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„Kein Mensch muss loslassen“: Wie geht gutes Sterben?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 25, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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„Kein Mensch muss loslassen“Wie geht gutes Sterben?

25.07.2026, 17:09 Uhr Von Aljoscha Prange
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„Im Angesicht des Todes merken die Menschen plötzlich, worauf es im Leben wirklich ankommt“, sagt der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio. (Foto: picture alliance / photothek)

Alle Menschen auf der Welt haben etwas gemeinsam: Sie werden irgendwann sterben. Doch obwohl er uns alle betrifft, ist der Tod noch immer ein Tabuthema. Ein Palliativmediziner will das ändern – und verrät, worauf es am Lebensende wirklich ankommt.

Wir werden alle sterben. Wortwörtlich, denn früher oder später wird jeder Mensch, der auf der Welt ist, sie auch wieder verlassen. Der Gedanke, dass das eigene Leben irgendwann endet, ist für viele mit Angst verbunden. Und so wird er häufig vermieden, gehen viele einem Gespräch über den Tod lieber aus dem Weg.

Das Angstniveau mit Blick auf den Tod zu senken, und sei es nur „um ein paar Millimeter“, hat sich der Palliativmediziner und Autor Gian Domenico Borasio zum Ziel gesetzt. Denn: Vor allem die Angst vor einem qualvollen Sterben verwandele sich häufig in eine selbsterfüllende Prophezeiung. „Angst verzerrt die Wahrnehmung, vermeidet die Information und verhindert den Dialog“, schreibt er in seinem Buch „Über das Sterben“.

Doch genau diese drei Voraussetzungen – eine klare Perspektive, informiert sein und Kommunikation – seien zentral für eine gute Vorbereitung auf das eigene Lebensende. Bedeutet eine gute Vorbereitung dann also auch die Chance auf ein angstfreies Sterben?

Sterbenden Raum für Entfaltung geben

„Dass wir Angst vor dem Sterben haben, steckt quasi in unserer DNA. Ganz wegnehmen kann man sie nie“, sagt Borasio im Interview mit ntv.de. Doch gerade in der Palliativmedizin könne sie reduziert werden – „indem man den Menschen Raum gibt für ihre ganz eigene Persönlichkeit“. Diese beinhalte individuelle Bedürfnisse, Wünsche, Nöte, Sorgen und eben auch Ängste.

Dafür müssten Hindernisse wie Kommunikationsprobleme, Schmerzen oder andere Symptome so gut wie möglich aus dem Weg geräumt werden. „Den so entstandenen Raum können die Menschen dann so ausfüllen, wie sie es möchten – wir haben es ihnen nicht vorzuschreiben“.

Borasio erzählt im Gespräch von einem Fall, in dem ein Patient auf seine Palliativstation in der Schweiz kam, der sich vor Schmerzen krümmte. „Er hatte Krebs im Endstadium und konnte an nichts anderes denken als an seine wirklich schlimmen Schmerzen“. Mit viel Mühe sei es aber gelungen, diese weitestgehend einzudämmen, sodass der Patient sich endlich über andere Dinge Gedanken machen konnte – „über sein Leben, seine Perspektiven und seine Angehörigen“, erzählt Borasio.

Nach einigen Tagen habe sich der Mann dann für die in der Schweiz legale Suizidhilfe entschieden. „Er hat sich bei uns bedankt, ist nach Hause gegangen und hat einen assistierten Suizid durchgeführt“ – für Borasio ein palliativer Erfolg. „Wir konnten diesen Menschen wieder in die Lage versetzen, seine Selbstbestimmung auszuüben.“ Wie genau diese dann genutzt wird, entscheiden nur die Betroffenen selbst.

„Den einen guten Tod gibt es nicht“

Und diese Entscheidungen am Lebensende können eben ganz unterschiedlich aussehen, sagt Borasio. „Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Tod etwa von ‚loslassen müssen‘ gesprochen. Ich kann das nicht mehr hören. Kein Mensch muss loslassen.“

Die Idee des Loslassens erzeuge eine Art Druck, friedlich und ruhig aus dem Leben scheiden zu müssen. Doch Wut, Verzweiflung oder offene Fragen sollten auch Ausdruck finden dürfen. „Den einen guten Tod gibt es nicht“, sagt Borasio. Letztlich zeichne sich ein guter Tod dadurch aus, dass er zu der jeweiligen Person und ihrem individuellen Leben passt.

„Sterben lernen heißt leben lernen“

Ein Tod, der zum Leben passt? Für den Mediziner ist das kein Widerspruch. „Sterben lernen heißt leben lernen. Die Vorbereitung auf das eine ist die beste Vorbereitung auf das andere – und umgekehrt“, sagt Borasio. „Denn im Angesicht des Todes merken die Menschen plötzlich, worauf es im Leben wirklich ankommt.“

In einer 2005 veröffentlichten Studie hatte ein Forschungsteam um Borasio und den Psychologen Martin Fegg Palliativpatientinnen und -patienten genau danach befragt. Das Ergebnis: Alle untersuchten Personen berichteten, dass sich ihre Wertvorstellung vom Egoismus hin zum Altruismus verschoben hatte. „Sie haben an ihrem Lebensende verstanden, dass ein gutes Leben zu führen bedeutet, für andere da zu sein, seine Talente für seine Mitmenschen zu nutzen. Und das führte wiederum zu einer verbesserten Lebensqualität der Patienten.“

Borasio leitet daraus eine Message ab: Wer sich bereits zu Lebzeiten damit auseinandersetzt, wie er von dieser Welt gehen möchte, lebt ein bewussteres und glücklicheres Leben – und sorgt damit womöglich für ein friedvolleres Sterben vor. „Die Frage nach einem guten Sterben ist unzertrennlich mit der Frage nach einem guten Leben verwoben. Die Menschen, die wir am Lebensende betreuen dürfen, lehren uns, dass die Vorbereitung auf das Sterben die beste Vorbereitung auf das Leben ist.“

„Goldstandard“ für Sterbenskranke

Die Vorbereitung auf das Sterben hat aber auch eine bürokratische Dimension, die nicht vergessen werden sollte. „Die sogenannte vorausschauende Versorgungsplanung ist der Goldstandard für jeden oder jede, die zum Beispiel eine Diagnose einer chronischen und/oder lebensbedrohenden Erkrankung bekommt“, sagt die Medizinethikerin Alena Buyx im ntv.de-Interview.

Dazu gebe es Beratungsmöglichkeiten mit Profis, die dabei helfen, die nötigen Unterlagen zusammenzutragen. „Das fängt bei einem Notfallbogen an und geht bis hin zu einer Patientenverfügung und der Bevollmächtigung von jemandem, der dann stellvertretend entscheiden soll.“

Zuallererst sollten Patientinnen und Patienten sich allerdings um eine Vorsorgevollmacht kümmern, rät Borasio. Die sei für die meisten Menschen ohnehin viel leichter auszufüllen. „Einen Notfallbogen oder eine Patientenverfügung ohne eine Vorsorgevollmacht auszufüllen, ist in der Regel keine so gute Idee.“

Dabei sei es ratsam, sich früh genug damit auseinanderzusetzen und miteinander zu sprechen, sagt Buyx. „Menschen, die vielleicht keine Erkrankung und auch bisher noch gar nicht unbedingt so viel Erfahrung damit haben, können einfach mal mit Freunden über das Thema sprechen.“ Oder gar nicht bei sich selbst anfangen, sondern zunächst mit den Menschen ins Gespräch gehen, die man liebt und die älter oder vielleicht kränker sind. „Die meisten Menschen kommen mit solchen Fragen erstmals in Berührung, wenn es um andere geht.“

Die wenigsten „entschlafen sanft im Bett“

Laut Buyx wünschen sich zwar die meisten Menschen, friedlich im heimischen Bett zu sterben. Doch die Realität sieht anders aus. „70 Prozent der Menschen sterben in Einrichtungen des Gesundheitswesens und entschlafen nicht unbedingt sanft im Bett.“ Klinische Ethikberatung könne dabei helfen, am Lebensende etwas mehr Klarheit und Ruhe zu haben. Wenn Wünsche und Bedürfnisse im Vorfeld besprochen werden, und „idealerweise voraus verfügt und dokumentiert werden, dann macht es wirklich vieles leichter“.

Aus ihrer eigenen Erfahrung berichtet Buyx, dass viele Patientinnen und Patienten häufig länger behandelt werden, als es gewünscht ist. Eine Beobachtung, die auch Borasio teilt: „Unnötige Übertherapie ist flächendeckend, insbesondere bei Privatpatienten – und sie wirkt letztlich lebensverkürzend.“

Laut dem Palliativmediziner sieht die Natur für den Tod ein ganz eigenes Programm vor – ebenso wie für die Geburt. Und dieses laufe am besten ab, wenn es möglich ungestört ist. „Ein sterbender Organismus lebt im Zweifelsfall nicht nur friedlicher und besser, sondern auch etwas länger, wenn er nicht noch zusätzlich massivem Stress ausgesetzt ist, etwa durch unnötige Chemotherapie“. Und so könne ab einem gewissen Punkt, „den Ärzte tunlichst nicht verpassen sollten“, das Aussetzen von nicht indizierten Therapien Schmerz und Leid verringern – und die Lebensdauer sogar womöglich verlängern.

Doch so gut man auch informiert ist: Krankheit, Sterben und Tod „bleiben belastende und durchaus auch schwierige Situationen“, sagt Buyx. Betroffene, Angehörige und medizinisches und Pflegepersonal könnten dafür sorgen, „dass man vorbereitet ist“. Das könne etwas Befreiendes haben. „Dieser Prozess kann sogar sinnstiftend sein, vor allem wenn man das gemeinsam macht. Es muss nicht nur schlimm und schrecklich sein.“

Quelle: ntv.de

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