Ferrari fährt in der Formel 1 dem eigenen Anspruch weit hinterher. Lewis Hamilton soll schon wieder die Lust verlieren und sauer auf den Teamchef sein. Der Name Christian Horner schwebt derweil über Maranello. Ein Ex-Scuderia-Capo winkt ab.
Trostlos ist das Wort, das die aktuelle Leistung Ferraris in der Formel 1 auf den Punkt bringt. Seit fünf Grands Prix wartet die Scuderia auf einen Podestplatz. Mit dem Sieg haben Lewis Hamilton und Charles Leclerc zurzeit nichts am Hut. Die Roten sind maximal dritte, eher vierte Kraft hinter Mercedes, McLaren und Red Bull, die Ränge vier bis sechs seit einiger Zeit das höchste der Gefühle. Ein Zustand, der für das stolze Traditionsteam aus Maranello schlichtweg inakzeptabel ist.
Ferrari hat stets den Anspruch, zu gewinnen und um die Formel-1-Titel – Fahrer- wie Hersteller-Krone – zu kämpfen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen aber Jahr für Jahr eklatant auseinander. Der letzte Ferrarista, der ernsthaft um die Weltmeisterschaft mitfuhr, war Sebastian Vettel 2018. Die letzten WM-Erfolge liegen noch weiter zurück: 2008 gewann Ferrari die Konstrukteurs-Wertung, 2007 Kimi Räikkönen den letzten Fahrer-Titel für die Scuderia.
Dieses Jahr keimte zwischendurch Hoffnung in und um Maranello. Unter den neuen Regeln präsentierte sich Ferrari deutlich besser als noch 2025 – vor allem auch durch den einst gefeierten Star-Zugang Hamilton. Im Mai gewann der Rekordchampion in Barcelona sein erstes Rennen auf Ferrari. Ein Durchbruch schien erreicht. Pustekuchen. Der Trend ist eindeutig nicht der Roten Friend.
Hamilton soll Leclerc-Schlagseite beklagen
Kippt die Stimmung? Rutscht vor allem der lange Zeit positiv wirkende Hamilton wieder in das Loch der tristezza, in dem er weite Teile der Saison 2025 verbrachte? Die Seismographen der italienischen Gazetten schlagen jedenfalls an. Vor kurzem berichtete der „Corriere della Sera“, Hamilton sei bei Teamchef Frédéric Vassuer vorstellig geworden und habe personelle Änderungen innerhalb des Rennstalls gefordert. Der 41-Jährige fühlte sich zu einem Dementi veranlasst. „Ich habe nie darum gebeten, dass jemand in meinem Team ersetzt wird“, beteuerte Hamilton via Instagram.
Die Zeitung aus Mailand hat ihre Krisenberichterstattung daraufhin aber nicht eingestellt. Mit Hamilton sei „etwas nicht in Ordnung“, befand F1-Reporter Giorgio Terruzzi nach dem Rennen am Kaspischen Meer. In Baku sei der Brite derart lustlos aufgetreten, dass sich Terruzzi an „Iceman“ Kimi Räikkönen erinnert fühlte. Laut „Corriere della Sera“ soll Hamilton irritiert sein: Aus Sicht des Engländers habe Ferrari in letzter Zeit zu sehr zugunsten seines Stallrivalen Leclerc entschieden. Teamchef Vasseur, mit dem Hamilton seit 20 Jahren ein freundschaftliches Verhältnis verbindet, stehe „ein bisschen zu nah an Charles“, heißt es.
Vasseur selbst steht in Italien schwer in der Kritik. Der „Corriere della Sera“ berichtete am Montag nach der neuerlichen Pleite in Baku, intern herrschten Zweifel, ob der Franzose der richtige Mann auf dem Chefhocker am Kommandostand ist. Vasseur steht bei Ferrari noch mindestens bis Ende 2027 unter Vertrag. Medienberichten zufolge besitzt der Rennstall zudem eine Option für 2028. Ob die Oberbosse Ferraris den Teamchef inmitten aller technischen Umbrüche wirklich rauswerfen, ist fraglich. Auf der anderen Seite sitzt jeder Ferrari-Teamchef bei andauernder Erfolglosigkeit auf einem Schleudersitz. Und Erfolglosigkeit wird in Maranello bereits mit Platz zwei, nicht erst mit den Positionen vier, fünf und sechs definiert.
Ex-Ferrari-Teamchef rät von Horner ab
Mitten in die Unruhe platzte vor dem Aserbaidschan-GP ein Interview des langjährigen Red-Bull-Teamchefs Christian Horner. Der Brite drängt nach seinem Aus beim Brause-Rennstall auf eine Rückkehr in die Königsklasse, allerdings nicht mehr als Teamchef, sondern in der Rolle des Miteigners, so wie sein Intimfeind Toto Wolff, der Anteile des Formel-1-Rennstalls Mercedes hält. Es gebe aber ein Team, „bei dem ich akzeptieren würde, nicht am Rennstall beteiligt zu sein“, sagte Horner der „Times“. „Würde ich Ferrari in Betracht ziehen? Ich meine, Ferrari ist die größte Marke in der Formel 1. Es ist der Traum. Und man könnte sagen, Ferrari ist der schlafende Riese der Formel 1.“ Es klingt schon so, als habe der 52-jährige Ex-Bulle Bock.
Max Verstappen muss 100 Karts überholen
Wäre Horner, der mit seinen Red-Bull-Assen Sebastian Vettel und Max Verstappen je viermal die Fahrer-WM sowie sechsmal die Hersteller-WM gewann, der richtige für Ferrari? Der frühere Scuderia-Chef Maurizio Arrivabene hat da so seine Zweifel. „Bei Ferrari kann ein Mann die Dinge nicht verändern“, sagte der Italiener bei Sky Italia. Sollte Ferrari tatsächlich Horner als Projektleiter für die angestrebte Rückeroberung der Formel 1 verpflichten, könne dies vielmehr nach hinten losgehen, warnte Arrivabene. „Mit all den Titeln, die Horner gewonnen hat, zu Ferrari zu kommen, ist vielleicht mehr schlecht als recht, denn es weckt noch größere Erwartungen.“ Horners Fallhöhe in Maranello wäre in der Tat gewaltig.
Arrivabene fordert einen strukturell breiteren Umbruch bei Ferrari, nicht nur auf dem Chefposten. „Wir müssen bei null anfangen. Ferrari hat die Ingenieure vom Kaliber eines (Simone) Resta, (Lorenzo) Sassi, (Enrico) Cardile oder (Andrea) Stella nicht mehr. Sie arbeiten jetzt bei anderen Teams. Wir müssen bei null anfangen. Ferrari braucht Ruhe und eine Carte Blanche. Das kann viele Probleme lösen. Ein einzelner Mann kann nicht die Probleme lösen – ganz gleich, wie viele Erfolge er vorzuweisen hat“, so Arrivabene. Der frühere Marlboro-Manager war von 2014 bis Anfang 2019 Ferrari-Teamchef. In seiner Ära wurde die Scuderia immerhin dreimal Zweiter der Hersteller-WM, Sebastian Vettel zweimal (2017/18) Vizeweltmeister.
Verwendete Quelle: ntv.de
