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Startseite»Politik»Bayreuther Festspiele: Wagners Oper „Rienzi“ und der NS-Schatten
Politik

Bayreuther Festspiele: Wagners Oper „Rienzi“ und der NS-Schatten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 26, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 26.07.2026 • 10:53 Uhr

Bei den Bayreuther Festspielen feiert heute „Rienzi“ Premiere. Die Wagner-Oper ist eng mit Hitler verwoben, wurde von den Nazis als „Erweckungserlebnis“ des Führers verklärt – und zeigt auch Parallelen zum heutigen Populismus auf.

Die Geschichte vom vermeintlichen Erweckungserlebnis Adolf Hitlers durch Richard Wagners Musik sorgt immer noch regelmäßig für Aufregung. Vieles in der Diskussion ist längst zum Mythos geworden. Zum einen, weil etliche Aussagen nur durch Überlieferungen von Weggewährten Hitlers stammen. Diese Quellen haben aus unterschiedlichen Gründen ein Interesse, die Erinnerung in einem gewissen Licht erscheinen zu lassen.

Hitler inszenierte aber vor allem selbst bewusst seinen Werdegang im Nachhinein als schicksalshaften Weg, gesäumt von Ereignissen, die das Narrativ der „Erweckung“ bestens bedienten. Dabei spielt Wagners Oper „Rienzi“ eine tragende Rolle.

Winifred Wagner begrüßt Adolf Hitler 1939 bei seinem Eintreffen in Bayreuth vor dem Festspielhaus. Die britisch-deutsche Schwiegertochter des 1883 gestorbenen Komponisten Richard Wagner leitete die Bayreuther Festspiele von 1930 bis 1944.

Wagner komponiert „Rienzi“ als verschuldeter Künstler

Wagner komponiert „Rienzi“ in den 1830er-Jahren als junger, verschuldeter Theatermann in Riga. Ein Komponist, der bis dato noch keinen Erfolg vorweisen kann und von Großem träumt. Genau in dieser Phase begegnet Wagner Cola di Rienzo, einer historischen Figur aus dem Rom des frühen 14. Jahrhunderts.

Ein Mann aus dem Volk, der als selbsternannter Tribun für das Volk kämpft. Gegen die korrupte Adelsherrschaft. Für Freiheit. Die Oper „Rienzi“ wird zur klingenden Umsetzung dieser Vision: Massenchöre, Fackelglanz, Trompetensignale. Die Idee eines Berufenen, der das Volk „erweckt“.

Adolf Hitler erlebt „Rienzi“ in Linz

Hier kreuzt sich die Biografie Hitlers mit dem Werk auf beklemmende Weise. Der jugendliche Hitler erlebt „Rienzi“ in Linz, vermutlich 1905. August Kubizek, Jugendfreund und später wichtige Quelle des sogenannten Erweckungsmythos, schildert in seinem Buch „Adolf Hitler mein Jugendfreund“ den Zustand „völliger Entrückung“ und eine nächtliche Szene auf dem Linzer Freinberg. Dort soll Hitler von seiner „Mission“ gesprochen haben: Das Volk zu Freiheit und Größe zu führen.

Später, bei den Bayreuther Festspielen 1939, soll Hitler den Satz gesagt haben: „In jener Stunde begann es.“ Die Oper wird zur Basis eines inszenierten Sendungsbewusstseins, mit dem sich ein politischer Führer als schicksalhaft Auserwählter darstellen kann.

Hier wird die Wagner-Oper „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ 1939 auf der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne (heute Berliner Waldbühne) auf dem Olympiagelände in Berlin aufgeführt.

„Rienzi“ im Nationalsozialismus

Allerdings ist „Rienzi“ für die NS-Propaganda Geschenk und Problem zugleich. Geschenk, weil sich das Stück wie ein Drehbuch für die Massenchoreografie lesen lässt. Ein Protagonist aus einfachen Verhältnissen, der das Volk erhebt. Einer, der den Kampf anführt gegen korrupte Eliten, der Einheit und Aufbruch beschwört. Dazu gehört die überwältigende Klangkulisse der Ouvertüre, die Trompetenrufe der Freiheit, der Jubel der Chöre. All das passt ideal zur Selbstinszenierung eines Regimes, das seine Macht über Bilder und Töne organisiert: Kein Nürnberger Parteitag ohne die „Rienzi“-Ouvertüre.

Problematisch für die Nazis ist, dass das Werk im Zusammenbruch endet: Rienzi wird von jener Masse verlassen, die er einst zu sich rief. Rom brennt, der Tribun stirbt. Also wird der Untergang als Märtyrertod romantisiert, als Opfer, das den Mythos eher befeuert als relativiert. Warum „Rienzi“ nicht nur damals als propagandistische Triebfeder funktionierte, sondern auch Parallelen zum heutigen Populismus bietet, zeigen folgende vier Motive.

„Rienzi“ und die Parallelen zum Populismus

Erstens: Die Figur des Volkstribuns. Rienzi ist der Mann, der von unten kommt, die da oben anklagt, einfache, pathetische Sprache spricht und große Versprechen gibt. Seine Reden, die alte Größe beschwören und einen unmittelbaren Draht zum Volk behaupten, wirken wie Vorläufer populistischer Rhetorik. Die arbeitet gerne mit Bildern der Wiederherstellung nationaler Würde, mit der Anklage gegen Eliten und sogenannte Systemparteien.

Zweitens: Die Ästhetik des Aufbruchs. „Rienzi“ inszeniert den Moment, in dem das Volk sich als Gemeinschaft erfährt: marschierend, singend, jubelnd. Diese Darstellung der Masse, die von einer einzigen Stimme geführt wird, ist attraktiv für politische Strategien, die auf Resonanzräume setzen: Demonstrationen als Show oder Social-Media-Inszenierungen als Teil der emotionalen Infrastruktur.

Katharina Wagner ist Urenkelin von Richard Wagner. Sie leitet die Bayreuther Festspiele seit 2008.

Drittens: Die Erzählbarkeit des Mythos. Populismus lebt von klaren Geschichten. Das Volk, der Verrat, der Retter. „Rienzi“ liefert genau diese Struktur – samt der biografischen Aufladung durch Hitler. Der Jugendliche im Theater, die Vision, der spätere Führer: Die NS-Propaganda nutzte diese Story, um politische Macht mit künstlerischer „Berufung“ zu vernetzen. Auch heutige populistische Akteure stellen sich gern als Figuren eines Schicksalsdramas dar, die durch Krisen „gerufen“ wurden.

Viertens: Die Blindheit gegenüber dem Ende. Populismus ist stark im Moment der Mobilisierung, schwach im Nachdenken über Folgen. „Rienzi“ sollte als Lehrstück lesbar sein. Die Verschiebung vom Tribun zum Autokraten, die Eskalation, die Gewalt, der Untergang. Ähnlich wie in der NS-Zeit werden solche Enden auch von Populisten ausgeblendet, wenn sie der Selbstinszenierung im Weg stehen.

Die Rolle der Bayreuther Festspiele

„Rienzi“ bei den Bayreuther Festspielen zu inszenieren, ist in vielfacher Hinsicht spannend. Zum einen empfand Wagner selbst das Stück als unwürdig, als nicht reif genug für seine von ihm 1876 ins Leben gerufenen Festspiele. Bisher ist der „Rienzi“ nicht im sogenannten „Bayreuther Kanon“ vertreten. Wagner hat 13 Opern geschrieben, davon werden in Bayreuth nur zehn gespielt.

Zum anderen ist gerade dieser Ort nationalsozialistisch stark aufgeladen: Als festes Kultur-Ritual im Propaganda-Kalender und mit der persönlichen, fast schon familiären Nähe Hitlers zur Familie Wagner.

Dieses Stück zeigt, wie Kunst zur Ressource politischer Begehrlichkeiten wird. Gerade für einen Ort wie die Bayreuther Festspiele eine Hypothek, an der sich die Inszenierung 2026 messen lassen muss.

Übertragung in ARD-Mediathek live

Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele wird am 26. Juli erstmals auf dem Grünen Hügel die Wagner-Oper „Rienzi“ aufgeführt. Regie führen die Hügel-Debütantinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditk. Die musikalische Leitung hat Nathalie Stutzmann. Die Titelpartie übernimmt der Tenor Andreas Schager. Die ARD-Mediathek überträgt live.

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Dr. Heinrich Krämer
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