stärker angewiesen. In manchen Situationen werde zudem längst erwartet, dass ein Handy vorhanden und mit allen notwendigen Apps ausgestattet sei, ob beim Einlesen einer Speisekarte per QR-Code im Restaurant oder Mitführen digitaler Tickets, die es analog gar nicht mehr gibt.
Warten und Ungewissheit
„Aber Kulturen und Menschen entdecken, sich auch überraschen zu lassen. Das ist, finde ich, dadurch verloren gegangen. Dabei ist es ein wertvoller Teil vom Unterwegssein.“ Von seinen Reisen hat Johannes Klaus früher im Blog Reisedepeschen berichtet, aus dem 2018 der gleichnamige Buchverlag hervorging. Er sei früher häufig alleine durch andere Länder gereist. „Ich habe dadurch diese Momente zu schätzen gelernt, die erst mal sehr unangenehm sind: auf irgendwas zu warten, nicht zu wissen, wie es weitergeht“, sagt er.
Dadurch hätten sich stets Räume für neues ergeben, für Gedanken oder Begegnungen mit anderen Menschen, „weil es ohne eine gewisse Offenheit gar nicht geht“. Mit seinem Buch möchte er Wege aufzeigen, wie sich trotz aller Vorteile und Gewohnheiten auch die positiven Aspekte der Vor-Smartphone-Ära umsetzen lassen, um die reale Umwelt intensiver wahrzunehmen. „Dieser selbstverständlichen Nutzung, dass das Smartphone die erste Antwort auf alle Fragen ist, möchte ich etwas entgegensetzen.“ Natürlich sei es naheliegend, sich per Buchungsplattform und Straßendienst ein Bild davon zu machen, was einen am Urlaubsort erwarten werde. Vor Ort bestätige sich dieser Eindruck entweder – oder er lasse sich wenigstens mit einem Filter Instagram-tauglich herrichten. „Reisen kann aber so viel mehr sein“, sagt Johannes Klaus.
Statt ständig nach der vermeintlich besten Option zu suchen, nach dem Restaurant mit einer Online-Bewertung von mehr als 4,5 Sternen, könne man sich nach einem einladend wirkenden Lokal umsehen oder jemanden nach einem guten Restaurant fragen. „Ein Ort wird dadurch sehr viel persönlicher, weil die Erfahrung nicht auf Bewertungen basiert, die andere Reisende hinterlassen haben, sondern auf einer persönlichen Empfehlung.“
In den meisten Fällen werde man durch diese Begegnungen auch mehr über die Menschen und somit Land und Kultur erfahren. „Es ist einfach nett, jemanden nach dem Weg zu fragen und ins Gespräch zu kommen. Man erhält nämlich nicht nur die Wegbeschreibung, sondern bekommt auch etwas von der Persönlichkeit des Menschen mit, der am Ende vielleicht einen tollen Tipp hat, der viel besser zu mir passt.“
Wenn er offen auf Menschen zugegangen sei, hätten sie ihn stets genauso offen empfangen. „Ich habe selbst die Möglichkeit, meine Begegnungen zu formen, je nachdem, wie ich auftrete.“
Digitaler Verzicht als Selbstermächtigung
Das Emanzipieren vom Smartphone erfordert das Selbstbewusstsein, das Leben ohne digitales Sicherheitsnetz meistern zu können – nicht unbedingt das, was wir im Alltag praktizieren. Er sei im Sommer mit seiner Familie nach Georgien gereist, ohne dort ein Datenpaket zu buchen, erzählt Johannes Klaus. Notwendige Planungen hätten sie mit der Internetverbindung im Hotel erledigt, unterwegs seien sie offline geblieben, „ohne die Möglichkeit, ständig überprüfen zu können, ob wir jetzt wirklich den effektivsten Weg gehen“.
Das habe zu manchen Umwegen und ein, zwei Situationen geführt, in denen die Laune etwas gesunken sei. „Die Kinder wachsen damit auf, dass sich alles zu jeder Zeit super präzise vorhersagen lässt“, sagt er. „Aber sobald sie merken, dass es keine Katastrophe ist, wenn nicht alles nach Plan läuft und sich eine andere Lösung findet, ist es völlig in Ordnung.“ Diese Erfahrung stärke das Vertrauen in die Umwelt und die eigenen Fähigkeiten.
Geht es um Vertrauen, setzen die meisten aber wahrscheinlich doch auf das Bekannte, und dazu gehört die Absicherung in Form des Smartphones. Es ermöglicht die punktgenaue Planung des Tages mit Abfahrtszeiten der öffentlichen Verkehrsmittel, in Echtzeit lassen sich Auslastung oder Wartezeiten der Touristenattraktionen abrufen. Wer Urlaub hat, möchte aus diesen Tagen gerne das Maximale rausholen.
Wertvolle, einzigartige Erlebnisse
Für Johannes Klaus schränken detaillierte Tagespläne die eigene Flexibilität eher ein. „Sehenswürdigkeiten sind etwas ganz besonderes, aber man sollte nicht alles danach ausrichten, wenn man woanders ist.“ Bleibt die Frage, wie man den Schritt in den Selbstversuch wagt. Urlaub ist den Menschen wichtig, bei allen Kostensteigerungen ist er laut Umfragen das letzte, worauf sie verzichten wollen. Ob sie die kostbare Zeit wohl gerne als Versuchslabor aufwenden wollen?
„Es ist ein Privileg, sich so sicher fühlen zu können, dass man auf das Sicherheitsnetz verzichten möchte“, sagt Johannes Klaus. Deshalb müsse man sich langsam herantasten. „Wenn man das Vertrauen entwickelt, dass der gefühlte Kontrollverlust nicht das Ende bedeutet, wird man durch Dinge belohnt, die man sonst nie gefunden hätte.“ Das könne ein Hinterhof mit einem nirgends verzeichneten Café sein, ein kleiner Laden, eine versteckte Bank am Flussufer. „Kontrolle aufzugeben und sich treiben zu lassen, führt zu Erinnerungen und Erlebnissen, die deutlich wertvoller sind als das Abhaken von den sehenswürdigsten Orten oder Gebäuden.“
