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Unterwegs mit der ersten Frauen-Drohneneinheit der Ukraine

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 5, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Weltspiegel

Stand: 05.07.2026 • 08:06 Uhr

Vor einigen Jahren arbeiteten sie als Designerin, im Marketing oder studierten an der Uni. Heute sind sie in der ersten rein weiblichen Drohneneinheit der Ukraine – und setzen Russlands Kriegslogistik zunehmend unter Druck.

Susanne Petersohn

Das Autoradio läuft. Das Lenkrad ist mit einem flauschigen Kunstleopardenfell überzogen. Am Autodach hängen Militäraufnäher. Es gibt Hello-Kitty-Symbole und kirschrot lackierte Fingernägel.

Vier Frauen fahren über holprige Straßen irgendwo im Osten der Ukraine. Sie sind unterwegs zu einem Flugtraining. Wo genau, verraten sie nicht – es ist zu gefährlich. Noch vor wenigen Jahren hätte nichts darauf hingedeutet, dass sie einmal Soldatinnen werden würden.

Oleksandra, Kampfname Smakolyk, studierte bildende Kunst in der Schweiz. Darja, Kampfname Hilka, arbeitete im Marketing für Babynahrung. Hwylja entwarf als Grafikdesignerin Verpackungen und Werbematerial. Titan träumte von einer Karriere beim Fernsehen. Heute steuern sie Drohnen für Angriffe auf russische Logistik und Kommandopunkte.

Ihre Kampfnamen sind Karma, Hwylja, Smakolyk und Titan (von links). Mit ihrer Drohneneinheit greifen sie Ziele an, die andere Einheiten nicht mehr erreichen.

Ziele in bis zu 300 Kilometer Entfernung

Die Frauen gehören zur ersten rein weiblichen Drohneneinheit der ukrainischen Nationalgarde. Ihr Auftrag beginnt oft dort, wo andere Einheiten nicht mehr hinkommen. Mit sogenannten Middle-Strike-Drohnen greifen sie russische Fahrzeuge, Nachschubwege und Kommandopunkte in bis zu 300 Kilometern Entfernung an. Es sind Ziele, deren Zerstörung den russischen Nachschub erschweren und den Druck auf Russlands Truppen erhöhen soll.

„Wenn wir mal keine Kampfeinsätze haben, sind wir im Hinterland auf Übungsplätzen und trainieren“, sagt Drohnenpilotin Smakolyk. Die 24-Jährige sitzt in einem Sonnenblumenfeld am geheimen Übungsplatz. Sie hat gerade ein Katapult aufgebaut. Von dem aus wird die Trainingsdrohne in den Himmel geschossen. Falls nötig, sagt sie, würden bei solchen Trainings Drohnen noch modifiziert oder auch Sprengköpfe getestet.

Drohne zusammensetzen, Elektronik prüfen, Katapult aufbauen, Funkverbindung testen: Heute wollen die Frauen ihre Flugpräzision trainieren, wollen Drohnen aus großer Höhe schnell in ein provisorisches Ziel einschlagen lassen. Und sie wollen den schnellen Auf- und Abbau der gesamten Ausrüstung üben. „Es sollte einfach schnell gehen“, sagt Karma. Denn je weniger Zeit die Einheit beim Auf- und Abbau im freien Gelände braucht, desto geringer ist die Gefahr, von russischen Drohnenpiloten entdeckt und angegriffen zu werden.

Was heute funktioniert, kann morgen nutzlos sein

Doch nicht nur die Geschwindigkeit im Einsatz entscheidet. Der Krieg ist zu einer erbarmungslosen Technikschlacht geworden. Funkfrequenzen und -reichweiten ändern sich. Störsender werden leistungsfähiger. Software muss angepasst, Antennen müssen verändert, Flugrouten neu geplant werden. Was heute funktioniert, könne morgen bereits nutzlos sein, erklärt Kommandeurin Hilka.

Für jede Mission arbeiten Aufklärung, Ingenieure und mehrere Drohnenteams zusammen. Hinter jedem erfolgreichen Angriff steckt oft die Arbeit Dutzender Menschen.

Der Kampfname „Smakolyk“, den sich die 24-jährige Oleksandra ausgesucht hat, bedeutet auf Deutsch „Leckerbissen“. Der Name sei bewusst zweideutig, sagt sie. „Jetzt liefern wir den Russen eben Leckerbissen“, sagt sie und lacht.

Vor Russlands Großangriff 2022 studierte sie an einer Kunsthochschule in der Schweiz. Doch je länger der Krieg dauerte, desto stärker sei ihr Gefühl gewesen, am falschen Ort zu sein, sagt sie. Während ihre Heimat bombardiert wurde, beschäftigte sie sich mit Kunst. Sie brach ihr Studium ab, kehrte in die Ukraine zurück und meldete sich freiwillig. In der Ausbildung für Luftaufklärung lernte sie Hilka und Titan kennen. Gemeinsam bilden sie heute den Kern ihrer neuen Einheit.

Hilka, Titan und Karma auf dem Weg im Osten der Ukraine. Wenn sie keinen Kampfeinsatz haben, trainieren sie im Hinterland.

An der Front unter Männern

Der Kampfdienst, das Leben als Soldat, galt lange als Männerdomäne. Erst seit 2018 dürfen Frauen in der Ukraine überhaupt Kampfeinsätze im Militär übernehmen. Smakolyk kennt die Vorurteile, die Ressentiments.

Als sie noch in gemischten Einheiten kämpfte, sie zu Stellungen kam, an denen vor allem männliche Soldaten warteten, habe sie oft denselben Satz gehört: Frauen hätten in der Armee nichts verloren. Heute erlebt sie es so: „Sobald wir zusammen arbeiten, sagen sie: Eigentlich sind Frauen sehr belastbar.“

Im Gefecht zähle nicht das Geschlecht, sagt sie, sondern ob man sich aufeinander verlassen kann. Vertrauen entstehe an der Front deshalb schneller als anderswo. Man müsse eben darauf vertrauen, dass der andere einen unter Beschuss nicht zurücklasse.

Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs steht die Ukraine zunehmend vor einem Personalproblem. Nur sehr wenige Männer melden sich jetzt noch zum Dienst. Viele kämpfen bereits seit Jahren. Gleichzeitig wächst die Zahl der Soldatinnen. Inzwischen dienen nach ukrainischen Angaben mehr als 75.000 Frauen in den Streitkräften – mehr als doppelt so viele wie noch 2022.

Bis zum Ende des Krieges

Besonders der hochtechnologisierte Drohnenkrieg bietet Aufgaben, bei denen körperliche Kraft eine geringere Rolle spielt als technisches Verständnis, Präzision und Konzentration. „Anfangs war ich Scharfschützin“, sagt Kommandeurin Hilka. Sie sei aber einfach nicht stark genug für die schweren Waffen gewesen. Deshalb habe sie angefangen, mit Drohnen zu arbeiten. Das sei ein Bereich, in dem sie am wirksamsten kämpfen könne.

Sie habe freiwillig einen Vertrag beim Militär unterzeichnet, der an das Ende des Krieges gekoppelt sei. Sie wolle kämpfen, sagt sie, bis sie zurück in ihre Heimat, die heute russisch besetzte Stadt Nowa Kachowka, könne. Bis sie dort das Grab ihrer Großmutter besuchen könne.

Auch Hwylja freue sich über jede erfolgreiche Mission. Nicht weil sie Zerstörung bedeute, sondern weil jeder zerstörte Transporter russische Soldaten aufhalte, die sonst ukrainische Stellungen angreifen und weiter in ihr Heimatland vorrücken würden.

Was sie nach dem Krieg tun werden, wissen sie nicht

Am Abend kehren die Frauen in ihre Unterkunft zurück. Die Frauen wohnen zusammen, arbeiten zusammen, kämpfen zusammen. Aus der militärischen Einheit ist längst eine kleine Ersatzfamilie geworden.

Mit dem Leben ihrer Freunde außerhalb der Armee verbindet die Frauen dagegen immer weniger. Während andere heiraten, Kinder bekommen oder ihren Beruf wechseln, vergeht ihr Alltag zwischen Einsätzen, Alarmen und Schützengräben.

Was sie nach dem Krieg tun werden, wissen sie nicht. Im Moment denken sie kaum darüber nach. Bis dahin bestimmen Flugrouten, Funkverbindungen und Angriffsbefehle ihr Leben. Und die Hoffnung, dass jede gestartete Drohne den Krieg irgendwann ein kleines Stück näher an sein Ende bringt.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

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Dr. Heinrich Krämer
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