Wer das Reel im Feed sieht, bekommt eine scheinbar genaue Zahl und eine offizielle Quelle präsentiert. Das wirkt seriös, ist in diesem Fall aber irreführend.
Eurostat belegt nicht, dass seit 2008 zwölf Millionen Menschen illegal nach Europa gekommen sind. Der Datensatz zählt etwas anderes: Erfasst werden Menschen aus Nicht-EU-Staaten, die Behörden in einem bestimmten Jahr ohne gültigen Aufenthalt festgestellt haben. Das ist keine Statistik über Einreisen nach Europa. Außerdem kann dieselbe Person in verschiedenen Jahren erneut auftauchen. Deshalb darf man die Jahreszahlen nicht einfach zusammenrechnen und daraus „12 Millionen Menschen“ machen.
Der Datensatz misst keine Ankünfte
Der wichtigste Fehler: Das Reel macht aus einer Aufenthaltsstatistik eine Einreisestatistik. urostat zählt bei „found to be illegally present“ Menschen aus Nicht-EU-Staaten, die von Behörden ohne gültigen Aufenthalt festgestellt wurden. Dazu gehören nicht nur Menschen, die illegal eingereist sind. Gemeint sein können auch Personen, die legal eingereist sind, etwa mit einem Visum, und später nicht mehr ausgereist sind.
Eurostat weist außerdem darauf hin, dass diese Statistik nicht zeigt, wie viele Menschen insgesamt ohne Aufenthaltsrecht in einem Land leben. Erfasst werden nur Personen, die festgenommen wurden oder den Einwanderungsbehörden auf andere Weise aufgefallen sind. Es geht also um behördlich festgestellte Fälle – nicht um alle Menschen ohne Aufenthaltsrecht und nicht um alle Einreisen nach Europa. Auch wenn dabei Menschen übersehen werden können, wird daraus keine Statistik über Ankünfte.
Jahressummen sind kein Personenbestand
Auch der zweite Teil der Reel-Logik trägt nicht. Eurostat schreibt, dass jede Person innerhalb des jeweiligen Bezugszeitraums nur einmal gezählt wird. Der Bezugszeitraum ist hier ein Jahr. Das bedeutet: Eine Person wird innerhalb eines Jahres nur einmal gezählt. Es bedeutet aber nicht, dass sie über viele Jahre hinweg nur einmal in der Statistik auftauchen kann.
Wer die Jahreswerte von 2008 bis 2024 einfach zusammenrechnet, zählt nicht automatisch verschiedene Menschen. Gezählt werden behördliche Feststellungen pro Jahr. So kann eine Millionensumme entstehen. Sie belegt aber nicht, wie viele verschiedene Menschen tatsächlich nach Europa gekommen sind.
Und genau das macht das Reel: Es zählt behördliche Feststellungen zusammen und stellt sie so dar, als wären es 12 Millionen verschiedene Menschen.
Frontex misst etwas anderes
Das Reel wirkt auch deshalb plausibel, weil viele Menschen solche Zahlen mit Berichten von Frontex über irreguläre Grenzübertritte verbinden. Aber das sind unterschiedliche Statistiken.
Frontex zählt festgestellte irreguläre Grenzübertritte an den EU-Außengrenzen. Eurostat „migr_eipre“ zählt dagegen Menschen, die später irgendwo im Land ohne gültigen Aufenthalt festgestellt werden. Das eine betrifft die Grenze. Das andere betrifft den Aufenthalt im Land. Beide Datensätze messen also unterschiedliche Dinge. Sie belegen nicht gemeinsam, dass eine bestimmte Zahl von Menschen „nach Europa gekommen“ ist.
Die EU selbst warnt vor solchen Schlüssen
Der deutlichste Gegenpunkt kommt aus einem Arbeitsdokument der EU-Kommission (Punkt 27). Darin schreibt die EU-Kommission, dass es keine EU-Statistik gibt, die zuverlässig zeigt, wie viele Menschen ohne Aufenthaltsrecht insgesamt in der Europäischen Union leben. Die Kommission warnt außerdem, dass die vorhandenen Datensätze nicht immer direkt vergleichbar sind: „not always complementary or directly comparable“.
Genau deshalb kann man aus diesen Daten keine einfache Gesamtzahl machen. Aus verschiedenen Behörden- und Grenzstatistiken lässt sich nicht einfach eine Gesamtzahl bilden und dann behaupten: So viele Menschen sind nach Europa gekommen. Die Zahl kann zwar entstehen, wenn man Jahreswerte zusammenrechnet. Sie beweist aber nicht, was im Reel behauptet wird.
Warum die Behauptung trotzdem glaubwürdig wirkt
Das Reel nutzt drei Dinge, die seriös wirken: eine animierte Grafik, viele Jahreszahlen und eine Eurostat-Quelle. Wer nicht prüft, was Eurostat wirklich zählt, hält die Summe schnell für eine echte Gesamtzahl. Dazu kommt die sprachliche Zuspitzung. Aus „in einem Jahr von Behörden ohne gültigen Aufenthalt festgestellt“ wird im Reel „nach Europa gekommen“. Das klingt ähnlich, bedeutet statistisch aber etwas anderes.
Das ist besonders tückisch: Die Daten sind nicht frei erfunden. Sie werden aber so umgedeutet, dass sie etwas anderes zu beweisen scheinen.
Welche Zahl stimmt denn nun?
Fragt man nun, wie viele es wirklich waren, ist die ehrliche Antwort: Das lässt sich aus den EU-Daten nicht als eine einzige Zahl ablesen.
Eurostat zählt nur Personen, die Behörden in einem Jahr ohne gültigen Aufenthalt feststellen. Frontex zählt festgestellte irreguläre Grenzübertritte an den Außengrenzen. Beide Statistiken zeigen nur Fälle, die den Behörden bekannt werden.
Wer weder an der Grenze noch später im Inland erfasst wird, taucht in keiner Statistik auf. Und auch deshalb ist die Behauptung, seit 2008 seien „12 Millionen illegale Migranten nach Europa gekommen“, nicht belastbar.
FAQ zum Thema: Eurostat migr_eipre und 12 Millionen
Hat Eurostat wirklich 12 Millionen illegale Migranten seit 2008 gezählt?
Nein. Eurostat hat mit „migr_eipre“ nicht gezählt, wie viele Menschen seit 2008 nach Europa gekommen sind. Der Datensatz erfasst pro Jahr Menschen aus Nicht-EU-Staaten, die von Behörden ohne gültigen Aufenthalt festgestellt wurden.
Woher stammt die Aussage über 12 Millionen illegale Migranten in Europa?
Sie entsteht offenbar dadurch, dass jährliche Eurostat-Werte über viele Jahre zusammengerechnet werden. Diese Summe zeigt aber keine 12 Millionen verschiedenen Menschen und keine 12 Millionen Einreisen nach Europa.
Wie prüft man die Aussage zu Eurostat „migr_eipre“ richtig?
Man darf nicht nur die Tabelle ansehen, sondern muss auch die Erklärung zum Datensatz lesen. Dort steht, was genau gezählt wird – und was nicht. Genau daraus ergibt sich: Die Werte dürfen nicht als Gesamtzahl aller Menschen ohne Aufenthaltsrecht oder als Zahl der Ankünfte gelesen werden.
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