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Politik

Warum das Niedrigwasser das Wirtschaftswachstum bremst

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 4, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 04.08.2026 • 15:15 Uhr

Die niedrigen Pegelstände deutscher Flüsse haben massive Folgen für die Wirtschaft: Bleibt die Binnenschifffahrt auf dem Rhein länger eingeschränkt, könnte das ohnehin kleine Wirtschaftswachstum zunichte gemacht werden, warnt das IW.

0,4 Prozentpunkte weniger Wirtschaftswachstum – so lautet die Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) angesichts des Niedrigwassers in deutschen Flüssen. Damit könnte das Niedrigwasser nach Einschätzung des IW das Wirtschaftswachstum in Deutschland in diesem Jahr zunichte machen. Immerhin rechneten die meisten Experten schon vor den sinkenden Pegelständen in Flüssen wie Rhein, Donau und Elbe nur mit einem Wachstum von etwa einem halben Prozent.

IW-Ökonom Thilo Schäfer formuliert es in einem Interview mit der Bild wohl auch deshalb so drastisch: Ein „längerer Ausfall der Schiffbarkeit auf dem Rhein könnte das ganz klitzekleine Pflänzchen Wachstum, das wir haben, komplett ersticken.“

Und Schäfer ist längst nicht der Einzige, der vor den wirtschaftlichen Folgen der geringen Pegelstände warnt. Auch Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), sagte schon Ende Juli: „Insgesamt könnten die Effekte stark genug sein, um das Bruttoinlandsprodukt allein im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent zu dämpfen. Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf ein bis zwei Milliarden Euro im dritten Quartal beziffern.“

Tiefststände von 2018 unterschritten

Denn die Binnenschiffe können aufgrund des geringen Wasserstands in großen deutschen Flüssen wie Rhein, Elbe und Donau derzeit nur mit deutlich weniger Ladung fahren – oder müssen sogar ganz darauf verzichten. Durch die anhaltende Hitze und Trockenheit hat das Niedrigwasser am Rhein an einigen Orten längst neue Tiefststände erreicht, auch in Köln und Duisburg lagen die Rheinpegel am Morgen demnach unter den bisherigen Tiefstmarken. In Düsseldorf erreichte der Pegel das Niveau des bisherigen Tiefstpunkts von 2018.

Und die Situation könnte noch gravierender werden: Den Vorhersagen zufolge könnten die Pegel am Rhein in den kommenden Tagen noch weiter sinken – denn Regen ist nicht vorhergesagt.

„Spürbarer Dämpfer für die Produktion“

Die niedrigen Pegelstände erhöhen die Transportkosten für die Wirtschaft und belasten vor allem Industriebranchen, die auf Massenguttransporte angewiesen sind. Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), betont auf Anfrage von tagesschau.de: „Die Erfahrungen mit dem Niedrigwasser im Jahr 2018 zeigen, dass es zu einer spürbaren Dämpfung der Produktion kommen kann. Insbesondere die Stahl- und die Chemieindustrie sind auf Rohstofflieferungen auf dem Wasserweg angewiesen.“

Durch fehlende Niederschläge sanken 2018 die Pegelstände deutscher Flüsse auf damalige Tiefststände. Den schifffahrtsrelevanten Niedrigwasserstand unterschritten damals etwa die Weser in 80 Prozent, die Elbe in 90 Prozent aller Tage zwischen Juni und Dezember 2018.

Die eingeschränkte Binnenschifffahrt hatte gravierende Folgen: Allein im August 2018 sanken laut IfW die Frachtmengen um 21 Prozent. Schätzungen des IfW und des IW gingen damals von einem Verlust beim Wirtschaftswachstum von 0,4 bis 0,5 Prozentpunkten aus. 0,4 Prozent – das sei auch heute „eine Größenordnung, wo wir uns im Moment, wenn es gut läuft, befinden“, sagte nun IW-Experte Schäfer.

Ausmaß noch nicht absehbar

Schon jetzt findet etwa in Köln gar keine Schifffahrt mehr statt. „Das heißt, dass wichtige Waren für die Chemie, die Stahlindustrie, für Raffinerien nicht mehr an ihrem Bestimmungsort ankommen.“ Torsten Schmidt vom RWI sagt dazu Anfrage von tagesschau.de: „ThyssenKrupp hat offenbar bereits die Produktion gedrosselt.“ Gleichzeitig betont er auch: „Wie schwerwiegend die Belastungen sein werden, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.“

Das Problematische an der aktuellen Situation ist auch, dass die ausfallenden Transporte kaum über alternative Verkehrswege geschehen können, wie Simon Gerards Iglesias vom Institut der deutschen Wirtschaft im Interview mit den tagesthemen erklärte: „Als Beispiel: Um den Transport von Benzin und Diesel, der jetzt auf den Schiffen im Rhein stattfindet, zu kompensieren, bräuchte man ungefähr 3.000 Tanklaster pro Tag.“ Das sei angesichts kaputter Brücken, fehlender Fahrer und fehlender Lkw nicht zu bewerkstelligen: „Es gibt schlichtweg keine Alternativen“, schlussfolgert Iglesias.

Inflation könnte steigen

Am Ende werde das deshalb auch für jeden Einzelnen spürbar werden, sagt Iglesias: „Was am Rhein beginnt, kann am Ende auch an der Tankstelle sichtbar sein.“ Die geringen Pegelstände könnten am Ende also auch die Inflation in Deutschland weiter anheizen. Sie zog bereits im Juli – in Folge des Krieges im Iran – sprunghaft auf 2,8 Prozent an.

Auch das dürfte sich am Ende im Wirtschaftswachstum niederschlagen. Denn eine höhere Teuerungsrate schmälert die Kaufkraft der Menschen: Sie können sich dann für einen Euro weniger leisten. Und das wiederum schmälert den Binnenkonsum, der eigentlich eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung spielt.

Fachkonferenz in Bonn geplant

Und nicht nur der Rhein, auch andere Flüsse, sind derzeit von Niedrigwasser betroffen. Wie hoch die wirtschaftlichen Einbußen konkret sein werden, mag noch niemand genau vorhersagen. Politisch ist das Problem aber längst erkannt: Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hat für Donnerstag eine Fachkonferenz in Bonn einberufen.

„Wir gucken uns an, was wir da aktuell machen können“, sagte am Montag ein Sprecher des Verkehrsministeriums in Berlin. „Wir werden sehen, was an weiteren Vorschlägen kommt.“ Wer an der Konferenz teilnehmen soll, war zunächst noch unklar.

Mit Informationen von Lilli-Marie Hiltscher, ARD-Finanzredaktion.

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