Kronprinz MBS im WürgegriffHuthis bomben Saudi-Arabien in Wirtschaftskrise

Raketen auf den Hauptstadtflughafen, lahmgelegte Ölexportwege und ausbleibende Investoren: In Saudi-Arabien muss Kronprinz Mohammed bin Salman plötzlich fast alles hinterfragen. Die Beziehung zu Donald Trump, seine Mammut-Bauprojekte und wie er die Wirtschaft wieder auf Vordermann bringt.
Saudi-Arabien steckt in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten. Das Königreich wird von den Huthi-Terroristen ins Visier genommen. Anfang des Monats schlägt eine Rakete im Flughafen von Riad ein. Zwei Terminals werden getroffen, teilweise stürzen Dächer ein und begraben Flugreisende unter sich. Die Bilanz: mindestens 13 Tote, über 300 Verletzte, viele von ihnen schwer. Trümmer abgefangener Raketen schlagen in Kindergärten und Krankenhäusern ein. Schulen und Botschaften werden evakuiert. Saudi-Arabien ist im Ausnahmezustand.
Einen Tag nach den Angriffen vom 10. Oktober folgen die nächsten Attacken. Erneut wird der internationale Flughafen King Chalid in der saudischen Hauptstadt getroffen. Ein Mensch stirbt, elf weitere werden verletzt. Auch der King-Fahd-Airport in Damman am Persischen Golf wird von Huthi-Raketen attackiert, genauso eine Gasanlage und eine Ölraffinerie des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco.
Seit mehr als zehn Jahren ist Saudi-Arabien im Krieg mit den Huthis. Die Miliz kontrolliert den Jemen, auch dank der Unterstützung des Iran. Die schiitischen Terroristen bringen Saudi-Arabien mit ihren Raketenangriffen dramatisch in Bedrängnis. Dabei hatte sich das Königshaus noch im Sommer betont gelassen gezeigt. „Im Gegensatz zu den kleineren Golfstaaten ist Saudi-Arabien von den iranischen Angriffen nicht so stark getroffen worden“, analysiert der Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons im „Wieder was gelernt“-Podcast von ntv. „Das hatte auch etwas damit zu tun, dass es nach wie vor diplomatische Beziehungen gibt zwischen Saudi-Arabien und Iran.“
„Davos in der Wüste“ muss verschoben werden
Der Islam- und Politikwissenschaftler vom Forschungsinstitut Carpo kann daher die damalige Gelassenheit der Saudis nachvollziehen, zumal auch die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs abgefedert werden konnten: Es gibt eine Alternativpipeline, die von Ost nach West durch das Land führt. Dadurch konnte Saudi-Arabien die Blockade der Straße von Hormus umgehen.
Von diesen vergleichweise entspannten Verhältnissen ist Riad aber mittlerweile weit entfernt. „Die Lage hat sich prekär entwickelt“, macht Sons im Podcast deutlich. „Zumal Saudi-Arabien keine großen Handlungsoptionen hat.“
Für Kronprinz Mohammed bin Salman ist das in jeder Hinsicht ein Desaster. Saudi-Arabien ist kein Land, in das man gerade einen Fuß setzen, geschweige denn investieren will.
Unmittelbar nach den schweren Angriffen der Huthis wurde eine große Energiekonferenz ausgerichtet. Die meisten prominenten Teilnehmer versuchten erst gar nicht, persönlich anzureisen. US-Energieminister Chris Wright ließ sich per Videokonferenz zuschalten, die Chefs von BP, ExxonMobil, Shell und Total Energies sagten ihre Anreise ebenfalls ab. Die wenigen Teilnehmer vor Ort wurden vom saudischen Energieministerium von kleineren Regionalflughäfen abgeholt und in die Hauptstadt gefahren.
Der noch weitaus größere Hammer ist aber die Verschiebung der „Future Investment Initiative„. Die Konferenz ist ein Eldorado für Investoren, mächtige Wirtschaftsbosse und Politiker. In Anspielung auf das Weltwirtschaftsforum ist vom „Davos in der Wüste“ die Rede. Eigentlich sollte die Veranstaltung vom 26. bis 29. Oktober in Riad stattfinden – inzwischen wurde sie komplett abgesagt und soll im kommenden Jahr nachgeholt werden: „Welche ausländischen Unternehmer gehen nach Saudi-Arabien, wenn sie nicht genau wissen, ob ein Projekt auch geschützt werden kann?“, fragt Sons rhetorisch.
„Es gibt durchaus Armut und Arbeitslosigkeit“
Die saudische Wirtschaft leidet stark unter der prekären Sicherheitslage im Nahen Osten. Es droht eine Rezession. Das Finanzministerium erwartet für dieses Jahr mittlerweile einen BIP-Rückgang von 3,6 Prozent. Das spürt ein großer Teil der Bevölkerung. „60 Prozent der saudischen Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre“, sagt Sons. „Und es ist auch eine sehr heterogene Bevölkerung, in der es durchaus Armut und Arbeitslosigkeit gibt. Bei 35 Millionen Einwohnern, davon etwa 28 bis 29 Millionen saudische Staatsangehörige, gibt es ein soziales Gefälle. Das ist der Unterschied zu Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.“
Vor dem Hintergrund, sich zunächst um die Alltagsprobleme seiner Bevölkerung kümmern zu müssen, rücken derzeit auch ambitionierte Giga-Projekte des Kronprinzen in den Hintergrund. Die Planstadt „The Line“, ein 170 Kilometer langes Bauprojekt durch die Wüste, wurde schon vor zwei Jahren eingedampft. Dutzende Luxusresorts am Roten Meer werden erstmal nicht weiterverfolgt, ein Skigebiet in den Bergen wurde zurückgebaut und hat die Ausrichtung der Asiatischen Winterspiele 2029 an Kasachstan verloren, ein würfelförmiger Wolkenkratzer in Riad wird ebenfalls nicht weitergebaut.
In acht Jahren ist die Fußball-Weltmeisterschaft zu Gast in Saudi-Arabien. Auch beim Nonplusultra des internationalen Sportswashing muss die reiche Golfmonarchie offenbar aufgrund der Sicherheits- und Finanzlage kürzen: Berichten zufolge wird Saudi-Arabien fünf neue Fußballstadien weniger bauen als geplant.
Saudi-Arabien steckt in der Klemme. Ohne Sicherheit keine Investitionen. Das Königreich muss Geld in sein Militär pumpen. Derzeit investiert Riad sechs bis acht Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Rüstung und Verteidigung – damit ist das Königreich eines der Länder weltweit mit den höchsten Militärausgaben. Es ist ein teurer Rüstungskreislauf. „Einen hundertprozentigen Schutz vor den Huthi-Angriffen gibt es nicht. In den vergangenen Monaten hat Saudi-Arabien die meisten Angriffe, auch aus dem Iran, abwehren können. Derzeit sieht es problematischer aus. Das wird in Saudi-Arabien hinter verschlossenen Türen sicher kritisch analysiert“, ist Sons im Interview bei „Wieder was gelernt“ überzeugt.
Kompliziertes Verhältnis zu Trump
Wie kommt Saudi-Arabien aus der gefährlichen Lage heraus? Kronprinz bin Salman ist auf der Suche nach Verbündeten. Einer davon ist Donald Trump. Doch bis auf ein paar Worte, mit denen Trump die Huthi-Angriffe verurteilt hat, ist der US-Präsident keine große Hilfe. Die Vereinigten Staaten haben Militärberater nach Saudi-Arabien geschickt, halten sich ansonsten aber zurück – trotz der Ankündigung von MBS, in den nächsten Jahren hunderte Milliarden Dollar in die US-Wirtschaft zu investieren.
„Beziehungsstatus: kompliziert“. Mit diesen Worten fasst Sebastian Sons das Verhältnis zwischen Riad und Washington zusammen. Der Experte erkennt einen „Entfremdungsprozess und eine gewisse Frustration auf Seiten Saudi-Arabiens“. Der Grund ist Trumps Zurückhaltung bei der Bekämpfung der Huthis. Massive Angriffe gegen die Terroristen im Jemen können oder wollen sich die USA derzeit nicht auch noch ans Bein binden. Derzeit herrscht ein Flächenbrand im Nahen Oste. Saudi-Arabien ist als das mit Abstand größte Land mittendrin. „Vor Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran hat Saudi-Arabien alles versucht, diese zu verhindern, weil man ein genau solches Szenario gefürchtet hat.“ Besorgt darüber, dass Riad am Ende „unter den Bus geworfen und quasi im Stich gelassen wird“, analysiert Sons.
Saudi-Arabien ist derzeit in einer ähnlichen Lage wie die Europäer. Das Land braucht die USA, kann sich aber nicht auf sie verlassen. Deshalb sucht Mohammed bin Salman verstärkt nach anderen Partnern. Die Zusammenarbeit mit China hat Saudi-Arabien verstärkt, zum Iran gibt es immerhin diplomatische Beziehungen, mit der Türkei und Pakistan hat Riad vor kurzem den Mekka-Verteidigungspakt geschlossen.
Alles, um irgendwie gegen die Huthi-Terroristen anzukommen. Saudi-Arabien klopft in der ganzen Welt Länder ab, ob es ihnen Luftabwehrsysteme abkaufen kann. Außerdem versuche Saudi-Arabien derzeit, ausländische Kämpfer für den Einsatz gegen die Huthis zu rekrutieren, berichtet das „Wall Street Journal“. Die Söldner sollen den jemenitschen Verbündeten von Saudi-Arabien helfen. Gleichzeitig werde eine „diplomatische Lösung geprüft“, heißt es.
Saudische Ölwege blockiert
Selbst das altbewährte Ölbusinness läuft inzwischen alles andere als geschmiert, erklärt Sons im Podcast. Dabei ist Mohammed bin Salman gerade jetzt besonders stark auf dicke Einnahmen aus Ölexporten angewiesen. „Die Rechnung, die man aufgemacht hat, ist folgende: Wir nutzen die Öleinnahmen, um uns vom Erdöl unabhängiger zu machen.“
Dieses Hybridmodell ist aktuell zum Halten gekommen. Die Exportwege für saudisches Öl sind blockiert. „Die Produktionsquote geht runter. Das hat nicht nur Auswirkungen auf Saudi-Arabien, sondern eben auf den gesamten Ölmarkt in der Welt“, macht Sons die dramatischen Folgen deutlich.
Mohammed bin Salman braucht dringend eine Lösung, um Saudi-Arabien wieder auf einen erfolgreichen Kurs zu bringen. Der saudische Kronprinz steckt in seiner schwersten politischsten Krise. Solange saudische Flughäfen nicht sicher sind, hat sein Land keine Chance, zurück in die Normalität zu finden. Solange Raketen einschlagen, hat der Kronzprinz keine Chance, ausländische Investoren zurückzuholen und seine Mammut-Projekte zu realisieren.