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Startseite»Politik»Kolumbiens neuer Präsident: Zurück zur harten Linie gegen Banden
Politik

Kolumbiens neuer Präsident: Zurück zur harten Linie gegen Banden

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 7, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 07.08.2026 • 06:28 Uhr

Kolumbiens neuer Präsident de la Espriella will rigoros gegen Drogenhandel und den Kokaanbau vorgehen. Heute tritt er sein Amt an. Bei vielen Kolumbianern weckt das düstere Erinnerungen.

Marie-Kristin Boese

In Putumayo, im Süden Kolumbiens, lenkt Bauer Martín sein Motorrad über einen staubigen Feldweg. Rechts und links ziehen sich grüne Felder bis zum Horizont: Kakao, Kochbananen und immer wieder Koka, die Pflanze, aus der Kokain hergestellt wird.

Die Region Putumayo zählt zu den größten Koka-Anbauregionen Kolumbiens, auch Martín pflanzt neben Kakao Koka an. „Ich bin kein Drogenhändler und will niemanden schädigen, aber ohne Koka kann ich nicht überleben“, sagt er.

Der 56-jährige Bauer lebt mit seiner Frau in einem selbst gebauten Holzhäuschen auf seiner Finca. Der Strom reicht gerade mal für Handy und Kühlschrank, gekocht wird mit Holz. Mehr als das Nötigste haben sie nicht.

Umso größer ist ihre Sorge vor der Ankündigung des neuen Präsidenten Abelardo de la Espriella, Koka-Felder wieder mit Gift besprühen zu lassen.

Bauer Martín will mit dem Drogenhandel nichts zu tun haben. Aber ohne den Anbau der Pflanze komme er nicht über die Runden, sagte er.

Erinnerung an die Zeit unter Uribe

Schon einmal hat Martín eine solche Politik erlebt. Anfang der 2000er-Jahre ließ der ultrarechte Präsident Álvaro Uribe Kokaplantagen mit Glyphosat vernichten, im Kampf gegen den Drogenhandel und die FARC-Guerilla.

„Damals wurden nicht nur die Koka-Pflanzen zerstört, auch Kochbananen und Maniok gingen ein“, erinnert sich Martín. Viele Bauern verloren ihre Lebensgrundlage, bekamen aber keine Alternativen.

Jetzt fürchten sie, dass sich die Geschichte wiederholt: dass wirtschaftliche Not unter der Landbevölkerung ausbricht, dass die Krise zu Diebstählen und noch mehr Gewalt führt.

Knapper Sieg und radikaler Kurswechsel

Genau zehn Jahre nach dem historischen Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla steht Kolumbien erneut an einem Wendepunkt. Mit Abelardo de la Espriella übernimmt ein ultrarechter Präsident die Macht, der einen radikalen Kurswechsel verspricht: Er nennt sich selbst „Tiger“, zeigt sich gern beim Gewichtestemmen und setzt auf militärische Stärke. Guerillagruppen will er bombardieren und ein Mega-Gefängnis bauen.

Ende Juni gewann de la Espriella die Präsidentschaftswahl hauchdünn mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung vor dem linken Kandidaten. Das knappe Ergebnis zeigt, wie tief das Land gespalten ist.

Viele Kolumbianer wünschen sich angesichts der eskalierenden Gewalt einen Staat, der wieder Kontrolle gewinnt. Andere bezweifeln, dass eine Politik der harten Hand den jahrzehntealten Konflikt lösen kann, der weit über den Drogenhandel hinausreicht.

Abelardo de la Espriella lässt keine Zweifel an seinen Zielen – und ist dafür, wenn auch knapp, gewählt worden. Das knappe Ergebnis zeigt, wie tief der Riss ist, der durch Kolumbien geht.

Drogenmafia füllt ein Vakuum

Die Gewalt wurzelt in jahrzehntelanger sozialer Ungleichheit, ungleicher Landverteilung und dem Kampf bewaffneter Gruppen um die Kontrolle lukrativer Kokainrouten. Mit dem Friedensabkommen von 2016 legte die FARC-Guerilla zwar ihre Waffen nieder. Doch das Machtvakuum füllten andere bewaffnete Gruppen, die heute weniger ideologisch motiviert, sondern vor allem am Drogengeschäft interessiert sind.

Der erste linke Präsident des Landes, Gustavo Petro, versuchte es ab 2022 mit einer Politik des „totalen Friedens“, er setzte auf Verhandlungen und Waffenruhen. Der Durchbruch blieb jedoch aus.

Laut der Denkfabrik International Crisis Group hat sich die Zahl der Mitglieder bewaffneter Gruppen zwischen 2022 und 2025 sogar nahezu verdoppelt. Nun setzt Kolumbien erneut auf Abschreckung und militärische Stärke – mit ungewissem Ausgang.

Camilo González Posso, Präsident des Forschungsinstituts Indepaz fürchtet, dass Putumayo und andere Teile des Landes in Flammen stehen werden, wenn Präsident de la Espriella seine Ankündigungen wirklich umsetzt.

„Die Besprühungen zerschlagen den Drogenhandel nicht“, sagt González Posso. „Der Anbau geht dann vielleicht an einem Ort zurück, aber an einem anderen breitet er sich wieder aus. Das ist ein Krieg gegen die Kleinbauern, die einfachste und feigste Strategie überhaupt.“

Bibeln für die neue Führung

De la Espriellas Amtsantritt markiert für viele Kritiker jedoch nicht nur einen sicherheitspolitischen, sondern auch einen gesellschaftspolitischen Kurswechsel. Bei einer ersten Klausurtagung zeigte sich das neue Kabinett betend, der Präsident verteilte Bibeln an Minister und enge Berater.

Für Catalina Martínez Coral vom Zentrum für reproduktive Rechte ist das mehr als Symbolik. Kolumbien sei ein laizistischer Staat, sagt sie.

Wir befürchten einen politischen Diskurs, der die Rechte von Frauen und der LGBTQ-Bevölkerung infrage stellt. Das ist gefährlich, weil gerade diese Gruppen besonders verletzlich sind. Erkennt der Staat ihre Rechte nicht an, kann aus politischer Rhetorik schnell Diskriminierung und Gewalt im Alltag werden.

Für viele Beobachter fügt sich dieser Kurs in einen größeren politischen Trend ein. De la Espriella gilt als enger Verbündeter von US-Präsident Donald Trump.

González Posso spricht von einer neuen US-Offensive in Lateinamerika. Es gehe nicht mehr nur um Einfluss, sondern um Kontrolle über die Region. Das könne neue Konflikte und eine weitere Militarisierung begünstigen. „Wir steuern auf eine unberechenbare Phase neuer Gewalt und autoritärer Regierungen zu“, warnt González Posso.

Gegen die Alternativlosigkeit vorgehen

Was könnte Kolumbien sicherer machen? Für González Posso führt kein Weg an einer Politik vorbei, die Sicherheit mit sozialer Entwicklung verbindet. Repression allein werde den Konflikt nicht lösen.

Entscheidend seien Investitionen in die ländlichen Regionen und eine enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Denn viele Jugendliche schlössen sich bewaffneten Gruppen nicht aus Überzeugung an, sondern aus Mangel an Alternativen. „Die allermeisten tun das, um zu überleben“, sagt González Posso.

Die Menschen in den Koka-Anbaugebieten seien zwar Teil illegaler Wirtschaftsstrukturen, zugleich aber deren Gefangene. „Sie leben unter der Herrschaft einer Art lokalen Diktatur, die bewaffnete Gruppen erreichten, zusammen mit Drogenhändlern und korrupten Staatsbediensteten.“

Auch aus Sicht der International Crisis Group ist ein ganzes Bündel an Instrumenten notwendig: militärischer Druck ebenso wie soziale und wirtschaftliche Reformen, die die Ursachen des Konflikts angehen.

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Dr. Heinrich Krämer
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