Stellen Sie sich vor, Sie lesen eine Behauptung im Netz und wollen wissen, ob sie stimmt. Sie tippen sie bei Google ein. Fünf Treffer, fünf verschiedene Nachrichtenseiten, fünfmal dasselbe. Das beruhigt. Wenn mehrere Medien dasselbe schreiben, wird schon etwas dran sein.
Genau dieses Gefühl lässt sich herstellen. Das KI-Unternehmen Anthropic hat im September 2026 einen Bericht veröffentlicht, in dem es beschreibt, wie Menschen seine Software Claude missbraucht haben. Ein Fall darin ist für alle interessant, die Informationen prüfen: ein Netzwerk aus rund 70 erfundenen Nachrichtenportalen. Sie sahen aus wie unabhängige lokale Medien. Sie gehörten laut Anthropic zusammen.
Wie man sich eine Medienlandschaft baut
Die Seiten trugen Namen, die vertrauenswürdig klingen sollten. „The British Daily“, „Commonwealth Post“, „Fifty States“, „Russian Way“. Und eine mit deutschem Anklang: „Echo Berlin“, erreichbar unter der Adresse echoberlin.info. Jede Seite bekam noch ein Konto auf der Plattform X dazu. Darunter lag eine dritte Schicht: mehr als 250 weitere Konten, die wie ganz normale Nutzer aussahen und die Artikel kommentierten und lobten.
Auch die Autoren waren erfunden. Unter den Texten standen Namen von Journalistinnen und Journalisten, die es laut Anthropic nicht gibt. Das ist der Trick: Eine Seite mit eigener Redaktion wirkt wie ein echtes Medienhaus. Eine Seite ohne Autoren wirkt wie ein Blog.
Das Netzwerk in Zahlen
~70
erfundene Nachrichtenportale
250+
zusätzliche Konten, die Zustimmung erzeugten
8.913
Artikel, mindestens
Auffällig wurde es an einem einzigen Tag
Dass die Seiten zusammengehören, war äußerlich nicht zu sehen. Auffällig wurde es an den technischen Spuren und an einem Datum. Die Adressen wurden laut Anthropic innerhalb von zehn Wochen im Jahr 2025 von Frankreich aus registriert, alle auf derselben technischen Grundlage. Und am 11. September 2025 veröffentlichten mehrere der Seiten fast identische Artikel zum Konflikt zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda – innerhalb von drei Minuten.
Drei Minuten schafft keine Redaktion, die unabhängig recherchiert. Drei Minuten schafft ein Computerprogramm, das auf einen Knopfdruck hin überall gleichzeitig veröffentlicht.
Anthropic ordnet das Netzwerk einer Digitalagentur in Frankreich zu, der LKM Company. Für staatliche Steuerung fand das Unternehmen nach eigenen Angaben keine Belege. Bemerkenswert ist die politische Beliebigkeit: Dieselbe Maschinerie vertrat mal die eine, mal die andere Seite. Wer zahlte, bekam seine Linie.
Warum fünf Seiten nicht fünf Quellen sind
Hier liegt der Punkt, der über diesen Einzelfall hinausreicht. Viele Menschen prüfen Informationen, indem sie nachsehen, ob noch jemand dasselbe berichtet. Das ist eine vernünftige Faustregel. Sie funktioniert aber nur, solange die Absender wirklich voneinander unabhängig sind.
Fünf Fenster, ein Raum
Diese Namen stammen aus der Beispielliste, die Anthropic veröffentlicht hat. Sie klingen nach fünf Ländern und fünf Redaktionen.
Echo Berlin
klingt nach Deutschland
The British Daily
klingt nach Großbritannien
Fifty States
klingt nach USA
Commonwealth Post
klingt international
Russian Way
klingt nach Russland
Laut Anthropic lagen alle auf derselben technischen Grundlage und wurden über ein einziges Konto betrieben.
Quelle: Anthropic, Bericht vom September 2026. Auswahl aus einer veröffentlichten Beispielliste. Stand: September 2026.
Eine zweite Methode beschreibt Anthropic in einem anderen Fall des Berichts, der mit dem Netzwerk der Agentur nichts zu tun hat. Dort ging es um Inhalte für russische Staatsmedien. Eine Behauptung wurde über mehrere Stationen weitergereicht, bis am Ende der Eindruck entstand, verschiedene Medien hätten sie unabhängig voneinander bestätigt. In einem Fall markierte die KI eine Behauptung selbst als unbestätigt – die Person am anderen Ende wies sie an, diesen Hinweis zu streichen. Aus einer offenen Frage wurde so eine scheinbare Tatsache.
Viel produziert heißt nicht viel gelesen
Und jetzt die Einschränkung, die in Meldungen über solche Netzwerke gern untergeht. Fast 9.000 Artikel klingen nach einer Flut. Gelesen wurden sie offenbar kaum. Anthropic schreibt, die meisten Beiträge hätten bei echten Menschen wenig sichtbare Reaktionen ausgelöst, und stuft den Fall auf einer Fachskala für die Reichweite solcher Kampagnen in die zweite von sechs Stufen ein – verteilt auf eigenen Seiten und eigenen Konten, ohne erkennbaren Sprung in echte Gemeinschaften.
Das liegt auch daran, wann das Unternehmen hinsieht. Eine Plattform wie Facebook bemerkt eine Kampagne meist erst, wenn die Inhalte schon kursieren. Ein KI-Anbieter sieht sie beim Schreiben. Anthropic gibt an, das Netzwerk gestoppt zu haben, bevor es ein größeres echtes Publikum aufbauen konnte.
Dabei sollte man mitdenken, wer hier berichtet. Anthropic untersucht den Missbrauch des eigenen Produkts und veröffentlicht das Ergebnis selbst. Ein unabhängiges Gegenlesen dieser Zahlen gibt es nicht. Das macht den Bericht nicht wertlos – die geschilderten Muster decken sich mit dem, was Forschung und Redaktionen seit Jahren beobachten. Es heißt nur: Wir übernehmen hier die Darstellung eines Unternehmens, nicht einen unabhängig geprüften Befund.
Was das für die Suchleiste bedeutet
Für den Alltag ändert sich dadurch weniger, als man befürchten könnte. Die Prüfung „Berichtet das noch jemand?“ bleibt sinnvoll. Sie braucht nur einen Zusatz: Wer ist dieser jemand eigentlich?
Bei den beschriebenen Portalen war das erkennbar, ohne technische Werkzeuge. Keines hatte eine Vergangenheit. Keines hatte Autoren, die man anderswo findet. Keines hatte ein Impressum, hinter dem eine greifbare Redaktion stand. Genau diese drei Lücken sind der Unterschied zwischen einem Medium und einer Website, die aussieht wie eines.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen an eine unbekannte Nachrichtenseite
- Wer haftet für die Seite?Ein Impressum mit Adresse und verantwortlicher Person. Fehlt es, ist das kein Medium.
- Gibt es die Autorin wirklich?Namen kurz suchen. Wer nur auf dieser einen Seite existiert, existiert vielleicht gar nicht.
- Wie alt ist die Seite?Ältere Artikel, Archiv, Themenvielfalt. Ein Portal, das erst seit Wochen existiert und nur ein Thema kennt, ist verdächtig.
Was dieser Fall zeigt, ist deshalb weniger eine neue Gefahr als eine alte in größerem Maßstab. Gefälschte Medien gab es vor der KI, sie waren nur teurer. Wer früher zwanzig Redaktionen vortäuschen wollte, brauchte Leute, die schreiben. Heute reicht ein Programm und ein Konto. Was dadurch billig geworden ist, ist nicht die Lüge. Es ist der Anschein, dass viele sie unabhängig voneinander erzählen.
Quellen
- Anthropic: Detecting and countering misuse of AI, September 2026 – Abschnitt zu Einflussoperationen, Fall GTG-54002 (Netzwerk der LKM Company) und Fall GTG-24015 (russische Staatsmedien)
- Brookings Institution: „Breakout Scale“ – die Skala, mit der Anthropic die Reichweite solcher Kampagnen einordnet
