Ein Mann sitzt am unteren Bildrand. Er hält ein kleines dunkles Rechteck auf Augenhöhe und schaut hinein. Die Haltung kennt heute jeder aus der Straßenbahn.
Das Bild ist echt. Es ist ein Wandgemälde von 1937. Im Netz wird daraus gerade ein „Rätsel“ gemacht: rote Kreise, eine Vergrößerung, dazu das Wort „Vorahnung“. Manche sehen einen Beweis für Zeitreisen. Belegt ist davon nichts.
Das Gemälde gibt es wirklich
Es heißt „Mr. Pynchon and the Settling of Springfield“. Umberto Romano malte es 1937 mit Hilfe mehrerer Studierender, als eines von sechs Wandbildern für das Postamt von Springfield in Massachusetts. Die Bilder hängen bis heute in demselben Gebäude. Dokumentiert sind sie beim Smithsonian National Postal Museum.
Der sitzende Mann mit dem Rechteck ist auch auf der Aufnahme des Museums zu sehen. So weit stimmt die Geschichte also.
Gemalt 1937, gemeint war das 17. Jahrhundert
Das Bild zeigt eine Szene aus den 1630er-Jahren. Gemalt wurde sie rund 300 Jahre später. Romano hat also nichts beobachtet und nichts dokumentiert – er hat sich die Szene ausgedacht. Das Museum schreibt selbst, das Werk sei ein Mosaik aus Bildern und zeige keinen bestimmten Moment.
Wie ungenau das Bild ist, hat die Anthropologin Margaret Bruchac gegenüber Vice beschrieben: Der Maler habe viele der dargestellten Gegenstände offensichtlich nie gesehen. Die Kiste, in der der Mann sitzt, gleiche keinem echten Behälter. Und im Hintergrund fliegt eine Hexe auf einem Besen durchs Bild.
Was wann passiert ist
1630er
Siedler und indigene Gemeinschaften treffen am Ort Agawam aufeinander, dem späteren Springfield.
1937
Umberto Romano malt diese Szene – rund 300 Jahre später und ohne Augenzeugen.
11.11.2015
Eine Bildunterschrift in der Public Domain Review erwähnt scherzhaft, der Gegenstand sehe aus wie ein Smartphone.
2026
Dasselbe Detail kursiert erneut – jetzt mit roten Kreisen und dem Wort „Vorahnung“.
Das Bild ist kein Foto und kein Zeitdokument. Es zeigt, was sich ein Maler 1937 vorgestellt hat.
Spiegel, Gebetbuch oder Klinge
Romano hat sich zu dieser Figur nie geäußert. Er starb 1982. Niemand weiß also sicher, was der Gegenstand sein soll. Fachleute halten mehrere ganz alltägliche Dinge für möglich.
Der Historiker Daniel Crown tippt auf einen Spiegel. Der Mann sitzt zwischen Handelswaren, und er hält den Gegenstand genau so, wie man sein Spiegelbild betrachtet. Spiegel waren damals übliche Tauschware. Möglich wäre laut Crown auch ein kleines Gebetbuch. Margaret Bruchac hält eine Eisenklinge für wahrscheinlich. Eindeutig ist keine dieser Erklärungen – und genau das ist der ehrliche Stand.
Der Wirbel begann mit einem Witz
Die Ähnlichkeit fiel zuerst am 11. November 2015 auf. Damals veröffentlichte die Public Domain Review einen Aufsatz über William Pynchon, den Mann in der Bildmitte. Es ging um ein Buch, das 1650 in Boston öffentlich verbrannt wurde. Mit Technik hatte der Text nichts zu tun.
Das Wandbild war dort nur die Illustration. Der Hinweis auf das Smartphone stand allein in der Bildunterschrift – und die stammte nicht vom Autor, sondern von einem Redakteur. Daniel Crown sagte dazu im September 2026 gegenüber Boston.com: Das sei keine Zeitreise, sondern ein Déjà-vu. Das Bild gehe schon zum zweiten Mal viral, weil ein Rechteck offenbar nur noch als Handy gelesen werde.

Nicht das erste Bild dieser Art
Solche Funde gibt es öfter. Auf „Die Erwartete“ von Ferdinand Georg Waldmüller hält ein Mädchen ein kleines dunkles Ding in der Hand. Die Neue Pinakothek in München schreibt in der Objektbeschreibung, was es ist: ein Gesangbuch. Eine griechische Grabstele aus der Zeit um 100 v. Chr. soll angeblich einen Laptop mit USB-Anschlüssen zeigen. Das Getty Museum beschreibt einen flachen Kasten, aus dem die Verstorbene Schmuck nimmt. Die beiden Löcher daran sind Spuren einer alten Reparatur.
Manchmal lässt sich so ein Fall vollständig klären. 2019 kursierte das Foto eines Wehrmachtssoldaten mit Handy. Dort gab es eine Originaldatei mit Metadaten: aufgenommen am 29. Mai 2016 mit einer Canon EOS 70D, hinterlegt sind die Stichworte „Film Set“, „Podskalska“ und „Prague“. Kurz darauf wurde das Bild mit Photoshop auf alt getrimmt. Zu sehen ist ein Schauspieler bei einem Dreh in Prag. Unsere Recherche dazu steht seit 2019 online.
Beim Gemälde von 1937 gibt es nichts davon: keine Datei, keine Metadaten, keine Aussage des Malers. Der Gegenstand bleibt offen. Und diese offene Stelle wird gefüllt.
Wie daraus eine Zeitreise wird
Der kursierende Beitrag behauptet nirgends ausdrücklich, hier sei ein Smartphone zu sehen. Er deutet es an. Die roten Kreise geben vor, wohin man schauen soll. Das Wort „Rätsel“ sagt, wie man das Ganze einordnen soll. Die plausible Erklärung mit dem Spiegel kommt gar nicht vor.
So wird aus „Wir wissen nicht genau, was der Maler gemeint hat“ die Vermutung, unser Wissen über die Vergangenheit stimme nicht. Wer noch weiter geht und behauptet, so etwas werde absichtlich verschwiegen, müsste dafür eigene Belege liefern. Dazu kommt: Die geteilte Grafik entspricht nicht genau der Aufnahme des Museums. Gesicht und Frisur wirken anders, der Gegenstand glatter. Wer feine Details prüfen will, braucht das Original.
Vier Schritte von der Beobachtung zur Behauptung
Beobachtung
Das Rechteck sieht für heutige Augen aus wie ein Handy. Das stimmt.
Zuspitzung
Rote Kreise und eine Vergrößerung legen fest, welche Stelle verdächtig sein soll.
Andeutung
Aus dem Detail wird ein „Rätsel“, daraus eine „Vorahnung“. Behauptet wird nichts.
Umkehrung
Aus „nicht geklärt“ wird „unser Bild der Vergangenheit stimmt nicht“.
Eine offene Frage ist kein Beweis für die spektakulärste Antwort.
Und was hält der Mann nun in der Hand?
Das weiß niemand sicher. Ein Spiegel ist plausibel, ein kleines Buch oder eine Klinge ebenfalls. Für ein Smartphone gibt es keinen Beleg.
Dass man beim Hinsehen trotzdem an ein Handy denkt, ist nichts Peinliches. Wer täglich hundert Leute mit dem Gerät in der Hand sieht, erkennt die Haltung wieder. Wiedererkennen ist aber kein Nachweis.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei auffälligen Bilddetails
- Foto oder gemalt?Ein Gemälde zeigt keine Wirklichkeit. Es zeigt, was sich jemand vorgestellt hat.
- Sehe ich das Original?Kreise, Zoom und Bearbeitung verändern genau die Stelle, um die es gehen soll.
- Was wäre die langweilige Erklärung?Wenn sie nicht einmal vorkommt, sagt das mehr über den Beitrag als über das Bild.
