Borussia Dortmund holt beim angeschlagenen FC Bayern München auf durchaus imponierende Weise einen Punkt, doch außer Schlotterbecks leiser Kampfansage ist wenig in Richtung Titelrennen vom BVB zu hören. Warum eigentlich?
„Das geht mindestens 4:1 aus – leider!“ Die allermeisten BVB-Fans waren vor der Partie am Samstagabend beim FC Bayern München alles andere als euphorisch. Kein Mini-Funke Hoffnung auf eine Überraschung, dafür eher schon die Angst vor einer deprimierenden Klatsche. Es kam anders, wie wir mittlerweile alle wissen. Die Dortmunder trotzten dem Rekordmeister beim Klassiker der Bundesliga in der heimischen Arena einen Punkt ab. Und das durchaus über weite Strecke in überzeugender Manier. Seitdem keimt selbst bei den kritischsten BVB-Fans langsam so etwas wie Hoffnung auf, dass diese Saison im Rennen um den Titel endlich wieder eine echte Chance bestehen könnte.
Tatsächlich spürte wohl auch Nico Schlotterbeck nach dem späten Ausgleich einen ersten zarten Anflug von Zukunftsglauben, als er nach der Partie unisono in die Mikrofone der Journalisten immer wieder die ähnlichen Worte sprach: „Wir stehen gut da, wir sind punktgleich mit den Bayern. Du musst dranbleiben, du musst das Meisterschaftsrennen offenhalten. Wir haben eine gute Mannschaft, wir können was reißen. Die Bayern sind der Favorit, wir sind der Jäger.“
BVB-Kapitän Schlotterbeck: „Haben gelitten, aber sie auch“
Beim BVB redete man noch nie gerne von der Meisterschaft und als es Schlotterbeck in der vergangenen Saison in aussichtsreicher Position einmal tat („Man muss als BVB langsam auch mal den Anspruch haben, den Fans zu sagen: ‚Wir wollen Meister werden!'“), wurde er sofort wieder eingefangen. Doch man muss sich wohl tatsächlich angesichts der prägenden Situation beim FC Bayern München auf so vielen Ebenen mal die Frage stellen: Wann wollen die Borussia und die anderen Vereine denn mal einen echten und offensiven Versuch starten, wenn nicht jetzt?
Nagelsmann einst erst laut – dann kleinlaut
„Wenn die Bayern schwächeln, müssen wir da sein“, hat vor einigen Jahren der Trainer von RB Leipzig gesagt, als man nach der Hinrunde mit vier Punkten Vorsprung vor den drittplatzierten Bayern an der Tabellenspitze stand. Der Coach der Bullen war damals ein gewisser Julian Nagelsmann. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Rekordmeister bereits seinen Trainer Niko Kovac entlassen, weil die Bayern für ihre Verhältnisse katastrophal schlecht in die Saison gestartet waren. Die mutige Ansage von Nagelsmann haben die Münchener allerdings nie vergessen. Sie soll einer der Gründe gewesen sein, warum man knapp ein Jahr später den Coach aus Leipzig wegkaufte.
Doch vielleicht sind genau diese Art von kernigen Sprüchen mittlerweile in der Bundesliga verpönt, weil die Sache damals in der Spielzeit 2019/20 natürlich trotz des Vorsprungs wieder einmal schlecht ausging für den mutigen und selbsterklärten Titelaspiranten aus Leipzig. Denn nachdem die Bayern unter ihrem neuen Trainer Hansi Flick am Ende der Saison nicht nur die Meisterschaft, sondern auch das Triple gewonnen hatten, musste Nagelsmann kleinlaut eingestehen: „Es lag auf dem Silbertablett, und wir haben es nicht genommen.“
Die Bayern schwächeln ja nicht
Aktuell meint Nico Schlotterbeck über seinen BVB: „Ich glaube, dass wir immer noch unterschätzt werden – allgemein in Deutschland!“ Eine interessante Aussage – die allerdings sofort eine Gegenfrage aufwirft: Warum ist das denn so? Schließlich spielen die Dortmunder durchaus eine sehr gute Runde mit einer vor allem auch in der Breite hervorragenden Mannschaft. Der BVB könnte also ohne Frage mit breiter Brust durch die Gegend laufen, doch selbst die eigenen Fans fürchteten in der Mehrzahl vor der Partie in München eher eine Klatsche, denn dass sie von einer Überraschung träumten. Was läuft da also falsch in der Wahrnehmung des BVB? Meistens ist es ja so, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. In Dortmund ist es aktuell wohl eher umgekehrt.
Auch Ex-BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat einmal gesagt, dass man nur „eine Chance habe, wenn die Bayern schwächeln.“ Wirklich „schwächeln“ tun die Münchener aktuell (noch) nicht – und das ist wirklich imponierend und kann einen Gegner selbstverständlich verunsichern -, doch es wäre nur natürlich, wenn die Bayern nach den nächsten Verletzungsrückschlägen vom Wochenende tatsächlich einmal ernstzunehmende Probleme auf dem Platz bekommen sollten. Ob das allerdings wirklich passieren wird, muss man abwarten. Die letzten Wochen haben schließlich gezeigt, zu welch beeindruckender Widerstandsfähigkeit die Bayern fähig sind.
Vermutlich ist auch genau das der Grund, warum aus Dortmund und anderswo nicht wirklich etwas in Richtung offenem Titelrennen zu hören ist. Aus der Sicht des einfachen Fußballanhängers ist diese Angst vor dem allmächtigen FC Bayern München durchaus deprimierend, denn man könnte die Frage stellen, wenn nicht jetzt, wann dann? Doch vermutlich fühlen sich die Dortmunder mit ihrer abwartenden Taktik aktuell ganz wohl. Denn wenn man selbst von den eigenen Anhängern, wie vor der Partie in der Münchener Arena, „unterschätzt“ wird, dann kann man in Ruhe von Spiel zu Spiel sehen und schauen, was am Ende passiert. Jubeln kann man auch später noch, mögen sich die Dortmunder sagen. Mal schauen, ob diese (eher langweilige) Taktik von Erfolg gekrönt sein wird?!
Verwendete Quelle: ntv.de
