Krieg gegen Cracker-TürmeSo hart treffen ukrainische Drohnen Russlands Ölindustrie

Der Krieg gegen die Ukraine erreicht eine neue Phase: Abseits der Bewegungen am Boden verlagert sich ein Schwerpunkt der Kämpfe in die Luft. Zunehmend wuchtigere Distanzschläge treffen russische Raffinerien. Neue Daten belegen das Ausmaß der Schäden.
Die ukrainischen Drohnenschläge zeigen Wirkung: Tief im russischen Hinterland geht eine Ölraffinerie nach der anderen in Flammen auf. Bislang war unklar, wie stark die russischen Verarbeitungskapazitäten davon beeinträchtigt sind. Aktuelle Daten von Energieanalysten deuten auf einen erheblichen Einbruch in den Produktionszahlen hin. Die Explosionen und Brände in den wichtigsten Raffinerie-Anlagen des Landes schränken die Kapazitäten bei der Aufbereitung von Rohöl demnach massiv ein.
Im zurückliegenden Monat Juli fiel die durchschnittliche Tagesmenge an verarbeitetem Rohöl in Russland auf ein Mehrjahrestief von landesweit rund 3,6 Millionen Barrel, wie aus einer Analyse des britischen Branchenspezialisten Energy Aspects hervorgeht. Das waren demnach noch einmal rund 150.000 Fass Rohöl pro Tag weniger als noch im Vormonat Juni.
Zum Vergleich: Im langjährigen Mittel bewegte sich die Verarbeitungskapazität zwischen fünf und sechs Millionen Barrel pro Tag. Ein Barrel entspricht rund 159 Litern. Der Rückgang ist diesen Angaben zufolge beträchtlich: Bis in den März hinein konnte die russische Ölindustrie die kriegsbedingten Ausfälle an einzelnen Standorten noch weitgehend ausgleichen.
Ab April nahmen die ukrainischen Luftangriffe jedoch weiter zu. Mitte des Monats traf es etwa den südrussischen Ölhafen Tuapse am Schwarzen Meer. Mitte Mai setzten ukrainische Distanzschläge die Raffinerie bei Kstowo an der Wolga in Brand. Explosionen meldeten russische Behörden auch aus weiter entfernten Städten wie Saratow, Wolgograd, Sankt Petersburg, Orenburg, Orsk und sogar aus Ufa – rund 1500 Kilometer von der Front entfernt.
Bei einem der ukrainischen Schwarmangriffe im Mai drangen ukrainische Drohnen sogar in den Großraum Moskau ein, eine Raffinerie im Südosten des Stadtgebiets erlitt schwere Schäden. Die russische Luftabwehr wirkte machtlos. Bilder der dunklen Rauchschwaden über dem Stadtteil Kapotnya – Luftlinie nur 16 Kilometer vom Kreml entfernt – gingen um die Welt. An den russischen Tankstellen stiegen die Preise, in mehreren Regionen wurde der Treibstoff zeitweise knapp.
Die Angriffe richten sich längst nicht mehr nur gegen Lagertanks, Verladeeinrichtungen und Pumpstationen. Die Ukrainer nehmen unter anderem mit ihren neuen Drohnen vom Typ FP-1 gezielt die besonders wertvollen Herzstücke der riesigen russischen Raffinerieanlagen ins Visier.
Inmitten der teils kilometerlangen Zuleitungen, Vorstufen und Pumpeinrichtungen ragen die sogenannten Cracker-Türme auf. In diesen empfindlichen Stahltürmen wird zähflüssiges Rohöl – ein Gemisch aus verschiedenen Kohlenwasserstoffen – unter Druck und Hitze petrochemisch aufgespalten und die Schweröl-Bestandteile von leichter brennbarem Diesel, Benzin oder Kerosin getrennt.
Schwere Schäden, monatelange Reparaturen
Die Logik des Kriegs folgt einem nüchternen Kalkül: Tanks und Röhren sind vergleichsweise leicht ersetzbar, über Rohöl verfügt Russland im Überfluss. Ukrainische Treffer in den turmartigen Destillationsanlagen jedoch beschädigen Bauteile, die für die Raffineriebetreiber in Russland aufgrund westlicher Sanktionen nur mit Mühe oder gar nicht mehr zu beschaffen sind.
Die leichte Entflammbarkeit der Raffinerieprodukte spielt den Ukrainern in die Hände: Die durch Einschläge oder herabstürzende Drohnentrümmer entstehenden Brände erzeugen aufgrund austretender Sprit- und Ölmengen ausgedehnte Schäden. Im Geflecht von Stahlstützen und Leitungsbahnen sind die Flammen nur schwer zu löschen. Ventildichtungen schmelzen, Stahlwände werden porös, Gerüstträger verlieren an Standfestigkeit. Bis die Rohölproduktion unter diesen Bedingungen wieder regulär aufgenommen werden kann, vergehen oft Wochen, wenn nicht sogar Monate.
Für die russische Kriegswirtschaft ergeben sich daraus düstere Aussichten. Von den zehn größten Raffinerien des Landes liegen acht innerhalb der Schlagdistanz ukrainischer FP-1-Drohnen. Die beiden übrigen Standorte Omsk und Angarsk liegen weit hinter dem Ural an der Grenze zu Kasachstan oder gar am Baikalsee. Damit befinden sie sich zwar bisher noch in relativer Sicherheit. Von den russischen Verbrauchern im europäischen Teil des Landes und der sprithungrigen Invasionsarmee in der Ukraine sind sie zugleich jedoch ebenso weit entfernt.
Die Daten der Energieanalysten belegen zugleich jedoch auch: Die offensichtlichen Erfolge der ukrainischen Luftkriegsstrategie können die russischen Kapazitäten zur Rohölverarbeitung bisher nur bremsen, aber bei Weitem nicht stoppen. Unter Wladimir Putin verfügt das rohstoffreiche Riesenreich noch immer über umfangreiche Reserven, um die wichtigste Einnahmequelle Russlands – das Geschäft mit Rohöl und Erdgas – weiter am Laufen zu halten.