Mit Keiko Fujimori übernimmt eine umstrittene Politikerin die Führung Perus. Viele hoffen auf mehr Sicherheit, andere fürchten eine Fortsetzung der Machtstrukturen ihres Vaters.
In Gamarra herrscht Hochbetrieb – „jeden Tag, rund um die Uhr“, sagt Carlos Choque, während er sich durch die Menschenmenge schlängelt. Rund 40.000 Unternehmen – Textilfabriken, Modegeschäfte, Schneidereien und Stoffhändler – drängen sich dicht an dicht im Stadtteil La Victoria in Perus Hauptstadt. Seit fast 57 Jahren arbeitet Choque hier. Doch inzwischen ist er müde. Und wütend.
„Das Einzige, was wir vom Staat verlangen, ist Sicherheit. Mehr wollen wir gar nicht“, sagt Choque. „Wir haben genug von all der Gewalt, den Erpressungen und den Morden.“ Es gebe hier zwei Geschäfte, sagt er: Das sichtbare mit Textilien – und das unsichtbare mit Erpressung und Ausbeutung. Seit Jahren nehme die Organisierte Kriminalität zu. Die Polizei schaue nicht nur weg, sondern stecke oft selbst mit drin, behauptet er.
Das Gamarra-Viertel in Lima. Neben vielen Geschäften gibt es hier auch viel Kriminalität.
Neun Präsidenten in zehn Jahren
Heute übernimmt Keiko Fujimori in Peru das Präsidentenamt. Euphorie löst das bei Choque nicht aus. Aus vielen Gründen: „Sie ist die neunte Präsidentin innerhalb von zehn Jahren – ein Armutszeugnis für das politische System“, sagt der 63-Jährige.
Keiko Fujimori ist die Tochter von Alberto Fujimori, unter dessen Regierung die Guerillagruppe „Leuchtender Pfad“ in den 1990er-Jahren weitgehend zerschlagen wurde. Zugleich ließ er aber auch den Kongress entmachten, regierte zunehmend autoritär und wurde später wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen und Korruption verurteilt.
Tochter knüpft an Kurs des Vaters an
Keiko Fujimori wiederum hat mit ihrer Partei Fuerza Popular eine starke politische Kraft aufgebaut, der viele Beobachter vorwerfen, den Rechtsstaat systematisch geschwächt zu haben. Sie steht für eine wirtschaftsliberale Politik mit einem Schwerpunkt auf privaten Investitionen, Unternehmertum und Freihandel – ähnlich wie ihr Vater.
Auch in der Sicherheitspolitik knüpft sie an dessen Kurs an und kündigt ein hartes Vorgehen gegen die Organisierte Kriminalität an. Peru erlebt seit Jahren einen starken Anstieg der Gewaltkriminalität. Polizei und Justiz gelten als überfordert und teilweise korrupt. Sicherheit gehört deshalb für viele Peruaner zu den wichtigsten politischen Themen. Keiko Fujimori hat versprochen, Peru diese zurückzubringen.
„Es ist das vierte Mal, dass sie für das Präsidentenamt kandidiert hat“, sagt Carlos Choque. „Jetzt hat sie es geschafft. Vielleicht unter fragwürdigen Umständen oder mit Unregelmäßigkeiten, aber jetzt hat sie die Chance. Sie kann dieses Land verändern. Sie sollte diese Gelegenheit nutzen und ihre Fehler korrigieren. Die Menschen haben genug von Armut, Elend, Unsicherheit, Erpressung und dem Niedergang des Landes.“
Gegenbewegung „Anti-Fujimorismus“
Von einzelnen Verfehlungen des Regimes ihres Vaters hat sich Keiko Fujimori distanziert, dessen politische Bilanz aber nie grundsätzlich verurteilt. Für den Soziologen Fernando Tuesta von der Päpstlichen Katholischen Universität in Lima ist sie vor allem eine kalkulierende Machtpolitikerin.
„Anders als ihr Vater baute sie mit Fuerza Popular eine Partei auf, die zur einflussreichsten politischen Kraft des Landes wurde“, so Tuesta. „Sie versuchte, Schlüsselinstitutionen wie den Kongress, das Verfassungsgericht und die Generalstaatsanwaltschaft unter ihren Einfluss zu bringen. So häufte die Partei über Jahre Macht an – und rief zugleich eine starke Gegenbewegung hervor: den Anti-Fujimorismus.“
Peru brauche Versöhnung
Versöhnung habe Fujimori versprochen. Genau das brauche Peru, sagt Blanca Romero. Die 76-Jährige erinnert sich noch gut an die Terroranschläge des „Leuchtenden Pfads“: blutüberströmte Menschen, Schreie, Rauch. „Genau hier war das“, sagt sie und zeigt auf zwei Apartmenthäuser im wohlhabenden Stadtteil Miraflores.
Fujimori war nicht Romeros Wunschkandidatin. Ein linker Kandidat sei für sie aber nicht infrage gekommen. Also blieb am Ende nur Keiko Fujimori.
Fujimori steht in der Pflicht
Blanca Romero lebt gemeinsam mit ihren Töchtern vom Tourismus. Peru brauche Stabilität und Ordnung, sagt sie. Und genau das traue sie Fujimori zu. Sie imponiere ihr, weil sie trotz mehrfacher Niederlagen immer wieder kandidiert habe, gut ausgebildet sei und ein kompetentes Team zusammengestellt habe.
„Sie hat jetzt die Chance, die Fehler des Fujimorismus zu beheben. Ich habe ihr in den Sozialen Medien geschrieben, sie solle gute Arbeit leisten und etwas Gutes für alle hinterlassen. Ich traue ihr das zu“, sagt sie. Blanca Romero will sich die Feierlichkeiten zur Amtseinführung nicht entgehen lassen.
Carlos Choque hingegen bleibt skeptisch. Doch nun stehe Fujimori in der Pflicht: „Die Menschen in diesem Land wollen einfach in Frieden und Harmonie leben. Es kann nicht sein, dass ein so reiches Land wie Peru mit seinen unzähligen Ressourcen in Armut lebt und am Ende nur eine kleine Gruppe davon profitiert.“

