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Politik

Warum wir noch immer so viel Essen wegwerfen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 20, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 20.09.2026 • 05:38 Uhr

Jedes Jahr landen in Deutschland fast elf Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel im Müll. Warum ändert sich seit Jahren kaum was? Und was können wir von unseren Nachbarn lernen?

In einem Vorort von Saarbrücken begleitet ein Team des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus die Müllabfuhr. Heute wird Biomüll abgeholt. Die Tonnen sind gut gefüllt. Spontane Kontrollen zeigen: In vielen liegen neben Essensresten und Obstabfällen ganze Brote.

Zeichen einer Konsumgesellschaft, in der es offenkundig zu viel gibt. In dem Schlund des Müllwagens wird alles schnell zermahlen, vorbereitet für die spätere Entsorgung. Was die Müllmänner sehen, zeigt sich auch in den Statistiken.

Haushalte schmeißen am meisten weg

Seit 2019 landen Jahr für Jahr etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle im Müll. Davon entfallen 58 Prozent auf private Haushalte, knapp 6,3 Millionen Tonnen. Die Gastronomie verursacht 16 Prozent, die Lebensmittelverarbeitung 17, der Handel sieben und die Landwirtschaft zwei Prozent der Abfälle.

Gerade deshalb hatte schon das letzte Kabinett unter Kanzlerin Angela Merkel Weichen für eine Reduzierung der Lebensmittelabfälle gestellt. 2019 stellte Julia Klöckner als Bundeslandwirtschaftsministerin eine nationale Strategie zur Müllvermeidung dazu vor. Das Ziel: die Müllmenge bis 2030 zu halbieren, mit freiwilligen Maßnahmen. Erreicht wurde nicht allzu viel.

Handel zufrieden mit eigenen Fortschritten

An den Strategien zur Reduzierung der Lebensmittelabfälle ist auch der deutsche Lebensmittelverband beteiligt. Er verweist für seinen Bereich auf erste Erfolge. Die Lebensmittelverluste seien, so die Sprecherin Manon Struck-Pacyna, bei den teilnehmenden Handelsketten sowie auch dem Groß- und Einzelhandel um 25 Prozent reduziert worden. Das sei doch eine ganz beachtliche Zahl. Und man arbeite gemeinsam mit der Politik daran, dass es noch besser würde.

Eine Reduktion von 25 Prozent klingt erst einmal viel. Da der Handel jedoch insgesamt nur sieben Prozent des gesamten Lebensmittelmülls produziert, entspricht ein Viertel davon bei der gesamten Müllmenge noch nicht einmal der Menge von zwei Prozent.

Frankreich: Modell mit Zuckerbrot und Peitsche

Nachbarländer wie Frankreich setzen hingegen schon seit Jahren darauf, den Handel zur Abgabe überschüssiger Lebensmittel zu verpflichten. Die Organisation „Banque Alimentaire“ ist eine der Einrichtungen, die diese Waren annimmt. Sie versorgt mittlerweile viele sozial Bedürftige im ganzen Land.

Die Organisation ist vergleichbar mit der deutschen Tafel, sieht sich allerdings mehr als Teil eines Sozialprogramms. Allein im Département Bas-Rhin bei Straßburg werden so 68.000 Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt, die sonst weggeworfen würden. In ganz Frankreich sind es 2,4 Millionen Bedürftige.

An jedem Tag fahren freiwillige Helfer der Organisation zu Großhändlern, Supermärkten und Bäckereien und holen dort überschüssige Lebensmittel ab. Die Produkte werden zentral sortiert und später von Hilfsorganisationen wie dem französischen Croix Rouge oder der Caritas abgeholt und schließlich verteilt.

Lebensmittelabfälle in Frankreich fast halbiert

Das Konzept wird in Frankreich seit zehn Jahren umgesetzt. Der Handel hat es mittlerweile verinnerlicht, kann aus dem Programm aber auch einen finanziellen Vorteil ziehen. Jean Serrats, der Präsident der regionalen Einrichtung in Straßburg, weißt darauf hin, dass jedes Mal, wenn ein Geschäft der Banque Alimentaire etwas gebe, es das Recht habe, dafür einen Steuernachlass von 60 Prozent auf den Wert der Ware zu bekommen. Es lohne sich also für die Unternehmen, Lebensmittel nicht wegzuwerfen, sondern abzugeben.

Das entsprechende Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung war 2016 eingeführt worden. Damals lag die Pro-Kopf-Müllmenge in Frankreich noch bei 108 Kilo, heute liegt sie nur mehr bei 58 Kilo pro Kopf der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland liegen die Lebensmittelabfälle seit Jahren unverändert bei 75 Kilo pro Kopf und sind damit deutlich höher als im Nachbarland.

Wäre das französische Modell also ein Vorbild für Deutschland? Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilt mit, man setze nicht auf Zwang und wolle bei freiwilligen Lebensmittelspenden bleiben. Man habe zudem eine gute Kooperation mit den Tafeln erreicht. Darüber werden pro Jahr rund 1,5 Millionen Menschen regelmäßig versorgt.

Große Packungen tragen zur hohen Müllmenge bei

Da in Deutschland das Gros des Mülls in den Haushalten anfällt, stellt sich die Frage, warum diese nicht mehr Lebensmittelabfälle vermeiden können? Die Berliner Lebensmittelwissenschaftlerin Nina Langen sieht einen Grund in den Packungsgrößen, die noch immer viel zu groß seien.

50 Prozent dessen, was die Leute wegwerfen, sei Obst und Gemüse, führt sie aus. In Supermärkten werde dies häufig nicht einzeln verkauft, sondern nur im Gebinde verpackt. Nur eine Zwiebel, eine kleine Menge Kartoffeln oder eine einzige Banane sind beispielsweise in Discountern oft nicht verfügbar. Auch bei Fleisch und Käse gibt es oftmals nur Großpackungen. Das Ergebnis sei mehr Müll, weil zu viel übrig bleibe und verderbe, sagt Langen.

Reichen freiwillige Maßnahmen?

Langen hat ein Projekt namens Miss Mit mit initiiert. Das Ziel: Verbraucher messen ihre Abfälle und dokumentieren diese in einem Tagebuch, um so Müll zu vermeiden. Das funktionierte bei den Teilnehmenden zwar erfolgreich, aber der Rücklauf sei äußerst gering gewesen, so Langen: Bloß 250 komplett ausgefüllte Datensätze seien zurückgekommen.

Besser geklappt habe es über eine App, die die Teilnehmenden per Push-Nachricht an das Eintragen erinnert. Von diesen Nachrichten wurde die Hälfte auch geöffnet. Um einen echten Effekt zu erzielen, müsse man Menschen also immer wieder aktivieren, resümmiert die Forscherin.

Der deutsche Ansatz, der allein auf Freiwilligkeit setzt, hat die Lebensmittelabfälle bislang kaum reduziert. Das französische Modell zeigt hingehen, dass mit verpflichtenden Maßnahmen und einer Einbeziehung des Handels eine echte Reduzierung durchaus erreicht werden kann.

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