Ein Kommentar aus der Mimikama-Redaktion
Eine andere Meinung kann lästig sein. Besonders dann, wenn sie unter dem eigenen Beitrag steht. Aber seit wann braucht man eine Zustimmungserklärung, um an einer Diskussion teilnehmen zu dürfen?
Wir haben heute auf Facebook eine Frage gestellt: „Warum kommentieren Menschen eigentlich auf Seiten, deren Inhalte sie offensichtlich nicht ausstehen können?“
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Originalbeitrag und Diskussion auf Facebook öffnen
Darunter kam eine Antwort, die hängen bleibt: „Früher nannte man das eine Diskussion. Heute nennt man es die Invasion eines Meinungsfeindes, den es zu vernichten gilt.“ Man kann über das „Früher“ streiten. Aber diese „Invasion eines Meinungsfeindes“ beschreibt eine Haltung, die eine Diskussion schon erledigt, bevor sie begonnen hat.
Da schreibt jemand etwas, das einem nicht passt. Und plötzlich scheint das Argument nur noch eine Nebenrolle zu spielen. Interessanter wird, wo dieser Mensch sonst kommentiert und welches Profilbild er verwendet. Ein Blick darauf soll reichen, um ihn einzuordnen. Danach kann man sich die Mühe mit seinem Einwand sparen: Man weiß ja jetzt, mit wem man es zu tun hat. Zumindest glaubt man das.
Eine Kommentarspalte ist kein Fanclub
Es hat etwas Absurdes. Menschen veröffentlichen ihre Meinung öffentlich und behandeln den Widerspruch dann wie einen ungebetenen Besuch im Wohnzimmer. Dabei hat niemand bei ihnen angeläutet. Jemand hat auf einen Beitrag geantwortet, der ausdrücklich für andere sichtbar ist. Natürlich darf eine Seite Regeln haben. Aber „Du findest unsere Beiträge gefälligst gut“ wäre eine bemerkenswerte Hausordnung für einen Ort, an dem angeblich diskutiert werden soll.
Der Ausdruck „Meinungsfeind“ ist deshalb so treffend, weil er aus einem Menschen mit einer anderen Einschätzung eine Bedrohung macht. Ein Diskussionsgegner könnte einen auf einen Fehler aufmerksam machen. Er könnte in einem Punkt recht haben und im nächsten völlig danebenliegen. Ein Feind bekommt diesen Spielraum kaum noch. Bei ihm sucht man nach dem Angriff, auch wenn im Kommentar zunächst nur eine Nachfrage steht.
Dass wir die Feindseligkeit der anderen überschätzen können, ist auch wissenschaftlich untersucht. In einer US-Studie schätzten Anhänger der beiden großen Parteien deutlich zu hoch ein, wie stark die Gegenseite ihre Gruppe ablehnte und entmenschlichte. Diese Vorstellungen standen wiederum mit eigener Feindseligkeit in Zusammenhang. Das ist keine Erklärung für jeden Streit unter einem Facebook-Beitrag. Es ist aber ein guter Anlass, der eigenen Gewissheit „Die hassen uns sowieso“ gelegentlich zu misstrauen. [Quelle]
Wenn Gegenrede als Angriff gilt
Wer sich angegriffen fühlt, kann nämlich erstaunlich großzügig mit dem eigenen Verhalten werden. Die persönliche Spitze war dann bloß eine angemessene Antwort. Die Beschimpfung hat sich der andere selbst zuzuschreiben. Und wenn mehrere gemeinsam auf einen Einzelnen losgehen, gilt das womöglich als verdienter Gegenwind. Im eigenen Kopf kann man sich dabei weiterhin für einen ausgesprochen sachlichen Menschen halten. Schließlich hat der andere angefangen – spätestens damit, dass er überhaupt aufgetaucht ist.
Dabei müsste man für eine brauchbare Diskussion etwas zulassen, das sich im Moment ziemlich unangenehm anfühlen kann: Der andere könnte einen berechtigten Punkt haben. Vielleicht ist die eigene Formulierung ungenau. Vielleicht trägt ein Beleg weniger weit, als man dachte. Wer das prüft, riskiert, vor den Mitlesenden etwas zurücknehmen zu müssen. Den anderen für einen Trottel zu erklären, erspart einem diese Zumutung vorerst. Nur weiß man hinterher über die Sache genauso viel wie vorher.
Auch ein heftiger Streit kann fair bleiben
Im Kommentar unter unserer Frage steht auch der Wunsch, wieder sachlich und ohne Emotionen zu streiten. Ganz ohne Gefühle muss das gar nicht sein. Wer über etwas diskutiert, das ihn persönlich betrifft, wird kaum klingen wie die Bedienungsanleitung eines Druckers. Ärger darf vorkommen, und eine Antwort darf deutlich sein. Man kann jemandem energisch widersprechen, ohne dessen Würde zur Verhandlungsmasse zu machen.
Das bedeutet auch nicht, dass jede Behauptung als Meinung durchgewunken werden muss. Ein gefälschtes Foto bleibt gefälscht, auch wenn jemand leidenschaftlich an seine Echtheit glaubt. Wer einen Fehler belegt, darf ihn klar benennen. Aus diesem Beleg ergibt sich aber keine Generalvollmacht, den Menschen dahinter nach Belieben zu demütigen. Und eine politische Bewertung lässt sich ohnehin nicht immer mit derselben Eindeutigkeit entscheiden wie die Herkunft eines Bildes.
Die eigene Seite bekommt keine Ausnahme
Für uns als Mimikama gilt das genauso. Ein freundlicher Kommentar kann falsch sein. Ein Mensch, der uns nicht leiden kann, kann einen Fehler in unserem Artikel finden. Wenn wir das eine übersehen, weil uns die Zustimmung freut, und das andere abwehren, weil uns der Absender ärgert, machen wir es uns bequem. Unsere Arbeit wird dadurch schlechter. Auch die eigene Anhängerschaft hilft uns wenig, wenn sie einen berechtigten Einwand mit Spott beantwortet.
Selbstverständlich muss niemand Drohungen oder gezielte Belästigung dulden. Wer andere wiederholt persönlich angreift, kann ausgeschlossen werden. Eine Diskussion braucht Grenzen, damit überhaupt Menschen daran teilnehmen wollen. Nur sollte man benennen können, welches Verhalten diese Grenze überschritten hat. „Der ist gegen uns“ reicht dafür nicht.
Unter unserer Frage stand am Ende: „Ein Mensch mit einer anderen Meinung ist nicht mein Feind, sondern nur ein Mensch mit einer anderen Meinung.“ Dem lässt sich leicht zustimmen, solange man an irgendeinen vernünftigen Andersdenkenden denkt. Schwieriger wird es bei dem konkreten Menschen, dessen Kommentar einen gerade auf die Palme bringt. Ihm noch eine faire Antwort zu geben, wäre dann tatsächlich eine Leistung. Ihn gemeinsam fertigzumachen und dafür Likes einzusammeln, ist die bequemere Übung.
Moore-Berg et al. · PNAS
11. Juni 2020
Kostenlos · der tägliche Mimikama-Newsletter
Fakten statt Aufregung. Direkt in dein Postfach.
Die wichtigsten Faktenchecks und Meldungen des Vortags – jeden Morgen kostenlos und unabhängig vom Social-Media-Algorithmus.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)
