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Politik

Krisentreffen zu Niedrigwasser: Wenn die Wasserstraßen versiegen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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FAQ

Stand: 06.08.2026 • 09:10 Uhr

Deutschlands Flüsse führen Rekord-Niedrigwasser. Vor allem Wirtschaft und Schifffahrt sind massiv betroffen. Verkehrsminister Bilger lädt daher heute zum Krisentreffen. Was kann das bringen?

Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) lädt heute zu einem Niedrigwasser-Spitzentreffen in Bonn. Zu der „Fachkonferenz“ hat Bilger unter anderem Hafenbetreiber und Vertreter der Binnenschifffahrt eingeladen sowie von Transportproblemen betroffene Unternehmen. Auch die Konferenz der Verkehrsminister der Länder beschäftigt sich heute mit dem Thema. Worum geht es?

Die Ausgangslage

Deutsche Flüsse führen derzeit an vielen Stellen Niedrigwasser, Regenschauer lassen die Wasserstände nur kurzzeitig steigen. Eine echte Entspannung ist nicht im Sicht, schreibt die Bundesanstalt für Gewässerkunde in einem aktuellen Bericht. Insgesamt überwiege „die weiterhin sinkende Tendenz“.

In Köln wurde am Samstag der niedrigste Pegelstand seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen: 67 Zentimeter – zwei Zentimeter weniger als im Oktober 2018. In Duisburg-Ruhrort (150 Zentimeter) und in Düsseldorf (22 Zentimeter) wurden am Sonntag historische Tiefststände verzeichnet.

Laut dem Informationssystem Niwis wiesen zuletzt rund 44 Prozent der Messstellen im Rhein extrem niedriges Wasser aus, 16 Prozent in der Elbe und circa 78 Prozent der Donau-Messstellen.

Wie trocken ist es – und wie ungewöhnlich ist das?

„Wir befinden uns gerade in einer extremen Dürre“, sagte Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) der Nachrichtenagentur dpa. Aktuell sei der Süden Deutschlands sehr stark betroffen, auch das Ursprungsgebiet des Rheins in der Schweiz etwa. Das mache sich an den Pegeln von Rhein und Donau bemerkbar. Der Dürremonitor, den das UFZ betreibt, zeigt insbesondere für den Süden Deutschlands, dass in den tiefen Bodenschichten immer weniger Wasser verfügbar ist.

Martin Helms von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) spricht gegenüber der dpa von einer „außergewöhnlichen Situation mit extremen Wasserständen, zum Teil unter den bekannten niedrigsten Wasserständen“. Alle großen Flüsse – besonders Rhein, Donau, Elbe – seien gleichzeitig stark betroffen, und das schon sehr früh im Jahr. Die typische Niedrigwasser-Saison sei üblicherweise erst im Spätsommer oder Herbst.

Häufigere und heftige Hitzewellen sowie zunehmende Dürren sind Folgen des Klimawandels. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, weshalb längere Trockenphasen zunehmen. Auch das BfG geht davon aus, dass der Klimawandel langfristig dazu führt, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden, weil mehr Wasser verdunstet.

Was ist mit dem Trinkwasser?

„Die Trinkwasserversorgung ist noch sicher in Deutschland“, betont Weitere um UFZ. Der überwiegende Teil komme aus dem Grundwasser. Zudem habe die Trinkwassergewinnung eine hohe Priorität gegenüber anderer Nutzung. „Dennoch gibt es lokal Engpässe, denen man durch Nutzungseinschränkungen entgegenwirkt.“ So verbot kürzlich etwa die Stadt München, private Pools zu befüllen oder den Rasen zu sprengen.

Grundwasser in tieferen Bodenschichten wird durch Niederschläge gespeist, wie das Umweltbundesamt erklärt. Langanhaltende Trockenheit führt also auch hier zu Veränderungen, allerdings finden diese langsamer statt. In den trockenen Jahren 2018, 2019, 2020 und 2022 seien die Grundwasserstände in oberflächennahen Grundwasserleitern durchaus deutlich gefallen, heißt es vom Umweltbundesamt weiter.

Der Druck auf die Ressource Grundwasser werde in Zukunft weiter steigen, „insbesondere wenn die landwirtschaftliche Bewässerung zunimmt und wasserintensive industrielle Nutzungen hinzukommen“.

Welche Folgen hat das Niedrigwasser für die Wirtschaft?

„Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland“, sagt Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Höhere Transportkosten seien die Folge. Der Druck auf Straße und Schiene nehme zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb drohten Engpässe in Lieferketten. Betroffen sind Experten zufolge vor allem Branchen, die auf große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind – etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. „Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren“, sagt Schaefer.

Der Bereichsleiter der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Dirk Binding, warnt vor mangelnden logistischen Kapazitäten: „Wenn die durchschnittlichen Frachtkapazitäten wegen der niedrigen Pegelstände beispielsweise am Rhein um 25 Prozent sinken, werden hierdurch knapp drei Millionen Tonnen Güter weniger pro Monat transportiert.“ Das entspreche knapp 120.000 Lkw-Ladungen. „Diese Kapazitäten haben wir weder bei den Lkw noch bei den Fahrern“, so Binding.

Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam, die Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vervierfacht. Hinzu kämen Kosten wegen Verzögerungen und Umplanungen.

Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Es sieht alles danach aus, dass sich die Lage für die Rhein-Schifffahrt verschärft. Auch an der Donau ist die Situation schwierig. Wir brauchen kurzfristig eine nationale Taskforce für Maßnahmen, um die Transportlage zu verbessern.“

Wie groß ist der gesamtwirtschaftliche Schaden?

Das Niedrigwasser könne das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen, sagt Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft.

„Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf ein bis zwei Milliarden Euro im dritten Quartal beziffern.“ IW-Ökonom Schaefer nennt keine Zahlen. „Eine Schadenssumme lässt sich erst dann seriös abschätzen, wenn klarer ist, wie lange die Einschränkungen andauern.“

Welche Forderungen gibt es?

Die Verkehrsminister der Länder wollen den Bund bei ihrer ebenfalls heute stattfindenden Konferenz zu umfassenden Maßnahmen gegen Niedrigwasser auffordern. Dies geht aus einer Beschlussvorlage hervor, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt. Demnach soll das Bundesverkehrsministerium „ein nationales oder europäisches Flottenförderprogramm für niedrigwassergeeignete Schiffe“ vorlegen.

Auch der seit 2018 bestehende „Aktionsplan Niedrigwasser Rhein“ und der „Masterplan Binnenschifffahrt“ von 2019 müssten aktualisiert werden. Gefordert wird überdies eine beschleunigte Umsetzung von Maßnahmen des Bundesverkehrswegeplans an Bundeswasserstraßen – besonders am Rhein. Sie sollen die Befahrbarkeit bei Niedrigwasser bald verbessern.

Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Holger Lösch, fordert eine beschleunigte Umsetzung der punktuellen Rheinvertiefung. Die Niedrigwasser-Konferenz in Bonn müsse dafür den Startschuss geben.

Für Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, bietet die Rheinvertiefung hingegen keine ausreichende Lösung. Tiefer baggern allein reiche nicht, sagte Große Entrup. „Wenn kein Wasser da ist, hilft auch die tiefste Fahrrinne nicht“. Deutschland brauche ein Verkehrsnetz, das auch in Extremlagen funktioniere: „robuste Wasserstraßen, leistungsfähige Schienen und Straßen und echte Ausweichmöglichkeiten für die Industrie.“

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