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Politik

VW-Sparpläne sorgen in Region für Existenzängste

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 9, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 09.07.2026 • 03:46 Uhr

In Wolfsburg trifft sich heute der Aufsichtsrat von VW. Auf der Tagesordnung steht das größte Sparprogramm der Konzerngeschichte. In den betroffenen Regionen wächst die Sorge vor den Folgen.

Von Matthias Weidner und Thomas Niemann, mdr

Stephan Roth verkauft in der Zwickauer Innenstadt Zigarren und Whisky. Viele seiner Kunden arbeiten im nahegelegenen VW-Werk. Sollte der Standort schließen, rechnet der Händler mit einem Umsatzeinbruch von rund einem Drittel. „Eine Riesenkatastrophe“, sagt er. „Da hängt so viel dran – gerade im Einzelhandel und in der Gastronomie.“

Auch Anja Kehle, die Volkskunst aus dem Erzgebirge verkauft, spürt die Unsicherheit. „Die gedrückte Stimmung der Menschen ist wirklich spürbar“, sagt sie. „Die Leute sind ruhiger geworden, das Kaufverhalten lässt nach.“

Tausende Arbeitsplätze betroffen

Vor anderthalb Wochen sickert der Entwurf eines Sanierungskonzepts bei Volkswagen durch, darin: ein Stellenabbau von 100.000 Mitarbeitern weltweit und die Schließung von vier Werken in Deutschland, in Emden, Hannover und Zwickau sowie beim Ableger Audi in Neckarsulm. VW hat diese Angaben bislang nicht dementiert.

In Zwickau lösten die Berichte sofort Proteste aus. Für die Region wären die Folgen enorm, sagt Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). VW ist der größte Industriearbeitgeber in Sachsen. 8.000 Beschäftigte, weitere 20.000 bei Zulieferern, nochmal 20.000 in der lokalen Wirtschaft.

Hochgerechnet auf Familien wären 100.000 Menschen in Westsachen von einer Schließung betroffen, in einer Gegend mit 1,5 Millionen Menschen. „Eine Schließung wäre für die Region unvorstellbar“, sagt der Minister, „und deshalb kämpfen wir auch dagegen. Mit allem, was wir haben.“

Krise hat mehrere Ursachen

Dass Volkswagen unter Druck steht, überrascht Experten nicht. Der weltweite Absatz ist von rund elf Millionen Fahrzeugen vor der Corona-Pandemie auf weniger als neun Millionen gesunken. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz.

Branchenexperte Frank Schwope sieht mehrere Ursachen: „Da sind die neuen Marktteilnehmer aus China, und die deutschen Hersteller haben Entwicklungstrends wie die Elektromobilität verschlafen. Dazu kommt auch der Fehler, dass in guten Jahren strukturelle Anpassungen vermieden wurden.“

Sorge um die Zukunft

Die Folgen sind verheerend: Viele Werke sind nicht mehr ausgelastet. In Zwickau wurde die Produktion bereits von drei auf zwei Schichten reduziert. André Rockstein arbeitet seit 1994 bei Volkswagen und sitzt heute im Betriebsrat. Wie viele Kollegen hat er sein Leben lang nur bei VW gearbeitet.

Viele Beschäftigte hätten ihr Leben auf den sicheren Arbeitsplatz aufgebaut. „Die Sicherheit, die man hier hatte, damit konnte man sich was leisten, ein kleines Häusl zum Beispiel“, sagt er. Diese Sicherheit sei inzwischen verloren gegangen.

Besonders treibt ihn die Frage um, ob seine Kinder künftig überhaupt noch in der Region Arbeit finden würden. „Dann muss ich meine Kinder in Hamburg, Stuttgart, München oder Berlin besuchen. Das habe ich mir irgendwie nicht so vorgestellt.“

Bedeutung für die Region

Zwickau ist einer der traditionsreichsten Automobilstandorte Deutschlands. Seit 1904 werden dort ununterbrochen Autos gebaut, zu DDR-Zeiten der Trabant. Nach der Wende baute VW ein neues Werk, und Bundeskanzler Helmut Kohl legte den Grundstein.

Es war ein Bekenntnis der Bundesregierung, den Osten industriell nicht komplett ausbluten zu lassen. Ein solches Bekenntnis würden sich viele in Zwickau jetzt auch wieder wünschen. Immerhin erwirtschaftet die Automobilindustrie heute rund 40 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung.

Kritik an Konzern-Kommunikation groß

Entsprechend groß ist die Kritik an der Kommunikation des Konzerns. „So geht man nicht mit den Menschen um“, sagt der Präsident der IHK Chemnitz, Max Jankowsky. Beschäftigte hätten Anspruch auf Klarheit statt monatelanger Unsicherheit.

Auch bei den Zulieferern wächst die Sorge. Die Stimmung sei unterirdisch, sagt Dirk Vogel vom Branchenverband AMZ. Viele Unternehmen hätten versucht, neue Geschäftsfelder etwa in der Medizintechnik oder Verteidigungsindustrie zu erschließen. Die dortigen Produktionsmengen könnten die Verluste aus der Automobilbranche jedoch nicht annähernd ausgleichen.

Warnung aus Bochum

Wie tiefgreifend eine Werksschließung sein kann, zeigt das Beispiel Opel Bochum. Das Werk wurde 2014 nach jahrelangem Ringen geschlossen.

Der damalige Betriebsratschef Rainer Einenkel erinnert sich vor allem an die Beschäftigten von Zulieferern und Dienstleistern. Viele hätten weder Abfindungen noch eine Transfergesellschaft erhalten und seien später im Niedriglohnsektor gelandet.

Vor ähnlichen Entwicklungen warnt er nun bei Volkswagen. Besonders Menschen mit Krediten oder finanziellen Verpflichtungen gerieten schnell in existenzielle Not.

Hoffnung auf Alternativen

Erst 2021 hatte Volkswagen das Werk Zwickau für rund 1,2 Milliarden Euro vollständig auf Elektromobilität umgebaut und als Leitwerk für E-Autos bezeichnet. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) verweist auf diese damaligen Zusagen und fordert, dass Volkswagen daran festhält.

Nach Informationen aus dem Umfeld des Werks laufen Gespräche über mögliche Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Herstellern, um den Standort langfristig auszulasten. Volkswagen selbst will sich vor der Aufsichtsratssitzung nicht zu den geleakten Plänen äußern.

Schließungsszenarien Teil einer Verhandlungsstrategie

Branchenexperte Schwope hält es zudem für möglich, dass die veröffentlichten Schließungsszenarien Teil einer Verhandlungsstrategie sind. Nicht zwingend alle vier Werke müssten tatsächlich geschlossen werden. Die Konzernführung könnte mit maximalen Forderungen in Gespräche mit Arbeitnehmervertretern gehen, um tiefgreifende Einschnitte durchzusetzen.

Für die Menschen in Zwickau bleibt dennoch vor allem eines: die Unsicherheit darüber, wie es mit ihrem Werk und ihrer Region weitergeht.

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Dr. Heinrich Krämer
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