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Startseite»Nachrichten»Jennie’s, Coco’s und Clare’s Law: Irland macht Daten von Gewalttätern öffentlich einsehbar
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Jennie’s, Coco’s und Clare’s Law: Irland macht Daten von Gewalttätern öffentlich einsehbar

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 22, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Jennie’s, Coco’s und Clare’s LawIrland macht Daten von Gewalttätern öffentlich einsehbar

Vor allem Frauen sollen mit „Jennie’s Law“ besser geschützt werden. (Foto: picture alliance/dpa)

In Irland werden immer mehr Gewaltfälle gegen Frauen bekannt. Damit sich das ändert, beschließt das Parlament ein neues Gesetz: Täter sollen fortan in einem Register geführt werden. Dort kann sich jede(r) über potenzielle Dating-Partner informieren. In Deutschland wird das Thema anders gehandhabt.

Ob wir einen Partner in einer Bar, beim Sport oder über eine Dating-App kennenlernen: Ihm steht nicht auf der Stirn geschrieben, ob er Ex-Partnerinnen misshandelt hat. Auch in Irland nicht. Dort aber steht das bald im Netz. Durch das neue Gesetz „Jennie’s Law“ soll es ein öffentlich einsehbares Register von verurteilten Gewalttätern geben. Das Gesetz wurde im Juli vom irischen Parlament verabschiedet.

Benannt ist das irische Gesetz nach Jennifer „Jennie“ Poole aus Dublin. Siebenmal stach ihr Ex-Freund am 17. April 2021 auf Jennie ein, dann starb die 24-jährige Mutter von zwei Kindern. Der Täter wurde am 29. April 2022 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Dabei hatte er bereits zwei Jahre im Gefängnis gesessen, weil er 2015 eine Ex-Partnerin und ihre Mutter mit einem Messer angegriffen hatte. Jennie Poole wusste davon nichts. Auch ihre Familie erfuhr das erst vor Gericht – und kämpfte in der Folge vier Jahre für das neue Gesetz.

Als Anfang Juli 2026 die 43-jährige Jamey Carney aus Killarney im County Kerry getötet wird und der Verdächtige flüchtet, hieß es in sozialen Medien: Die Mutter habe sich und ihr Kind durch das Eingehen einer Beziehung selbst in Gefahr gebracht. Victim Blaming nennt man es, wenn Betroffenen eine Mitschuld am Geschehen zugeschrieben wird. Aber: Warnzeichen werden nicht immer erkannt. Kontrolle kann wie Fürsorge wirken, extreme Aufmerksamkeit wie Zuneigung.

Die Organisation Women’s Aid Ireland verzeichnete 2025 in Irland mehr als 62.000 Meldungen von Gewalt gegen Frauen und Kinder, darunter Morddrohungen, Vergewaltigungen und Stalking. Das ist etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden 2024 in Deutschland insgesamt 265.942 Menschen als Betroffene häuslicher Gewalt registriert – ein neuer Höchststand. Mehr als 70 Prozent davon waren weiblich. Erste Ergebnisse einer Dunkelfeldstudie zeigen, dass bei Partnerschaftsgewalt weniger als fünf Prozent der Taten angezeigt werden, das Dunkelfeld ist groß.

„Enorme Erleichterung“

„Ich hatte jahrelang einen kontrollsüchtigen Partner und fühlte mich die meiste Zeit bedroht“, sagt Catherine Troy, 36 Jahre alt, aus Dublin (Name geändert). Ein öffentliches Register hätte für sie einen großen Unterschied gemacht. „Es ist traurig, dass wir als Gesellschaft so weit gehen müssen“, sagt sie. Vor einer Beziehung prüfen zu können, ob jemand als gewalttätig bekannt sei, empfindet sie als „enorme Erleichterung“.

„Jennie’s Law“ sei aus einer schlimmen Tragödie entstanden, habe „aber ein riesiges Potenzial, andere Menschen vor ähnlichem Leid zu bewahren“, sagte Anne Clarke vom Hilfsdienst für Opfer häuslicher Gewalt im County Offaly zuletzt dem Sender RTÉ.

Ein Gesetz wie „Jennie’s Law“ ist in seiner Gestaltung in Europa einzigartig. In Großbritannien gibt es mit dem ebenfalls nach einem Mordopfer benannten „Clare’s Law“ zwar ein ähnliches Warnsystem. Dort kann aber nur bei der Polizei Auskunft über eine gewalttätige Vergangenheit des Partners beantragt werden, einen unbürokratischen Weg gibt es nicht.

Betroffene müssen wählen

Die Aufnahme von Straftätern in das irische Register erfolgt nicht automatisch, darüber entscheidet das Gericht. Grundsätzlich ist zudem die Zustimmung der Betroffenen nötig. Hilfsorganisationen warnen dabei, sie könnten sich gedrängt fühlen, zwischen ihrer Anonymität und dem Schutz anderer entscheiden zu müssen.

„Die Gesetzgebung umfasst schwere Straftaten wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung“, sagt Lisa Ann Wilkinson, Rechtsanwältin für Betroffene und Überlebende häuslicher Gewalt, dem irischen Radiosender „Newstalk“. Doch auch Straftaten wie Stalking, Belästigung oder Freiheitsberaubung fielen darunter.

Nach drei Jahren können Täter beantragen, aus dem Register gelöscht zu werden. Wilkinson sieht darin ein Problem: „Wenn Frauen aus einer Beziehung geflohen sind, können sich Missbrauch und Gewalt nach der Trennung über 10, 15 Jahre hinziehen, oft bis das jüngste Kind 18 ist. Drei Jahre sind also eine recht kurze Zeitspanne“, so die Expertin. Daran müsse gearbeitet werden.

Was Deutschland anders macht

In Deutschland ist derzeit kein vergleichbares Verzeichnis geplant. Was aber ab Juli 2027 kommen wird, ist die elektronische Fußfessel, um Betroffene bei Hochrisikofällen vor (erneuter) häuslicher und sexualisierter Gewalt zu schützen.

Mit der aktuellen Kampagne „Dein Mut findet Rückhalt“ will die Bundesregierung zudem besser über Hilfen informieren. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (Rufnummer 116016) ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Betroffenenverbände halten Aufklärung allein aber nicht für ausreichend. Der Verein Frauenhauskoordinierung fordert etwa mehr und verlässlich finanzierte Schutzunterkünfte. In Deutschland fehlten fast 12.000 Plätze in Frauenhäusern. Täglich müssten deshalb Schutzsuchende abgewiesen werden.

„Jennie’s Law“ ist das zweite irische Gesetz, welches den Namen einer Betroffenen trägt. „Coco’s Law“, benannt nach der verstorbenen Nicole „Coco“ Fox, verschärfte den Schutz vor Cybermobbing und der unerlaubten Verbreitung intimer Aufnahmen. Mit den Namen der Frauen werden aus abstrakten Straftatbeständen Lebensgeschichten. Die irischen Beispiele zeigen, dass hinter Statistiken Menschenleben stehen, die es zu schützen gilt.

Quelle: ntv.de, Mareike Graepel, dpa

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