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„Grenzgang“ sorgt für Wirbel: Blackfacing in Hessen – wenn ein Brauchtum aus der Zeit fällt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 15, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Grenzgang“ sorgt für WirbelBlackfacing in Hessen – wenn ein Brauchtum aus der Zeit fällt

15.08.2026, 10:16 Uhr Von Torsten Landsberg
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Ist Blackfacing noch zeitgemäß? (Foto: Grenzgangsverein Biedenkopf e.V.)

Alle sieben Jahre feiert die hessische Kleinstadt Biedenkopf ein Volksfest. Im Zentrum steht eine schwarz geschminkte Figur, die eine heute als rassistisch geltende Bezeichnung trägt.

Wenn man alle sieben Jahre zum Feiern zusammenkommt und selbst die längst Ausgeflogenen in die Heimat zurückkehren, schwingen dabei viele Emotionen mit. Es geht um Tradition, Brauchtum und Verbundenheit – ein bisschen Vertrautes in einer Welt im Krisenmodus. Am besten bleibt alles beim Alten, Veränderungen können da schnell stören. Trotzdem ist die hessische Kleinstadt Biedenkopf alle sieben Jahre, inmitten von Vorbereitung und Vorfreude auf ihren „Grenzgang“, mit Kritik konfrontiert. 

Denn fester Bestandteil des jahrhundertealten Brauchs ist eine schwarze Figur, für die sie in Biedenkopf eine rassistische Zuschreibung verwenden. Sie steht auf der Website des Grenzgang-Vereins, in einem Beitrag des Hessischen Rundfunks nutzen sie ganz selbstverständlich ein Vertreter des Vereins, der Bürgermeister sowie ein Bewohner, der die umstrittene Figur in diesem Jahr verkörpert – ein weißer Mann, der dafür schwarz geschminkt wird. „Ich bin der Mohr aller Bürger“, sagt er. Der Begriff stört ihn ebenso wenig wie das Blackfacing. Das Anmalen, um eine Person mit anderer Hautfarbe darzustellen, gilt ebenfalls als rassistisch und verletzend: Die Betroffenen würden karikiert und ihre Identität werde wie ein Kostüm getragen.

„Man muss von den Leuten keine Promotion in postkolonialen Studien erwarten“, sagt Christina Brüning, Professorin für Didaktik der Geschichte an der Universität Marburg, im Gespräch mit ntv.de. „Das ganz sachliche Argument, dass Menschen sich davon verletzt fühlen, also eine grundlegende Empathie, müsste ausreichen, um diese Tradition kritisch zu diskutieren.“ Brüning forscht unter anderem zu Postkolonialismus und spricht von einer „kollektiven Amnesie“ als Folge unzureichender Aufarbeitung der kolonialen Historie: „Geschichtsvergessenheit macht es den Leuten leicht, die koloniale und rassistische Vergangenheit auszublenden und sich zu Fasching als Inuit zu verkleiden oder eben Blackfacing zu betreiben und das als komödiantische Darstellung zu verharmlosen.“

Obwohl studentische Gruppen, der Ausländerbeirat im nahen Marburg und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland die Inszenierung in der Vergangenheit kritisierten, läuft die Figur auch in diesem Jahr mit Säbel und in Uniform zu Blasmusik den Grenzgang ab. Bei ihren Volksfesten lassen die Deutschen nur ungern Raum für kritische Reflexion. Immer wieder gibt es Debatten über die Musikauswahl, selbst für das „Donaulied“ finden sich bis heute Fürsprecher, obwohl der Protagonist darin ein schlafendes Mädchen vergewaltigt und schwängert. Bis 2024 gehörte es beim „Klaasohm“ auf der Nordseeinsel Borkum zum guten Brauch, Frauen zu jagen und ihnen mit Kuhhörnern auf den Po zu schlagen. Blackfacing ist nach wie vor im Karneval und bei Sternsingern zu finden. Einigkeit darüber, wann Brauchtum aus der Zeit gefallen ist, herrscht selten.

Schwarze Figur zur Abschreckung?

An Historie mangelt es dem Grenzgang in Biedenkopf nicht, er geht auf Streitigkeiten mit Nachbargemeinden im Mittelalter zurück. Um zu vermeiden, dass die ihr Gebiet heimlich ausweiteten, wurden 1682 regelmäßige Grenzbegehungen angeordnet. Im 19. Jahrhundert entstand daraus ein dreitägiges „fröhliches Treiben“, heißt es auf der Webseite des Vereins. Ab wann und aus welchem Grund die heute umstrittene Figur Teil des Volksfestes wurde, ist nicht klar belegt. Erstmals vermerkt wurde sie wohl 1809. Eine Lesart besagt, dass die Schwarze Person die Bewohner der Nachbargemeinden abschrecken sollte.

„Viele Menschen denken, die deutsche Kolonialgeschichte sei nur kurz gewesen und spiele deshalb heute keine Rolle“, sagt Brüning. Kolonial-rassistische Propaganda und stereotype Bilder über Schwarze Menschen habe es bereits lange vor den ersten deutschen Kolonien gegeben. „Schwarze Menschen wurden als ‚M‘ an den Hof geholt, weil das schick war. Sie wurden entmenschlicht, man hat sie in ihren Heimatorten entführt oder gekauft und irgendeinem Fürsten geschenkt.“ Dem Kindesalter entwachsen, seien sie häufig verstoßen worden.

Schwarze Hofdiener und Bedienstete stellten bereits im 17. und 18. Jahrhundert als Prestigeobjekte den Herrschaftsanspruch des Adels heraus, die Idee von der Überlegenheit der weißen „Rasse“ verbreitete sich. Auch den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts rechtfertigten die deutschen Kolonialisten mit angeblichen biologischen Gesetzen.

Rechtfertigt das Vergnügen die Diskriminierung?

Wissenschaft und Forschung, Stiftungen und Initiativen werden nicht müde zu erklären, dass rassistische Stereotype auch verbreiten kann, wer eigentlich gar nicht rassistisch denkt. Gleichzeitig kann die Forderung, ein lokales Fest müsse sensibel und bereit sein, eine Figur im zeitlichen Kontext zu hinterfragen, schnell als Verbot nicht nur einer Tradition, sondern auch als Angriff auf die eigene Identität verstanden werden. Blendet hier die Mehrheitsgesellschaft den historischen Kontext und reale Diskriminierungserfahrungen der Betroffenen zugunsten des eigenen Vergnügens aus?

Wer auf der Nutzung des M-Wortes beharre, stelle eine vermeintlich relevante Hautfarbe als einziges Merkmal einer Person heraus, sagt Brüning. „Wenn die Schwarze Community sagt: ‚Das verletzt uns!‘, müsste eine aufgeklärte Gesellschaft in der Lage sein, diese Perspektive zu übernehmen.“ Die Stadt Kassel habe vorgemacht, dass es möglich sei: Als erste Kommune in Deutschland beschloss die Stadt 2021, dass jegliche Verwendung des M-Wortes eine rassistische Fremdbezeichnung für Menschen afrikanischer Abstammung und somit rassistisch ist. Sie folgte damit einem Aufruf der Vereinten Nationen.

„Es ist bezeichnend, dass sich dieser sehr unkritische Umgang in Biedenkopf halten kann“, sagt Brüning. „Selbst Dreijährige verstehen: ‚Wenn jemand sagt: Das tut mir weh, dann mache ich das nicht mehr'“. Die Schwarze Community habe viele Jahre investiert, um zu erklären, dass Blackfacing aus einer rassistischen Tradition stamme und sie verletze. „Es muss möglich sein, ein solches Fest zu begehen, ohne auf entwürdigende rassistische Begrifflichkeiten und Darstellungen zurückzugreifen.“

Quelle: ntv.de

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