Haariger Anti-Doping-Kampf
Spitzensportler dürfen „nie sicher sein, nicht kontrolliert zu werden“
Gleich zwei deutschen Sportlern drohen Doping-Sperren, ohne dass sie einen positiven Test abgegeben haben. Dazu sorgen die nächtlichen Kontrollen bei der Tour de France für Aufregung. Der Kampf gegen das Illegale tanzt auf einem „schmalen Grat“.
Dopingkontrollen mitten in der Nacht vor einer schweren Tour-Etappe, teils jahrelange Sperren auch ohne positiven Test, Klagen über Eingriffe ins Privatleben, dazu das lukrative Guerilla-Event Enhanced Games: Der Anti-Doping-Kampf scheint derzeit in einer Rechtfertigungsschleife gefangen. Und doch, betont Lars Mortsiefer, verspürt er hohe Akzeptanz.
„Alle, auch im internationalen Kontext, werden unterschreiben, dass ein Doping-Kontrollsystem, eine kontinuierliche und nachhaltige Anti-Doping-Arbeit, wichtig und sinnvoll ist für die Integrität des Sports“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA): „Ich denke, das würde niemand von den Athletinnen und Athleten anders sehen.“
Aber warf Mortsiefer ein, „je nachdem, wann man sie zur Anti-Doping-Arbeit konfrontiert, beispielsweise nach einer unglücklichen Niederlage, nach einem umkämpften Spiel oder im Rahmen einer Dopingkontrolle morgens um sechs Uhr, werden sie sicherlich und verständlicherweise auch mal anders reagieren.“
„Kompletter Mangel an Respekt“
Das ist zuletzt vermehrt passiert. Der zweimalige Tour-de-France-Gewinner Jonas Vingegaard wurde bei der jüngsten Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt vor einer schweren Bergetappe mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt, am Folgetag stürzte der Däne, erlitt einen Schlüsselbeinbruch. Seine Kollegen gingen auf die Barrikaden. „Inhuman“ sei ein solcher Test mitten in der ohnehin knapp bemessenen Regenerationsphase der Fahrer, sagte Radsport-Dominator Tadej Pogacar. Vingegaards Teamkollege Matteo Jorgenson sprach von einem „kompletten Mangel an Respekt gegenüber den Fahrern“.
Mortsiefer, dessen Agentur nicht in die kritisierten Vorgänge involviert war, äußert Verständnis. Die Grenze zwischen effektiver Kontrolle und dem Schutz der Athletengesundheit einzuhalten, sei „ein ganz, ganz schmaler Grat“. Aber: Das Anti-Doping-System, seit jeher in der Rolle des Jägers, muss davon ausgehen, dass bestimmte Mittel womöglich nur wenige Stunden lang nachweisbar sind. „Mit Blick auf auf die Glaubwürdigkeit des Dopingkontrollsystems“, so nennt es der NADA-Vorstand, müsse ein Sportler immer eines im Hinterkopf haben: „Es gibt eigentlich keinen Punkt, wo du dir sicher sein kannst, nicht kontrolliert zu werden.“
Zugleich, räumte der Jurist ein, müssen sich auch die Dopingjäger weiterentwickeln. Wenn Forschung und Analytik so weit seien, wäre es Mortsiefer nur recht, wenn nächtliche Besuch durch Kontrolleure „obsolet“ würden.
Nicht mal positiver Test für Sperre notwendig
Eine Entwicklung, die auch Sportphilosophen begrüßen würden. In dieser Szene wird das Spannungsfeld aus Notwendigkeit und individuellen Rechten seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Ein wesentlicher Punkt, dem schwer zu widersprechen ist: Schon ein Verdacht kann Karrieren dauerhaft beschädigen. Dabei ist teils nicht mal ein Verdacht, geschweige denn ein positiver Befund, notwendig. Das Regelwerk des globalen Kampfes für einen sauberen Sport, der World Anti-Doping Code der WADA, hat festgelegt, wie auch mit kurios anmutenden Fällen umzugehen ist.
Fußball-Nationalspielerin Laura Freigang ist deswegen nach drei verpassten Tests innerhalb von zwölf Monaten ebenso von einer bis zu vierjährigen Sperre bedroht wie der deutsche 100-Meter-Rekordsprinter Owen Ansah, der Anfang Juli aus Zeitknappheit eine Testabgabe verweigerte. Beide wurden nie positiv getestet, könnten aber sanktioniert werden wie klassische Dopingsünder.
„In der Anti-Doping-Community, also auch unter Athleten, hat sich international die klare Meinung herausgebildet, dass eine verweigerte Dopingkontrolle genauso zu werten ist wie ein positives Analyseergebnis“, erläuterte Mortsiefer, „aber man muss sicherlich schauen, wie sich das entwickelt. Das Regelwerk wird alle sechs bis sieben Jahre überarbeitet. Das ist ein großer Prozess, in dem alle am Sport mitarbeiten.“
Die Regeln sind eindeutig formuliert, Sportlerinnen und Sportler erhalten Aufklärungsangebote – und viele Aktive schätzen auch die Arbeit der Anti-Doping-Agenturen ausdrücklich. Gerade rund um die Erstaustragung der Enhanced Games im vergangenen Mai, bei denen Dopingmittel freigegeben waren und Weltrekorde teils mit Millionenboni belohnt wurden, habe die NADA viel Lob erhalten. Aber, das gibt auch Mortsiefer zu: „Wir verlangen viel von den Athletinnen und Athleten.“
Verwendete Quellen: ntv.de, ara/sid
