Die meistdiskutierte Liste des Literaturbetriebs ist da: die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Auf ihr stehen 20 Romane, die die Vielfalt des Erzählens zeigen sollen. Es lässt sich streiten, ob es auch die Besten sind.
Dass ausgerechnet jenes Werkzeug, mit dem auf die Schönheit deutschsprachiger Literatur hingewiesen werden soll, in fragwürdigem Deutsch „Longlist“ genannt wird – darüber regt sich längst keiner mehr auf. Entsprechende Mäkeleien aus der Anfangszeit des Deutschen Buchpreises vor über 20 Jahren sind inzwischen verstummt. Der Preis und seine Listen – die „Longlist“ im August mit 20 Titeln und die auf sechs Romane verkürzte „Shortlist“ im September – sind etabliert und feste Größen im Kalender des Literaturbetriebs.
Ärger, Empörung und Polemik lösen sie trotzdem regelmäßig und zuverlässig aus – und erfüllen damit zielgenau den Zweck des Deutschen Buchpreises. Denn Streit schafft Aufmerksamkeit – die wichtigste Währung auf dem hart umkämpften Buchmarkt, auf dem immer mehr Titel um die Gunst eines stetig kleiner werdenden Publikums ringen.
„Der beste Roman des Jahres“?
Als Marketinginstrument wurde der Deutsche Buchpreis im Jahr 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen. Das aufsehenerregende Brimborium mit dem großen, oscarimitierenden Finale im Oktober zum Beginn der Frankfurter Buchmesse soll Werbung machen für das Buch an sich und diejenigen, die Bücher verkaufen.
Entsprechend marktschreierisch klang das Versprechen, mit dem der Buchpreis einst an den Start ging: „Der beste Roman des Jahres“ solle damit ausgezeichnet werden, verkündete der Börsenverein und täuschte damit eine Objektivierbarkeit vor, die es in der Literatur – wie überhaupt in den Künsten – gar nicht geben kann. So sehr sich die sieben Jurorinnen und Juroren des Buchpreises auch um gemeinsame Kriterien bemühen: Anders als etwa bei der Leichtathletik-EM haben sie kein Maßband, mit dem sie feststellen könnten, dass dieser Roman zehn Zentimeter weiter springt als jener. Am Ende spielen eben doch persönlicher Geschmack und gruppendynamische Prozesse in der Jury eine entscheidende Rolle.
Einige Newcomer, viele Namen
Der Longlist für das Jahr 2026, die die Jury an diesem Dienstag vorgelegt hat, lässt sich nicht absprechen, dass sie auf sehr respektable Weise die Vielfalt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur abbildet. Sie schmückt sich mit etwas Prominenz (Heinz Strunk und Ingo Schulze), einigen Newcomern (etwa Miriam Carbe und Alisha Gamish) und vielen Namen, die schon seit längerem qualitativ hochwertig mitmischen (z. B. Yade Yasemin Önder, Peggy Mädler und Elias Hirschl).
Favoriten für die Preisverleihung am 5. Oktober zu benennen fällt nur deshalb schwer, weil in der Geschichte des Buchpreises oft ein vermeintlicher Außenseitertitel gewann – gelegentlich auch deshalb, weil die Jury sich nicht einigen konnte und schließlich zu einem Kompromiss finden musste.
Drei Romane drängen sich auf
Drei Romane auf dieser Liste drängen sich dann aber doch sehr ins Blickfeld. Sie haben etwas klassisch Buchpreisartiges: Es sind große, gewichtige, auch gut und schwer in der Hand liegende Epen, die weit ausgreifend davon erzählen, wie das Individuum in die Strudel historischer Zeitläufe geworfen ist und sich entweder freischwimmt oder untergeht. Ein solcher Erzählkoloss ist der demnächst erscheinende Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar, deren Eltern vor vierzig Jahren aus Iran nach Deutschland geflohen sind und die 1988 in Hermeskeil im Hunsrück geboren wurde. Wie sich dort deutsche Geschichte in die Biografien der Menschen eingeschrieben hat – davon erzählt Bazyar virtuos und mit langem Atem.
Auch Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“, die von Kritik und Publikum schon vielgefeierte Nachwendegeschichte einer fiktiven Kleinstadt am östlichen Rand der Republik, darf als favorisiert gelten – ebenso wie „Anton und Alma“ von Dana Vowinckel, die von einer jungen Liebe im Schatten des 7. Oktober 2023 und des nachfolgenden Gaza-Kriegs erzählt.
Vielstimmig und vielsprachig
Nun hat die deutschsprachige Literatur in den vergangenen zwanzig Jahren nichts so sehr geprägt (und vitalisiert) wie migrantisches und postmigrantisches Erzählen. So klingt auch diese Longlist extrem vielstimmig und vielsprachig, einige der Nominierten (Tomer Gardi, Karosh Taha) sind gar keine deutschen Muttersprachler. Ihr Schreiben bewegt sich oft abseits aller Routinen und ist besonders poetisch, zupackend und gewagt.
Von dieser Longlist blinzelt den Betrachter besonders verführerisch Muri Darida an, eine non-binäre Person mit ungarischem Hintergrund, deren Roman „King Cobra“ von einer Spurensuche in der Familiengeschichte handelt. Das ist so hinreißend und originell geschrieben, dass man beim Lesen immerzu denkt: So schön also würde die deutsche Sprache klingen, wenn sie von Ungarn entwickelt worden wäre. Gut vorstellbar, dass sich dieser Roman im Finale noch an den Favoriten vorbeischlängelt.
Auch Stoff für Kontroversen
Dennoch bietet auch diese Longlist Stoff für Kontroversen. Zu den Ritualen des Feuilletons gehört es, empört anzuprangern, welche Titel unverständlicherweise fehlen. Und in der Tat: Dass drei herausragende Romane dieses Jahres unberücksichtigt bleiben, nämlich „Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher, „Im ersten Licht“ von Norbert Gstrein und „Luft nach unten“ von Tamara Štajner – dafür braucht die Jury schon gute Argumente. Wenn sie ehrlich ist, wird eines wohl lauten: Angesichts von 180 Einreichungen türmt sich der Leseberg so hoch auf den Nachttischen der Jurymitglieder, dass das Pensum kaum zu schaffen ist; da fällt manch ein Titel unverdient hinten rüber. Das ist bitter, aber menschlich.
Auch deshalb ist das Lesepublikum gut beraten, diese Longlist als unverbindliche Empfehlung mit spielerischem Charakter zu lesen – so existenziell wichtig ihre Folgen auch sind, vor allem für die Autorinnen und Autoren: nicht nur wegen des Preisgeldes von 25.000 Euro, die für den Deutschen Buchpreis ausgelobt sind, sondern auch deshalb, weil Nominierung und erst recht Auszeichnung einen spürbaren Verkaufsschub bedeuten.
Ermutigende Überraschungsbestseller
Die Kehrseite: „Für sehr viel sehr gute Literatur gibt es schlicht wenig andere Möglichkeiten, stark ins Gerede zu kommen, als diese eine Longlist“, schreibt Florian Kessler, im Literaturbetrieb bestens vernetzter Lektor des Hanser-Verlags, auf Instagram: „Eine Antwort darauf ist vermutlich, jedes Reden und Lesen und Empfehlen jenseits der Longlist sehr gut zu finden.“
Ermutigend ist da das Beispiel der kürzlich verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Monika Helfer: Ganz ohne Kampagne, ohne irgendeine Longlist- oder Shortlistnominierung wurde ihr Roman „Die Bagage“ zum großen Überraschungsbestseller des Jahres 2020 – einfach, weil sich in der Leserschaft seine Qualität herumgesprochen hatte. „Ich denke mir immer“, staunte Monika Helfer damals, „da steht jemand neben mir, der’s geschrieben hat, und nicht ich.“
Vielleicht war’s ein Luftgeist, der ihr die Feder führte – und Luftgeister werden gemeinhin nicht für den Buchpreis nominiert.
