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„Das Wasser, die ganzen Schreie“: Erinnerung an Ahrflut belastet Kinder bis heute

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Das Wasser, die ganzen Schreie“Erinnerung an Ahrflut belastet Kinder bis heute

Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen haben im Ahrtal bei Kindern zugenommen. (Foto: Thomas Frey/dpa)

Eine Nacht voller Angst, danach sind das Zuhause und Spielplätze zerstört: Kinder aus dem Ahrtal erzählen, wie sie die Flut erlebt haben. Und wie das Jahrhunderthochwasser ihr Leben bis heute prägt.

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe tragen viele Kinder im Ahrtal die Erinnerungen noch immer mit sich. Der heute 13-jährige Kiyan lebte damals mit seiner Familie direkt an der Ahr. Als sein Vater ihn nachts weckte und durch das Wasser zum Auto trug, glaubte er zunächst, er träume.

„Ich habe es nicht mal geglaubt, als es passiert ist“, erzählt er. Erst als seine Mutter ihm später Videos des zerstörten Hauses zeigte, wurde ihm das Ausmaß bewusst. Seine Spielzeuge, Kuscheltiere und Spielekonsolen seien verschwunden gewesen. „Dann war halt alles weg.“

Nach Starkregen kam es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zu einer verheerenden Sturzflut. Dabei starben 136 Menschen in Rheinland-Pfalz. Als die Flut kam, riss sie Autos, Häuser und Leben mit sich. Es folgte für viele Menschen eine harte Zeit voll Trauer, Frust und erzwungenen Neuanfängen.

Angst um Mama

Bei vielen Kindern sind nicht nur die Bilder der Wassermassen geblieben, sondern auch die Angst um Angehörige. Die zehnjährige Johanna erinnert sich daran, wie sie stundenlang mit ihrer Schwester am Fenster saß und auf ihre Mutter wartete. Diese hatte eine Nachricht geschickt, sie sei mit dem Auto beinahe von den Wassermassen erfasst worden. „Irgendwie hatte ich Angst gehabt“, sagt Johanna.

Der heute 13-jährige Max verbrachte die Nacht wach im Obergeschoss seines Hauses. Während das Wasser ins Erdgeschoss eindrang, verfolgte die Familie per Nachrichten die dramatische Lage der Großeltern. Diese saßen auf dem Dach ihres Hauses fest, während das Wasser immer weiter stieg. „Das Haus daneben ist auch schon zusammengekracht“, erzählt Max. Er erinnert sich an die Angst, dass den Großeltern etwas passieren könnte.

Währenddessen wurde die 13-jährige Josephine nachts durch Geräusche geweckt. „Dieses Wasser und die ganzen Schreie“, erinnert sie sich. Sie habe befürchtet, dass die Flut auch ihr Zuhause erreichen könnte. Ihr gleichaltriger Freund Mattis erinnert sich an den Morgen danach: Die Rollläden ließen sich wegen des Stromausfalls nicht mehr öffnen, draußen lag ein beißender Ölgeruch in der Luft. Erst nach und nach sei klar geworden, was passiert war.

Für viele Kinder wurde die Katastrophe vor allem in den Monaten danach spürbar. Spielplätze waren zerstört, Schulen beschädigt, Brücken unpassierbar. „Man konnte halt nichts machen“, erinnert sich Josephine. Auch Mattis erzählt, dass gerade in einem Alter, in dem er wie viele Jugendliche beginnen wollte, seine Umgebung selbstständig zu erkunden, plötzlich nichts mehr möglich war.

Dass Mattis und viele weitere Kinder mittlerweile wieder Tischtennis im Turn- und Sportverein Ahrweiler spielen können, dazu hat auch die Hilfsorganisation „Help – Hilfe zur Selbsthilfe“ beigetragen. Die Organisation sammelte nach der Flut rund sechs Millionen Euro fürs Ahrtal und förderte damit knapp 190 Projekte. Mattis‘ Sportverein erhielt Tischtennisplatten, Medizinbälle, Mietkosten und mehr für rund 30.000 Euro.

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Freizeitangebote für Kinder werden im Ahrtal nach und nach wieder aufgebaut. (Foto: picture alliance/dpa)

„Die Hilfe war und ist nicht ausreichend“

Dass Angebote für Kinder schlagartig wegfielen, sagt auch Regina Fredrich, Fachärztin für Kinder-/Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Die soziale Infrastruktur ist nach der Flut zusammengebrochen. Behelfsschulen, keine Sportplätze, keine Freibäder, keine Freizeitangebote – es gab ja nichts mehr“, sagt die Ärztin. Je nach Entwicklungsphase habe das die Kinder sehr belastet und belaste sie auch teils heute noch.

„Direkt nach der Flut wurden ein sogenanntes Traumahilfenetzwerk und ein Traumahilfezentrum aufgebaut, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu unterstützen“, berichtet sie. „Die akuten Hilfsangebote nach der Flut gibt es zum Teil nun nicht mehr, doch es kommen viele Familien auch jetzt erst und brauchen Hilfe und Behandlung“, sagt Fredrich. Für sie ist klar: „Die Hilfe war und ist nicht ausreichend.“

Mehr Angststörungen

Insgesamt sei der Bedarf an Behandlung immens gestiegen, die Praxen überfüllt, die Wartezeiten teils jahrelang. „Wir sehen eine deutliche Zunahme von Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen“, sagt die Ärztin. Die Gründe seien komplex, ein großer Anteil könne jedoch mit Corona und der Flut in Zusammenhang gebracht werden. „Viele Kinder und Jugendliche haben Verlustängste entwickelt, aber auch Ängste in der Dunkelheit oder bei Starkregen“, berichtet Fredrich. Auch Angst vor dem Schwimmen sei nicht selten.

Ein großes Problem für Kinder und Jugendliche sieht die Expertin auch in der hohen Belastung der Eltern, die teils immer noch mit dem Verlust finanzieller und existenzieller Sicherheit zu kämpfen haben. „Damit fallen die Eltern als Sicherheit für die Kinder weg“, sagt Fredrich. Die Kinder wiederum passten sich daran an und würden eigene Gefühle eher unterdrücken.

Aus Fredrichs Sicht bräuchte es mehr Freizeitangebote, mehr schnelle und unkomplizierte Hilfe für den Wiederaufbau. „Ein gutes Beispiel ist die Eisbahn, die im Winter aufgebaut wurde und gut angenommen wurde“, sagte sie. „Schwimmenlernen können die Kinder jedoch immer noch nur in einem sehr kleinen, veralteten Schwimmbad mit begrenztem Kursangebot.“

Dass viele Familien bleiben oder zurückkehren, kann laut Fredrich trotz allem mit einer großen Heimatverbundenheit in der Region zusammenhängen. Und auch der 13-jährige Kiyan sagt nach allen Verlusten: „Ich bin eigentlich sehr dankbar, dass ich hier groß geworden bin und ich finde es hier eigentlich sehr schön.“

Quelle: ntv.de, Alina Grünky, dpa

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