Die weltweite Aids-Bekämpfung steht nach dem Wegfall von US-Geldern vor enormen Herausforderungen. Wie sie in Zukunft aussieht, ist unklar. Experten sehen in der aktuellen Lage aber auch eine Chance.
Gegenüber des Schreibtischs im Büro von Tereza Kasaeva steht eine kleine Skulptur. In blauen und roten Großbuchstaben steht „End TB“, also „Tuberkulose beenden“, auf ihr geschrieben. Das Büro von Kasaeva ist in der siebten Etage der Zentrale der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf. Die Skulptur ist eine besondere: Menschen aus Kenia hätten das kleine Kunstwerk selbst gemacht und ihr geschenkt, erzählt die Medizinerin Kasaeva. „Eine Ermunterung“, sagt sie, „sich jeden Tag aufs Neue weiter zu engagieren“.
Tereza Kasaeva leitete seit 2018 das globale Tuberkulose-Programm der Weltgesundheitsorganisation. Jetzt ist sie die Direktorin einer neuen Abteilung und nicht nur für Tuberkulose, sondern auch für den Kampf gegen Aids, Hepatitis und sexuell übertragbare Infektionskrankheiten zuständig. Aus zwei WHO-Abteilungen wurde also eine.
30 Prozent weniger Personal, 40 Prozent weniger Geld
Es ist eine von vielen Reformen, seit dem Rückzug der USA, dem früher größten Geldgeber der WHO. „Unser Bereich war von den Kürzungen mit am meisten betroffen. Zwei der größten WHO-Abteilungen wurden zusammengeführt und müssen nun mit 30 Prozent weniger Personal und mehr als 40 Prozent weniger Geld auskommen. Das klingt echt bedrohlich und war ein Schock für uns.“ Aber jetzt, etwa anderthalb Jahre später, könne man sagen, dass „wir unsere Arbeit aufrechterhalten konnten und uns fast wieder erholt haben“.
Doch gerade die weltweite Bekämpfung der Aids-Epidemie ist zunehmend unter Spar- und Reformdruck. UNAIDS, das 1996 eingerichtete Aids-Programm der Vereinten Nationen, steht auf der Kippe. Ebenfalls in Genf, direkt gegenüber der WHO-Zentrale, liegt die Zentrale von UNAIDS. Das Personal dort wurde bereits um über die Hälfte reduziert. Angesichts der allgemeinen Finanzierungskrise der Vereinten Nationen ist geplant, UNAIDS bis 2027 auslaufen zu lassen. Wie genau es dann weitergeht, ist noch unklar.
Fast 41 Mio. Menschen weltweit leben mit HIV
Klar ist aber schon jetzt, dass die ab Januar 2025 abrupt gekürzten US-Hilfen Folgen haben werden. Insbesondere die Behandlung HIV-infizierter Kinder und die Prävention sind eingeschränkt. Laut UNAIDS lebten im vergangenen Jahr fast 41 Millionen Menschen mit HIV, darunter 1,3 Millionen Kinder.
Die Kürzung hat vielen Menschen wirklich das Leben gekostet. Von einem Tag auf den anderen waren Gelder nicht mehr da, mussten Kliniken geschlossen werden. Und die Kürzungen für die WHO sind absolut dramatisch.
Gesundheitsexperte Benn erhofft sich dennoch einen positiven Effekt: „Nach diesen Kürzungen habe ich in sehr vielen Sitzungen gesessen, auch mit afrikanischen Gesundheitsministern. Und was ich dort gehört habe, war immer: Das ist aber auch ein Weckruf für uns. Wir hatten eine zu große Abhängigkeit. Gerade von den USA. Wir müssen jetzt selber mehr Verantwortung übernehmen. Das hilft nicht unbedingt der WHO, aber das hilft den Programmen in den Ländern.“
Aids-Bekämpfung in Afrika macht große Fortschritte
Langfristig gesehen könnte sich die aktuelle Finanzierungskrise möglicherweise sogar als heilsamer Schock für die WHO erweisen: „Ich habe in Afrika in den 80er und 90er Jahren als Arzt gearbeitet und habe viele Menschen an Aids sterben sehen. Wenn ich jetzt die Zahlen sehe: Wahnsinn, was da passiert ist. Das ist wie Tag und Nacht.“ Die Sterblichkeit sei um 60 Prozent zurückgegangen, die Neuinfektionen um 40 Prozent. Das sei riesig, wirklich historisch im Bereich der globalen Gesundheit. „Das darf man nicht vergessen. Das ist bei Malaria und anderen Krankheiten ähnlich“, so Benn.
Bei der Weltaidskonferenz in Rio de Janeiro wird es nun darum gehen, Wege und Gelder zu finden, damit neu entwickelte Medikamente auch Menschen in den ärmsten Ländern zugutekommen.

