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„Frage von Leben und Tod“?: Ägypten riskiert viel mit Mega-Projekten in der Wüste

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 23, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Frage von Leben und Tod“?Ägypten riskiert viel mit Mega-Projekten in der Wüste

Blick auf einen Kanal, der in der Wüste im Norden Ägyptens im Rahmen des neuen Agrarprojekts „New Delta“ gebaut wurde. (Foto: picture alliance/dpa)

Ägypten ist geradezu vernarrt in Megaprojekte in der Wüste. Sie sollen Allheilmittel sein bei der rasant wachsenden Bevölkerung und immer knapper werdendem Wasser. Neuestes Beispiel: das „New Delta“.

Tief in der beigefarbenen Wüste sind riesige grüne Kreise aufgetaucht, mitten im kargen Nirgendwo von Ägypten. Auf Satellitenfotos ist aus dem Weltall zu sehen, dass hier kahle Wüste in grünes, fruchtbares Land verwandelt werden soll – und mithilfe sogenannter Kreisberegnung entstehen kreisförmige Anbauflächen. Die Regierung feiert das im Mai eingeweihte „New Delta“ als eines der größten Landwirtschaftsprojekte weltweit.

Weizen, Mais, Gemüse und Exportpflanzen wie Oliven und Feigen sollen hier wachsen auf einer Fläche, die mehr als der zehnfachen Größe Berlins entspricht. Gekostet hat das Projekt rund 15 Milliarden US-Dollar, mit dem Ziel, die Agrarfläche des Landes um 15 Prozent zu erweitern.

Ein-undatiertes-Handout-zeigt-die-New-Delta-Wastewater-Treatment-Plant-in-Aegyptens-Wueste-die-zum-Zeitpunkt-der-Einweihung-im-Mai-2026-groesste-Anlage-weltweit-zur-Wiederaufbereitung-von-Abwasser-aus-der-Landwirtschaft-im-Rahmen-des-Wuesten-Agrarprojekts-New-Delta-Aufnahme-mit-einer-Drohne
Ein undatiertes Handout zeigt die New Delta Wastewater Treatment Plant in Ägyptens Wüste, die zum Zeitpunkt der Einweihung im Mai 2026 größte Anlage weltweit zur Wiederaufbereitung von Abwasser aus der Landwirtschaft, im Rahmen des Wüsten-Agrarprojekts „New Delta“. (Foto: picture alliance/dpa/Orascom Construction)

Aber warum ausgerechnet hier, wo nichts wächst und wo man zwischen Schnellstraße und einer gelegentlichen Tankstelle das Gefühl hat, auf dem Mars unterwegs zu sein und nicht in Nordafrika? Und warum bauen Ägypten und die Golfländer neben Agrarflächen auch neue Städte und Tourismusgebiete in der Wüste, wo es eigentlich kein Wasser und keinerlei Infrastruktur gibt?

„Wüsten-Träume“ über Jahrzehnte

Schon lang träumten Ägyptens Herrscher davon, soziale und wirtschaftliche Probleme durch Entwicklung der Wüste zu lösen, heißt es in David Sims Buch „Egypt’s Desert Dreams“. Nur vier Prozent des Landes sind landwirtschaftlich nutzbar. Und die Wüste auf beiden Seiten des Nils, die mehr als 95 Prozent der Landesfläche ausmacht, erwecke den Eindruck der Möglichkeit für „grenzenloses Wachstum“. Mit Agrarflächen, Städten und Vorstädten und als „fast grenzenloser Trakt“ für Autobahnen, Fabriken, Erholung und Tourismus.

In Ägypten ist die Wüste damit eine Art Hoffnungsträger, um viele Probleme anzupacken. Auch in der Golfregion gab und gibt es teils gigantische Bau- und Agrarprojekte. Viele scheiterten als Geisterstädte, die buchstäblich versandeten, und als Agrarflächen, die weit hinter erklärten Zielen zurückblieben. Die politischen Ambitionen überstiegen dabei oft das, was technisch machbar ist.

Auch finanziell sind die Projekte aus Sicht vieler Ökonomen eine Katastrophe. Denn Ägypten kann sie in seiner schweren Wirtschaftskrise kaum finanzieren. Geld kam vielfach aus den reichen Golfstaaten, aber deren Bereitschaft für Investitionen in Ägypten sinkt. Die Projekte haben die Auslandsverschuldung des Landes, derzeit bei über 160 Milliarden Dollar, in die Höhe schießen lassen. Dabei ist es Kairo gelungen, mit umstrittenen Methoden mehr und mehr Kredite aufzunehmen. So gibt es immer neue Anläufe für Wüsten-Projekte.

Problem Nummer Eins: Bevölkerung

Ägypten zählt 109 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen – im Jahr 2050 könnten es 160 Millionen sein. Weil Platz entlang des Nils und im Nildelta knapp wird, muss expandiert werden, argumentieren Regierungen seit Jahrzehnten. So entstanden auf Wüstengebiet Planstädte wie Nasr City, 6th of October, Sheikh Zayed und New Cairo, die heute vom Großraum Kairo mit mehr als 20 Millionen Einwohner verschluckt werden. Allerdings ist der Wohnraum hier für die meisten ägyptischen Familien unbezahlbar. Viele der neu gebauten Städte – etwa 40 in den letzten 10 Jahren – blieben auch Jahre später meist unbewohnt.

Auch die Neue Verwaltungshauptstadt (NAC) mit geschätzten Kosten von 58 Milliarden US-Dollar soll das überfüllte Kairo entlasten. Bisher zogen aber nur einige Zehntausend Menschen dorthin, angepeilt wurden sechs Millionen. Kritische Stimmen sehen vielmehr einen Versuch, Ägyptens Machtapparat räumlich vom Rest der Bevölkerung zu trennen. Das Forschungsprojekt Built Environment Observatory (BEO) stellte schon 2016 fest, dass etwa das Nildelta überhaupt nicht „überfüllt“ sei und dies vielmehr ein Vorwand sei für teure Megaprojekte in der Wüste.

Problem Nummer Zwei: Lebensmittel

Um die schnell wachsende Bevölkerung zu ernähren, ist Ägypten stark auf Importe angewiesen. Das Land ist beim Grundnahrungsmittel Weizen der größte Importeur weltweit, auch Mais und Sojabohnen werden importiert als Futter für die Geflügel- und Viehwirtschaft. Mit dem „New Delta“ oder dem großen Projekt Tuschka im Süden will Ägypten unabhängiger werden und verhindern, dass etwa der Ukraine- oder der Iran-Krieg zu Importausfällen führen und ägyptische Familien deshalb nicht genug zu essen haben.

Die Entwicklung der neuen Gebiete sei „eine Frage von Leben und Tod“, sagt der Leiter des Wüsten-Forschungszentrums (DRC) in Kairo, Hussam Schauki, der dpa. „Selbst, wenn man nur das Minimum an Lebensmitteln für diese Bevölkerung sichern wolle, müsse man horizontal expandieren“, sagt er. Das DRC führt Studien zur Beschaffenheit von Wüstenboden, um zu testen, ob dieser etwa in landwirtschaftliche Fläche verwandelt werden kann.

Saudi-Arabien ließ schon in den 1980er Jahren auf riesigen Feldern in der Wüste Weizen anbauen, um Lebensmittelsicherheit zu erreichen. Riad beendete das Programm 2008, weil nicht erneuerbares Grundwasser übernutzt wurde – ein Risiko, das auch im „New Delta“ droht. Inzwischen investiert das Königreich aber wieder Milliarden in neue Agrar-Technologie, etwa mit Hydrokulturen und Künstlicher Intelligenz. Auch Katar verfolgt solche Pläne.

Problem Nummer Drei: Wasser

Das Leben in diesen Wüstenregionen kreist um eine zentrale Herausforderung: Es gibt zu wenig Wasser. Die Golfstaaten und ihre in die Wüste gebauten Metropolen Dubai oder Riad wären heute unbewohnbar ohne Hunderte Anlagen, mit denen Meerwasser unter hohem Energieverbrauch entsalzt und in Trinkwasser verwandelt wird. Wasser ist neben fehlender Finanzierung ein Grund, warum offen ist, ob Saudi-Arabiens futuristische Planstädte „Neom“ und „The Line“ oder Tourismusprojekte am Roten Meer jemals gebaut werden.

Auch das vom Nil abhängige Ägypten kämpft mit extremer Wasserknappheit – und das „New Delta“ ist ein Versuch, dem Problem etwas entgegenzusetzen. Abwasser aus der Landwirtschaft wird dafür über 170 Kilometer gepumpt – teils ist die Rede von einem „neuen Nil“ – zu der nun weltgrößten Anlage ihrer Art. Sie kann unfassbare 7,5 Millionen Kubikmeter Wasser täglich aufbereiten, also eine Wassermenge von etwa 3000 olympischen Schwimmbecken jeden Tag.

Viele Fragen bleiben. Werden Nil-Arme und Grundwasser-Reservoirs, die für das „New Delta“ auch angezapft werden, nicht überstrapaziert? Trifft das – wie befürchtet – kleinere Landwirte im Norden? Wird der Boden durch den schweren Einsatz von Düngemitteln, die in der porösen, sandigen Erde notwendig sind, versalzen? Und steht der enorme Energieverbrauch wirklich für den Nutzen oder wäre es nicht viel effizienter, alte Agrargebiete zu modernisieren?

Die Wüste sei ein gefährliches Trugbild für Entwickler, sagte Stadtplaner Sims vor einigen Jahren bei einem Vortrag in Kairo – eine Fata Morgana im „Traum von der Moderne“.

Quelle: ntv.de, Johannes Sadek, dpa

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