Der Post vermischt zwei Dinge, die die Hamburger Polizei getrennt zählt: Fälle, in denen geschossen wurde, und Fälle, in denen ein Mensch tatsächlich getötet wurde. Das zeigt schon die mitgeschickte Schlagzeile. Dort steht „niedergeschossen“, im Post wird daraus „erschossen“. Der 14-Jährige wurde aber am Oberschenkel getroffen, Lebensgefahr bestand laut Polizei nicht.
Aus einem einzelnen, schweren Fall macht der Post ein angeblich tägliches Muster. Ob etwas „fast täglich“ passiert, lässt sich jedoch nicht an einer Schlagzeile ablesen, sondern nur an Zahlen über einen längeren Zeitraum. Die liefert die Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS – die jährliche Statistik der Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind.
Was in Ottensen passiert ist
Der Fall hinter der Schlagzeile ereignete sich am späten Abend des 13. September 2026 im Hamburger Stadtteil Ottensen. Laut Polizei betraten zwei maskierte Männer die Räume eines Kulturvereins in der Bergiusstraße und gaben mehrere Schüsse auf den Jugendlichen ab. Bei der anschließenden Fahndung fanden Einsatzkräfte in der Nähe einen 20-Jährigen mit mehreren Stichverletzungen, auch er nicht lebensgefährlich verletzt. Die Polizei ermittelte wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und hatte nach eigenen Angaben Hinweise darauf, dass ein Streit vorausgegangen war.
Für die Aussage, mittlerweile würden „selbst Kinder“ erschossen, bringt der Post nur diesen einen Fall – und in diesem Fall ist niemand gestorben. Auch die Bezeichnung „Kalifat Hamburg“ ordnet die Tat in eine bestimmte Erzählung ein. Mit dem, was über den Fall bekannt ist, lässt sich das nicht belegen: Die Täter flüchteten, und eine Beschreibung von ihnen lag der Polizei zum Zeitpunkt ihrer Meldung nicht vor.
Geschossen heißt nicht getötet
In der Hamburger Kriminalstatistik stehen mehrere Zahlen, die leicht durcheinandergeraten, weil sie ähnlich klingen. Sie beschreiben aber verschiedene Dinge.
Was die Hamburger Zahlen für 2025 tatsächlich zählen
Links geht es um Schüsse – egal, ob jemand verletzt wurde. Rechts um Tötungsdelikte – egal, mit welchem Tatmittel.
Fälle, in denen geschossen wurde
150
Fälle, in denen mit einer Schusswaffe geschossen wurde – auch wenn sich der Schuss gegen niemanden und nichts richtete.
46
davon Schüsse auf Menschen oder Gegenstände. Ein Schuss auf ein Auto zählt hier genauso wie einer auf einen Menschen.
16
davon mit einer sogenannten „scharfen“ Schusswaffe – also einer echten Feuerwaffe, nicht etwa einer Schreckschusspistole.
Mord und Totschlag
17
vollendete Taten: Die Tat endete tödlich. Gezählt werden alle Tatmittel zusammen – Messer, Schläge, Schusswaffen und andere.
49
Versuche: Die Tat wurde als versuchter Mord oder Totschlag erfasst, das Opfer starb aber nicht.
Keine dieser Zahlen zählt nur Menschen, die erschossen wurden.
Eine eigene Statistik nur für Menschen, die durch Schüsse sterben, wird laut dpa-Faktencheck in Deutschland nicht geführt. Für die Prüfung der Behauptung braucht es sie aber auch nicht: Wenn schon alle Tötungsdelikte zusammen weit seltener als täglich vorkommen, kann das für Tötungen durch Schüsse allein erst recht nicht gelten.
Wie oft das tatsächlich vorkommt
17 vollendete Tötungsdelikte in einem Jahr bedeuten rechnerisch etwa einen Fall alle drei Wochen – über alle Tatmittel hinweg. Am häufigsten ereigneten sich diese Taten laut Hamburger Innenbehörde im familiären Umfeld. Selbst eine bewusst übertriebene Rechnung kommt nicht in die Nähe von „fast täglich“: Wäre jeder der 46 Schüsse auf Menschen oder Gegenstände tödlich gewesen, entspräche das etwa einem Fall alle acht Tage.
2025 ist dabei kein Ausreißer nach unten. 2024 zählte die Polizei 13 vollendete Tötungsdelikte, 2023 waren es 26. Fälle, in denen geschossen wurde, gab es 2023 insgesamt 101 und 2024 insgesamt 154. Weil die Zahlen so klein sind, schwanken sie laut Innenbehörde stark von Jahr zu Jahr. Zur fairen Einordnung gehört auch: 2025 stieg vor allem die Zahl der versuchten Tötungsdelikte deutlich, um 22 Fälle gegenüber dem Vorjahr. Das ist eine reale Entwicklung – aber eine ganz andere Aussage als täglich erschossene Menschen.
Zum Mitnehmen
Drei Prüfschritte bei Meldungen über Gewalttaten
- Steht in der Quelle dasselbe Wort?„Angeschossen“, „niedergeschossen“ und „erschossen“ klingen ähnlich. Ein einziges Wort entscheidet darüber, ob jemand lebt.
- Gibt es eine Meldung der Polizei?Polizeipressestellen veröffentlichen viele Fälle selbst, etwa auf presseportal.de. Dort stehen Tatort, Verletzungen und Ermittlungsstand.
- Einzelfall oder Häufigkeit?Wer „fast täglich“ schreibt, behauptet eine Häufigkeit. Dafür braucht es Zahlen über einen Zeitraum, etwa aus der jährlichen Kriminalstatistik.
t-online / dpa
14. September 2026
X / @queru_lant
14. September 2026
Polizei Hamburg
14. September 2026
Behörde für Inneres und Sport Hamburg
12. Februar 2026
Landeskriminalamt Hamburg
12. Februar 2026
Behörde für Inneres und Sport Hamburg
13. Februar 2025
dpa-Faktencheck
Ohne Datumsangabe