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Startseite»Nachrichten»Das hätte der DFB gebraucht: Bellingham vs. Tuchel: Dieser „Zoff“ ist Englands größte Stärke
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Das hätte der DFB gebraucht: Bellingham vs. Tuchel: Dieser „Zoff“ ist Englands größte Stärke

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Nach dem Viertelfinale rasseln Thomas Tuchel und Jude Bellingham verbal aneinander. Doch dahinter steckt ein geheimer Plan des England-Trainers, der die Three Lions in neue Höhen treibt. Es geht um Egos, Perfektion – und eine Sache, die Tuchel bei der WM gelernt hat.

Mittlerweile wurden die Zitate zigfach interpretiert. Und dann noch einmal neu interpretiert und weiter analysiert. Die Rede ist von der Meinungsverschiedenheit, die Englands Chefcoach Thomas Tuchel und sein Starspieler Jude Bellingham an den Mikrofonen nach dem Viertelfinalsieg über Norwegen kundtaten.

Tuchel hatte angemerkt, dass seine Mannschaft „schlampig“ gespielt und „Glück“ gehabt habe. Als Bellingham, der beide Tore für England erzielt hatte, anschließend zu den Äußerungen befragt worden war, reagierte er zunächst abweisend, aber erklärte kurz darauf, dass sein Trainer die Anforderungen der Bedingungen nicht verstehe: „Vielleicht weiß er gar nicht, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu spielen“, sagte Bellingham. „Ich glaube, wir haben versucht, eine positive Atmosphäre zu schaffen, und das sollten wir auch im Halbfinale fortsetzen. Ich kann die Jungs gar nicht genug loben. Man gewinnt nicht jedes Spiel, indem man den Ball einfach nur herumspielt und tausend Pässe gibt. Manchmal muss man eben auch mit harten Bandagen kämpfen und dreckig gewinnen.“

Englands Bellingham widerspricht Thomas Tuchel

Vor dem Kracher gegen Argentinien wird deutlich, dass beide recht hatten und Anerkennung verdienen – und dass hinter den Worten viel mehr steckt. Eine Botschaft, ein Plan sogar, den die deutsche Nationalelf unter Julian Nagelsmann auch hätte gut gebrauchen können bei dieser WM.

Tuchel baut geschickte Geschichte

Zunächst einmal wirkt es natürlich wie ein ungewöhnlicher Affront, dass ein Spieler seinem Trainer, der in Deutschland nur in der zweiten und dritten Liga gespielt hatte, bevor er im Alter von 25 Jahren mit einer Knieverletzung seine Karriere beenden musste, vorwirft das Niveau eines heißen und hitzigen WM-Viertelfinals einfach nicht zu kennen und das Recht auf seine Meinung in gewisser Weise hinterfragt. Aber Tuchel hat mit Bellinghams bissiger Bemerkung genau das erreicht, was er wollte: Denn sein Starspieler stellte sich vor die Mannschaft, dachte nur an die Verteidigung seines Teams und lobte seine Mitspieler ausdrücklich.

Das war schon lange der Plan des deutschen Trainers. Er weiß, dass Englands Chance auf den WM-Titel nicht nur von Bellingham und Harry Kane abhängen darf, aber beide für einen etwaigen Triumph unverzichtbar sind. Dass er das Beste aus seinem Mittelfeldchef und aus der Mannschaft herauskitzeln muss. Dementsprechend hat Tuchel bei diesem Turnier die besonderen Fähigkeiten Bellinghams und seine vielen Tore selten gelobt, dafür aber seine warmen Worte auf die Momente konzentriert, in denen der Star von Real Madrid sich für die Mannschaft aufgeopfert und unermüdlich gegen den Ball gearbeitet hat. Er stellte ihn als „Teamspieler“ heraus, der sich „voll und ganz der Mannschaftsidee verschrieben“ habe, und baute geschickt eine Geschichte rund um Bellingham als Teil einer eingeschworenen Truppe – und nicht als Real-Superstar – auf.

Tuchel reagiert plötzlich total wütend auf Reporterfrage

Video poster

Auch am Tag vor dem großen Halbfinale stellte Tuchel in Atlanta auf Nachfrage von ntv.de auf der Pressekonferenz den Teamgeist seiner Mannschaft heraus. „Brotherhood on the highest level“ nennt er das. Bruderschaft auf dem höchsten Niveau. Dieser Charakter seiner Mannschaft mache ihn „sehr stolz“, erklärte er.

„Keiner von uns wird nervös“

„Was ich bei diesem Turnier noch mal gelernt habe: Im Grunde geht es beim Fußball um Zusammenhalt“, sagte Tuchel. „Wir haben diesen besonderen Teamgeist bereits im September geschaffen, und jeder hat sich auf höchstem Niveau darauf eingelassen. Das hat mir Sicherheit gegeben und meinen Glauben an die Mannschaft gestärkt. Sie ist bereit, jedes Mal absolut alles zu geben.“

„Wir hatten einen starken Zusammenhalt von Anfang an bei diesem Turnier“, erklärte auch Verteidiger Marc Guehi gegenüber einer kleinen Reportergruppe. „Unser Trainer hat die Gruppe super zusammengebracht. Seit dem Tag, als er bei uns übernommen hat, lautet seine Botschaft: Brotherhood. Füreinander da sein. Diese Mentalität kommt in den schwierigsten Momenten des Turniers zum Vorschein und keiner von uns wird dann nervös.“ Auch Tuchel bekräftigte auf der Pressekonferenz: „Wir geben einfach nicht auf – das ist das wichtigste Merkmal unserer Mannschaft.“

Genau nach diesem Muster hat Tuchel seinen WM-Kader zusammengestellt. Nicht die besten Einzelspieler dürfen mitfahren, sondern die, die am besten in sein System und ins Mannschaftsgefüge passen. Die Kritik prasselte bei der Nominierung von allen Seiten auf den deutschen Trainer ein, nun sind die Lästermäuler verstummt. Auch Julian Nagelsmann wollte das derart machen, beim DFB hat es aber überhaupt nicht funktioniert. Der Unterschied: Während Tuchel das Spiel der gesamten Mannschaft als zu schlampig kritisierte, griff Nagelsmann seine Kicker teilweise direkt an, wie etwa Deniz Undav.

Seitenhiebe an Bellinghams Ego

Auch bei Tuchel sind knallharte Offenheit und Schärfe schon immer ein Teil seiner Trainerpersönlichkeit, aber er hat dazugelernt. Während sein direkter Stil im Laufe der Jahre zu Problemen etwa beim FC Bayern oder beim FC Chelsea geführt hatte, weiß er nun, dass er zwar einzelne Spieler kitzeln, aber sie niemals an den Pranger stellen darf.

Natürlich ist da auch Stichelei von Tuchels Seite gegen Bellingham. Aber das kommt von Herzen, von einem Ort der Liebe. Er versetzt Bellinghams Ego subtile Seitenhiebe, denn er weiß, dass dieser große Spieler diese Dinge aushalten kann und dass sie ihn sogar noch besser machen. Dass sie Bellinghams gewisse Attitüde, dieses Superstar-Selbstbewusstsein anspornen und in Arbeit für die Mannschaft ummünzen können. Bei Neymar ging er in der Saison 2019/20 als PSG-Trainer ähnlich vor und kitzelte die beste Saison des Brasilianers seit 2015 heraus.

Diese Art Kabbelei hat Historie, seit Tuchel vor 18 Monaten den Job bei den Three Lions übernahm. In einem Live-Radiointerview im vergangenen Jahr sprach Tuchel von Bellinghams „Aggressivität, die auf den Gegner gerichtet sein muss“. Die kleinen Wortgefechte gingen so weit, dass mancher Experte glaubte, der Superstar würde auf die Bank gesetzt oder gar zu Hause gelassen werden.

Zwei rastlose Perfektionisten

Auch dieser Plan ging vollends auf. Bellingham wollte sich erneut beweisen und zeigt nun eine unglaubliche Leistung nach der anderen. Der 22-Jährige hat bei dieser WM sechs Tore erzielt, darunter zwei in zwei aufeinanderfolgenden K.o.-Spielen. Nur Pelé (1958 mit 17 Jahren) hat dies in einem jüngeren Alter geschafft. Ein Blick auf die Statistiken aus dem Norwegen-Spiel zeigen aber auch, wie Bellingham sich für seine Mannschaft zerreißt: Er hatte nicht nur mehr Schüsse aufs Tor und mehr Ballkontakte im gegnerischen Strafraum als jeder andere auf dem Platz, er gewann außerdem die meisten Zweikämpfe und lag bei der Anzahl der erfolgreichen Pressings in der gegnerischen Hälfte auf Platz zwei.

Vielleicht hat Bellingham auch irgendwann erkannt, dass er mit seinem neuen Nationalcoach schlichtweg viele Ähnlichkeiten hat. Tuchel ist bekannt als rastloser Perfektionist, der stets daran glaubt, dass es noch besser geht. Genau das hatte den Three Lions – und möglicherweise auch Bellingham – bisher gefehlt. Die beiden dominanten Persönlichkeiten sind unfassbar leidenschaftlich, ehrgeizig und kompromisslos, wenn es sein muss. Sie erwarten von allen um sie herum allerhöchste Standards und sind, was für England bei dieser WM wohl das wichtigste ist, absolute Gewinnertypen.

Bei solch großen Egos kommt es schon mal zu Reibereien. Ob Tuchel und Bellingham sich wirklich mögen? Irrelevant. Sie stacheln sich offensichtlich gegenseitig an. Und das funktioniert. England findet bei dieser WM immer einen Weg, überkommt alle Widerstände und kämpft sich am Ende irgendwie durch zum Sieg. Das sind Qualitäten, die eine Mannschaft nur auf den Platz bringt, wenn die Teamchemie stimmt, wenn jeder sich für den anderen reinhaut, wenn auch Superstars alles für den Nebenmann geben.

DFB sehnt sich nach Englands Miteinander

All das gehörte mal zu den sogenannten „deutschen Tugenden“. Doch es scheint, als wären diese seit beinahe Ewigkeiten abhandengekommen im DFB-Team. Nach Joachim Löws Ende und Hansi Flicks Debakel in Katar konnte auch Nagelsmann in der Mannschaft diese Gier, diesen Kampf und diese Bereitschaft zu leiden nicht entfachen. Eine geschlossene Einheit, die sich gegen Ecuador oder Paraguay gegenseitig hochpusht und irgendein Mittel findet, um doch noch den Sieg zu erringen, war bei den deutschen Kickern unauffindbar. So etwas hat in erster Linie immer mit dem Mann am Hebel zu tun.

Zoff? Kluft? Spaltug? Gibt’s nicht. Da sind nur zwei positiv Verrückte, die sich gegenseitig antreiben und nun noch zwei Chancen besitzen, um ihren ungebrochenen Siegeswillen zu beweisen. Superstar Jude Bellingham wird für den Teamgeist, den Thomas Tuchel seit Monaten von ihm fordert, wieder alles geben.

Verwendete Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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