Verbaler Krieg in Wolfsburg Arbeitnehmervertreter beschimpfen VW-Chef Blume

Betriebsrat und IG Metall werfen dem Volkswagen-Chef schon länger eine katastrophale Kommunikation zu dessen Sparplänen vor. Nun halten die Arbeitnehmer Oliver Blume vor, mit Falschbehauptungen eine Neiddebatte zu schüren – er bringe „wirres Zeug“ in Umlauf.
Im Ringen um einen weiteren scharfen Sparkurs bei Volkswagen verhärten sich die Fronten. Die Arbeitnehmerseite wirft dem Vorstand um Konzernchef Oliver Blume schon seit Monaten schlechten Stil vor, etwa weil die Mitarbeiter von den drastischen Kürzungsplänen in erster Linie aus den Medien erfuhren. Nach der Kündigung fast aller Tarifverträge am Mittwoch monierte IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger am Freitagmorgen, die Art und Weise sei „respektlos gegenüber den eigenen Beschäftigten“. Nur Stunden später legten Gewerkschaft und Betriebsrat nach. „CEO bringt wirres Zeug in Umlauf“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.
Die Arbeitnehmervertreter stören sich an Interviewaussagen des VW-Chefs, durch die ein „unerträglicher Zustand“ entstanden sei. So werde der Belegschaft unter anderem „fälschlicherweise unterstellt, weitaus mehr Urlaubsanspruch zu haben als die allermeisten hierzulande“.
Blume leiste sich eine „wirre Verdrehung der Fakten“. Der Vorstandschef brachte in dem Interview mit dem Portal The Pioneer als Alternative zu Lohnkürzungen eine höhere Wochenarbeitszeit oder weniger Urlaubstage ins Spiel. „Wir haben heute im Volkswagen-Konzern noch 36 Urlaubstage“, sagte Blume. „Das ist schlicht falsch“, empört sich die Arbeitnehmerseite.
Bei einer Vollzeitstelle haben die Beschäftigten 30 Urlaubstage. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, eine Zusatzzahlung in freie Tage umzuwandeln, wie ein Betriebsratssprecher ntv.de erklärte. Die „Tarifliche Zusatzvergütung“ fließt demnach im August in Höhe von 27,5 Prozent eines durchschnittlichen Monatseinkommens. Statt sich das Geld auszahlen zu lassen, können die Mitarbeiter dieses auch in sechs freie Tage umwandeln. Unter Umständen könne der Arbeitgeber entscheiden, wann die freien Tage genommen werden, betonen die Arbeitnehmervertreter.
„Hochnotpeinlich“
Nur etwa die Hälfte der Beschäftigten nutze die Möglichkeit, sich die sechs zusätzlichen Tage zu erkaufen. „Allein schon die Aussage, dass es eine Art konzernweit gleichlautende Urlaubstageanzahl gäbe, offenbart die Unkenntnis der Materie“, schreiben Gewerkschaft und Betriebsrat. „Wenn man sich dann schon für die 36 Tage als Aussage entscheidet, müsste man dazu sagen, dass es für bestimmte Berechtigtengruppen im Flächentarif der Metall- und Elektroindustrie 38 Tage sind.“
Daneben sehen sich die Arbeitnehmervertreter als „Erfüllungsgehilfen des Vorstandes“ verunglimpft. Auf die Frage, warum unter anderem fast alle Tarifverträge gekündigt wurden, antwortete der VW-Chef: „Die Welt hat sich in den letzten zwei Jahren erheblich verändert, deshalb gibt es jetzt diese Revision. Auch die Arbeitnehmerseite hat das gefordert. Wir machen das beidseitig.“ Blume behaupte damit, „Arbeitnehmerseite und Vorstand würden derzeit in trauter Einigkeit den 2024 mühsam errungenen Tarifkompromiss wieder vom Tisch wischen, um in beiderseitigem Einvernehmen jetzt neue Einschnitte auf Kosten der Belegschaft vorzunehmen“, empören sich IG Metall und Betriebsrat.
Blumes Aussagen seien „hochnotpeinlich“, sagt Betriebsratschefin Daniela Cavallo. „Ich stelle mir hierzu die Frage: Ist das aus Unwissenheit geschehen oder handelt es sich um pure Absicht?“ IG-Metall-Bezirksleiter Gröger geht noch einen Schritt weiter: „Die Behauptung von Oliver Blume, die Arbeitnehmerseite würde die Kündigung von Tarifverträgen tolerieren, ist nicht nur abenteuerlich, sondern eine bewusste Verdrehung der Tatsachen.“ Die Distanz zwischen Arbeitnehmerseite und „diesem Vorstandsvorsitzenden“ sei selten größer gewesen als heute.
