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Startseite»Politik»Mehr Pflanzen, weniger Fleisch: Schweiz stimmt über Ernährungsinitiative ab
Politik

Mehr Pflanzen, weniger Fleisch: Schweiz stimmt über Ernährungsinitiative ab

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 18, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 18.09.2026 • 07:06 Uhr

„Tu ma lieber die Möhrchen“, könnte es bald in der Schweiz heißen. Eine Initiative fordert mehr pflanzliche Lebensmittel und weniger Tierhaltung. Dahinter steckt die Frage: Inwieweit will sich das Land künftig selbst versorgen?

Sandra Biegger

Wer aktuell in der Schweiz unterwegs ist, der sieht ziemlich viel Essen auf Plakaten. Mal ist es ein Spiegelei, mal ein hierzulande sehr beliebtes Cervelat-Grillwürstchen, mal ein bisschen Käsefondue. „Mein Essen, meine Wahl. Nein zum Veganzwang“, prangt in großen Lettern neben den allesamt tierischen Lebensmitteln. Beinahe glaubt man, die Empörung zu hören.

Die Frau, gegen die sich diese Empörung richtet, heißt Franziska Herren. Sie ist 59 Jahre alt und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Herren war früher Fitnesstrainerin, heute ist sie Umweltaktivistin. Als solche hat sie die Ernährungsinitiative gestartet, über die die Schweizerinnen und Schweizer am 27. September abstimmen. Herren selbst ist Veganerin. Über den Vorwurf, sie wolle alle anderen auch dazu machen, kann sie nur lachen.

„Meine Kinder essen Fleisch“, sagt sie. „Es ist das Maß, das ist das Problem in der Schweiz.“ Es sei schwierig, dass 75 Prozent der Agrarsubventionen die tierische Produktion unterstützten. Es würden zu wenige pflanzliche Lebensmittel produziert, findet sie.

Mehr Menschen mit pflanzlichen Lebensmitteln ernähren

Aktuell werden etwas weniger als die Hälfte aller Lebensmittel, die in der Schweiz verzehrt werden, auch hier angebaut. Zum Vergleich In Deutschland liegt die Selbstversorgungsquote bei über 80 Prozent.

Franziska Herren und ihre Mitstreiter von der Ernährungsinitiative möchten den Anteil auch in der Schweiz erhöhen – auf 70 Prozent, und zwar innerhalb von zehn Jahren. Dazu sollen weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel produziert werden. So ließen sich laut Initiativkomitee mit derselben Fläche mehr Menschen ernähren.

„Wir verlangen eine effiziente Landwirtschaft“, sagt Herren. „Das heißt, dass das Grasland für die Fleischproduktion, die Ackerflächen dort, wo jetzt Futtermais angebaut wird, dass man dort mehr Hülsenfrüchte, Getreide anbaut oder Gemüse. Dann können wir zehnmal mehr Kalorien produzieren für die Bevölkerung.“

Regierung und Bundesrat sind gegen Initiative

Die Schweizer Regierung, der Bundesrat und das gesamte Parlament lehnen in seltener Einigkeit die Initiative ab. Immer wieder hört man, die Idee sei ja in Ansätzen vielleicht nicht verkehrt, schieße aber komplett übers Ziel hinaus, greife in den Menüplan der Bürgerinnen und Bürger und in die unternehmerische Freiheit der landwirtschaftlichen Betriebe ein.

Martin Ruffer vom Schweizer Bauernverband sagt, dass die Schweiz in erster Linie ein Bergland ist. „70 Prozent der von der Landwirtschaft genutzten Fläche ist Grasland, Grünland. Diese Fläche kann man nur für die tierische Produktion brauchen“, sagt er. „Das zeigt schon auf, dass wir eben auch eine starke tierische Produktion haben müssen.“

Befürworter argumentieren mit Verfassung

Die Befürworter der Ernährungsinitiative argumentieren, dass es die Verfassung vorschreibt, dass die Schweiz im Falle eines Falles innerhalb eines Jahres ihre Bevölkerung mit inländischen Produkten versorgen kann. Der Politikwissenschaftler Michael Hermann sagt, diese Vorgabe sei per se völlig unrealistisch. Landwirtschaft spiele für die Identität der Schweizerinnen und Schweizer zwar nach wie vor eine große Rolle. In Wahrheit sei das Land jedoch dicht besiedelt und hoch industrialisiert. Und nicht zuletzt aufgrund des Reichtums wollten viele Menschen nicht auf Tomaten aus Italien und Avocado aus Peru verzichten.

„Die Schweizer sind nicht schlecht in den Lebenslügen“, sagt Hermann. Das Selbstbild reiche zurück bis zum Kalten Krieg und bis zum Zweiten Weltkrieg. Da habe es eine regelrechte „Anbauschlacht“ gegeben. „Da ging es ja genau darum, dass man versuchte, sich unabhängig zu machen“, sagt er. „Es ging natürlich nur, weil man kaum Fleisch gegessen hatte.“

Hinzu komme, dass mittlerweile nahezu doppelt so viele Menschen in der Schweiz lebten wie noch während des Zweiten Weltkrieges. Aktuellen Prognosen zufolge sind die Chancen, dass die Schweizerinnen und Schweizer die Ernährungsinitiative annehmen, eher gering. Genaues weiß man nach der Abstimmung am 27. September.

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