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Politik

Le Pen im Wahlkampf: Weitermachen, als sei sie freigesprochen worden

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 12, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Weltspiegel

Stand: 12.07.2026 • 10:39 Uhr

Es bleibt ungewiss, ob Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr kandidieren kann. Bis ein Berufungsgericht darüber urteilt, macht sie Wahlkampf – in einem für sie symbolischen Ort.

Michael Strempel

So hat sich Cindy ihren Markttag nicht vorgestellt. Die Gemüsehändlerin ist aufgebracht. Mit viel körperlichem Einsatz verteidigt sie ihren Stand gegen eine wabernde Menge von Demonstranten. Die rufen lautstark „en prison, en prison“ – „ins Gefängnis“. Und meinen damit Marine Le Pen.

Die Chefin des rechtsnationalen Rassemblement National hat sich ausgerechnet den Markt des kleinen Städtchens La Flèche in Westfrankreich ausgesucht, um sich erstmals nach ihrer Ankündigung, trotz gerichtlicher Verurteilung als Präsidentschaftskandidatin anzutreten, öffentlich zu präsentieren. Entsprechend groß der Medienandrang, mehrere Dutzend Demonstranten sorgen für lautstarken Protest.

„Marine Le Pen soll machen, was sie will, und die da können auch machen, was sie wollen. Aber nicht hier!“, empört sich Cindy. „Mein Verdienst für heute ist im Eimer!“

Alles andere als ein normaler Wahlkampftermin: Bei Le Pens Besuch in La Flèche muss die Polizei auf dem Markt Demonstranten zurückdrängen.

Ein besonderer Ort für Le Pen

Le Pen, die wenige Meter entfernt in einem Knäuel aus Kameras und Mikrofonen steckt, weiß genau, warum sie gerade nach La Flèche gekommen ist. Die Stadt mit ihren 15.000 Einwohnern ist ein symbolischer Ort für den Aufstieg der Rechtsnationalen in Frankreich geworden. Überraschend hatte der Rassemblement National (RN) im März hier die Kommunalwahl gewonnen und eine jahrzehntelange Vorherrschaft der Sozialisten beendet.

Der neue Bürgermeister, Romain Lemoigne, ist erst 25 Jahre alt. Seinen steilen Aufstieg verdankt er der Le-Pen-Familie. Er war freiwilliger Wahlkampfhelfer von Le Pens älterer Schwester, später Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro ihres Schwagers.

An diesem Tag begrüßt er im dunklen Anzug stolz Marine Le Pen. Ihre Schwester Marie-Caroline und ihr Schwager Philippe Olivier sind auch an seiner Seite. Zeit für die ARD hat er jetzt nicht, aber er verspricht einen Termin nach dem hohen Besuch. Nun demonstriert er zusammen mit dem Le-Pen-Clan geschlossene Siegeszuversicht.

Was in La Flèche bei der Kommunalwahl geschah, soll sich in anderen Orten wiederholen – deshalb kam Marine Le Pen am Tag nach dem Urteil eines Berufungsgericht hierher.

Familie gibt sich zuversichtlich

Frage an Marie-Caroline Le Pen am Rande des Gedränges, ob sie nervös gewesen sei, als das Urteil für ihre Schwester verkündet wurde? „Überhaupt nicht“, sagt sie selbstbewusst. Sie sei immer zuversichtlich gewesen.

Dass ihre Schwester schon in zweiter Instanz wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu einer Haftstrafe mit elektronischer Fußfessel verurteilt wurde, bekümmert sie nicht. Weil Marine Le Pen ins Revisionsverfahren geht, wird ihr die Fußfessel noch nicht angelegt.

Sie selbst erweckt den Eindruck, sie sei eigentlich freigesprochen. Denn das Gericht hat die Phase ihrer Nicht-Wählbarkeit so verkürzt, dass sie bei der Präsidentschaftswahl antreten kann. Selbst als verurteilte Straftäterin wäre das möglich.

Unversöhnliche Konfrontation

Magalie, eine Le-Pen-Anhängerin aus La Flèche, ist weiter überzeugt: Marine sei einfach die Beste. Und mit der Meinung ist sie hier nicht allein. „Marine, Présidente“ – „Marine, Präsidentin“ rufen die Le-Pen-Fans. Von der anderen Seite sind weiter die „Ins Gefängnis“-Chöre hörbar.

Zwei politische Lager stehen sich auf wenigen Metern unversöhnlich gegenüber. Die Polizei hält sie mühsam davon ab, aufeinander loszugehen. Marine Le Pen muss ihren Besuch schon nach wenigen Schritten abbrechen. Ein Marktspaziergang in dieser aufgeheizten Atmosphäre – unmöglich.

Die Demonstranten sind froh, die Anhänger enttäuscht, die Marktleute um ihre Einkünfte gebracht.

Für Le Pens Gegner steht außer Zweifel: Die RN-Chefin ist wegen der Veruntreuung von EU-Geldern verurteilt.

Drastische Kürzungen nach der Wahl

Wenige Schritte entfernt sitzt Richard Le Normand mit seinem kleinen Team im unaufgeräumten Büro des Kulturzentrums Le Carroi. Eigentlich hätten sie jetzt Hochbetrieb. Sie haben bislang im Sommer jeden Freitag Gratis-Konzerte in La Flèche veranstaltet. Ein Highlight für alle, die nicht in die Ferien fahren können.

Damit ist jetzt Schluss. Der RN hat drastische Kürzungen im Kulturetat durchgesetzt. Die Konzerte waren nicht mehr bezahlbar. „Ob die Kürzungen an unserem Programm liegen, wissen wir nicht“, sagt Richard, „sie haben uns die Gründe nicht erklärt“.

Seine Kollegin Sophie hat aber eine Vermutung: Für den RN sei Kultur vor allem Denkmalpflege, historisches Erbe bewahren. Lebendige Kulturveranstaltungen, die auch zum Nachdenken anregten, „so etwas wollen die nicht“.

Sicherheit vor Kultur

„Unsinn“, sagt Bürgermeister Lemoigne, der nach dem turbulenten Auftritt Le Pens, wie versprochen, im Rathaus empfängt. Er gibt zwar zu, dass er das Kulturprogramm von Le Carroi „etwas elitär“ findet. Aber die Kürzungen seien nötig geworden, weil ihm seine sozialistische Vorgängerin einen Schuldenberg hinterlassen habe.

Seine Priorität sei die Sicherheit der Bürger. Die vier Polizisten, die der Kommune unterstehen, will er schrittweise auf fünfzehn verstärken. Größere Kriminalitätsprobleme hat La Flèche bislang nicht, aber auch um die kleineren müsse man sich kümmern, findet Lemoigne. Die Straßenbeleuchtung wird nun früher eingeschaltet, hier gilt der Sparzwang für ihn nicht.

Ein Schaufenster für den RN

Dass La Flèche so etwas wie ein Schaufenster der Rechtsnationalen im französischen Westen werden soll, wo sie bislang wenig Erfolge hatte, streitet der junge Bürgermeister nicht ab. Was hier funktioniere, werde vielleicht Nachahmer finden.

Am Ende dürfte es auch seinen Mentoren aus der Le-Pen-Familie helfen. Auf weitere Besuche der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen darf Lemoigne jedenfalls hoffen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.

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Dr. Heinrich Krämer
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