Direkt nach der „Wahl“?Ukraine: Russland will Hunderttausende Soldaten mobilisieren
Vergangene Warnungen der Ukraine, dass Russland eine große Mobilisierungswelle von Soldaten für den Krieg plane, bewahrheiteten sich nicht. Nun gibt es neue Hinweise aus Kiew. Noch in diesem Jahr soll es losgehen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Kremlchef Wladimir Putin erneut vorgeworfen, eine großangelegte Mobilisierung zu planen. Die massenhafte Rekrutierung von Soldaten werde für den Herbst vorbereitet, gleich nach der Parlamentswahl im September, sagte Selenskyj in einer abendlichen Videobotschaft und berief sich auf Geheimdienstinformationen und russische Dokumente.
Bis zum Jahresende gehe es um mehrere Hunderttausend Russen und noch einmal ungefähr so viele für das nächste Jahr, behauptete er. Putin wolle den Anschein erwecken, dass die Russen den Krieg gegen sein Land angeblich unterstützen.
Die landesweite Parlamentswahl ist in Russland vom 18. bis 20. September angesetzt. Erst am Vortag war mit der liberalen Oppositionspartei Jabloko die einzige Partei ausgeschlossen worden, die den russischen Angriffskrieg offen ablehnt.
Selenskyjs Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen. Auch in der Vergangenheit hatte Kiew Moskau mehrfach vorgehalten, eine weitere Mobilisierung vorzubereiten, ohne dass es dazu kam. Die Frage, ob es in diesem Herbst zu einer neuen Mobilisierungswelle kommt, wird aber auch von Beobachtern viel diskutiert. Bei der großen Mobilisierungswelle im Herbst 2022 waren rund 300.000 Männer eingezogen worden.
Experte skeptisch
Der Russland-Experten Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft schrieb kürzlich in einem Beitrag auf X: „Ich bin etwas skeptisch, was eine ‚russische Mobilmachung 2.0‘ in diesem Jahr angeht. Die Rekrutierung funktioniert immer noch einigermaßen. Es gibt zwar Nebenwirkungen, aber bislang sind diese politisch weniger problematisch als eine weitere Mobilmachungsrunde es wäre.“
Außerdem sei er sich nicht sicher, ob dies den Kriegsverlauf entscheidend verändern würde, schrieb Kluge weiter. „Die Kontrolle über den Luftraum über Russland und der Raketenbeschuss von Kiew sind derzeit wahrscheinlich Putins oberste Prioritäten. Die Frontlinie spielt dabei nur eine indirekte Rolle. Sie dient viel mehr als Mittel, um Druck auf Kiew auszuüben, damit es kapituliert; das Territorium ist zweitrangig.“
Die meisten der in der Ukraine befindlichen russischen Soldaten haben sich freiwillig verpflichtet und einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterzeichnet. Andere wurden zur Unterzeichnung gedrängt oder gezwungen. Kluge beziffert die Zahl der Vertragssoldaten anhand von Berichten zum russischen Staatshaushalt insgesamt auf knapp 555.000. Weitere 168.500 Soldaten sollen mobilisiert worden sein.
