Anatomie einer Verschwörungswelt · Teil 3 von 5
Wie Menschen hineinkommen, warum sie bleiben und was daraus folgt. Teil 1 hat gezeigt, wie eine Facebook-Seite abholt, Teil 2, wie sie Widerspruch abwehrt. Jetzt die Frage, die beides erklärt: Was bekommen die Menschen dort eigentlich?
Am 6. Juli, sieben Wochen nach der Gründung ihrer Seite, stellt sich die Betreiberin vor. Nicht mit Beruf, nicht mit Wohnort. Sondern so:
Hey, ich bin …
Aluhutträgerin & Schwurblerin.
Menschen verurteilen mich, weil ich gegen die Impfung bin, nicht an die Plandemie glaube, Chemtrails für real halte und mir sicher bin, dass wir von vorn bis hinten nur verarscht werden.
Du stehst auf Realtalk?
Dann bleib gern hier.
Vorstellungspost, 6. Juli 2026 – Vorname von uns entfernt
5.856 Likes
464 Kommentare
Fast 6.000 Menschen haben das geliked. Der Kern dieses Posts ist keine neue Sachbehauptung – er hat keinen Beleg, keinen Link, keine Zahl. Er ist eine Selbstbeschreibung: Das bin ich, dafür werde ich belächelt, und ich stehe dazu. Gleichzeitig nennt sie mehrere ihrer Verschwörungsüberzeugungen, wie nebenbei, als Teil der Person. Wer verstehen will, warum solche Seiten in Monaten auf 40.000 Follower kommen, muss verstehen, warum das genügt. Denn es genügt nicht, weil die Leute dumm wären. Es genügt, weil der Post etwas anbietet, das seine Follower anderswo selten bekommen.
Welche Posts besonders viel Resonanz bekommen
Likes sind kein psychologischer Fragebogen. Sie verraten nicht, warum jemand reagiert. Auffällig ist trotzdem, was auf dieser Seite Resonanz bekommt. Wir haben in Teil 1 die 116 Beiträge nach Themen sortiert und dabei zwei Sorten von Selbstbeschreibung unterschieden: Posts, die nur über die Betreiberin und ihre Follower reden, ohne irgendetwas Prüfbares zu behaupten – sieben Stück, im Median 3.044 Likes. Und Posts, die Selbstbeschreibung mit einer Behauptung verbinden, wie die „Folgt mir nicht“-Liste oder „Ich bin Schwurblerin, Chemtrails sind real“ – fünf Stück, im Median 5.856. Beide liegen über den reinen Verschwörungsposts (2.538) und über Impfen (2.886). Die Hybride liegen sogar über Migration und knapp hinter Ukraine.
Wenn die eigene Identität zum Thema wird
Selbstbeschreibung bekommt Resonanz – mit und ohne Behauptung. Die Identitätsposts der ausgewerteten Seite, Juli bis September 2026, Likes zum Zeitpunkt des Screenshots.
„Gründe, mir nicht mehr zu folgen“ (12-Punkte-Liste) (mit Behauptung)13.355
„Nach 6 Jahren noch Verschwörungstheoretiker? Dann zu 80 % geistig unterentwickelt.“12.289
„Aluhut abnehmen – wie siehts mit deinen Spikeproteinen aus?“ (mit Behauptung)7.238
„Hey, ich bin … Aluhutträgerin & Schwurblerin“ (mit Behauptung)5.856
„Erwachsene glauben, dass Chemtrails eine Lüge sind …“ (mit Behauptung)5.374
„Gesunder Menschenverstand ist eine Strafe“3.762
„‚Nazi‘ ist das Argument der geistig Schwachen“3.527
„Wenn wir uns nicht spalten lassen würden, hätten wir längst gewonnen“3.044
Was die reinen Identitätsposts gemeinsam haben: Sie beschreiben nicht die Welt, sondern die Leser. Wer sie liked, stimmt keiner Behauptung zu. Er sagt: Ich bin auch so. Ich werde auch so genannt. Ich habe auch Menschenverstand, mit dem ich mich herumschlagen muss. Und das ist der Punkt, an dem man aufhören sollte, über Fakten zu reden, und anfangen, über Bedürfnisse.
Was die Seite liefert
Man kann es sich leicht machen und sagen: Die glauben halt Unsinn. Aber das erklärt nicht, warum 41.000 Menschen einer Frau folgen, die sie persönlich nicht kennen, und warum Posts, die gar nichts behaupten, so viel Resonanz bekommen. Sie bekommen dort etwas, und es sind nicht Informationen. Es sind drei Dinge.
Drei Dinge, die man dort bekommt
Mit den Sätzen, in denen die Seite sie liefert.
1
Anerkennung
„Du hinterfragst? Dann bist du hier richtig.“ „Kein Brainwash bei dir? Dann bist du hier richtig.“
Du bist nicht naiv. Du hast es erkannt. Das hört man im Alltag selten – schon gar nicht, wenn man für seine Ansichten sonst belächelt wird.
2
Zugehörigkeit

„Wer bleiben will, bleibt.“ „20.000! Hinter dieser Zahl steckt ihr. Euer Vertrauen. Eure Treue.“
Eine Gruppe, die dieselben Wörter benutzt – „aufgewacht“, „System“, „Klartext“ – und einen nicht auslacht. Der Meilenstein-Post spricht die Follower als „wir“ an.
3
Eine Erklärung
„Wenn dich das triggert, sagt das etwas über dich.“ „Wie alle wieder eskalieren und sich outen.“
Warum die Schwester genervt ist, der Kollege den Kopf schüttelt, die Elterngruppe schweigt: nicht, weil man falsch liegt. Sondern weil die anderen es nicht aushalten.
Das dritte ist das stärkste. Es erklärt nicht die Welt. Es erklärt, warum die eigene Welt gerade so schwierig ist.
Nichts davon ist irrational. Anerkennung, Zugehörigkeit und eine Erklärung für Konflikte gehören zu den grundlegendsten Dingen, die Menschen brauchen. Die Forschung zu Verschwörungsüberzeugungen sagt seit Jahren, dass es dabei nicht nur um Sachfragen geht. Eine vielzitierte Übersicht von Karen Douglas, Robbie Sutton und Aleksandra Cichocka unterscheidet drei Arten von Motiven: Verstehen wollen, sich sicher fühlen wollen – und soziale Motive: dazugehören, ein positives Bild der eigenen Gruppe haben, und das Gefühl, der Status dieser Gruppe sei bedroht. Wer sich von Politik, Medien oder dem eigenen Umfeld länger nicht ernst genommen fühlt, ist für ein Angebot, das alle drei Bedürfnisse auf einmal bedient, besonders empfänglich. Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich. Und genau deshalb funktioniert es.
Warum das Kompliment schwerer wiegt als der Beleg
Ein Beleg ist etwas, das man prüfen muss. Ein Kompliment ist etwas, das man annehmen darf. Auf der Seite kommt der Beleg fast nie vor – und das Kompliment in mindestens neun der durchgesehenen Beiträge. Wer wochenlang mitliest, bekommt eine Reihe von Zuschreibungen, die alle angenehm sind: wach, kritisch, mutig, mit Menschenverstand, nicht gehirngewaschen. Und er bekommt sie gratis, für das Bleiben. Widerspricht er, verliert er nicht nur ein Argument. Er verliert die Zuschreibung. Aus dem, der es kapiert hat, wird einer, der es nicht aushält.
Das ist der Mechanismus, den Teil 2 beschrieben hat, von der anderen Seite gesehen. Die Umdeutung von Kritik funktioniert nicht, weil sie logisch überzeugend wäre. Sie funktioniert, weil sie emotional teuer ist, sie nicht mitzumachen. Wer sagt „Moment, die Fahne ist gar nicht verboten“, sagt damit auch: Ich gehöre nicht zu denen, die es erkannt haben. Das hält man schwer durch, wenn man eben erst eine Gruppe gefunden hat.
Der Kipppunkt: Wenn Widerspruch zum Angriff wird
Und hier liegt die unangenehme Wendung. Solange jemand einer Seite folgt, weil ihn ein Thema interessiert, kann er bei diesem Thema auch anderer Meinung sein. Sobald er ihr folgt, weil er dort zu einer Gruppe gehört, kann sich ändern, was Widerspruch bedeutet. Er ist dann nicht mehr nur ein Sachargument. Er kann als Angriff auf die Gruppe ankommen – und damit auf einen selbst.
Wie sich Widerspruch verändern kann
Ein Modell, kein Automatismus: Nicht jeder Follower durchläuft diesen Wechsel. Aber so verschiebt sich die Bedeutung von Kritik, wenn die Zugehörigkeit über eine gemeinsame „Wahrheit“ läuft.
Vorher: Ich folge wegen eines Themas
- „Die Fahne ist nicht verboten“ – aha, dann stimmt der Post nicht.
- Ein Faktencheck ist eine Information, die ich prüfen kann.
- Wenn die Seite irrt, irrt die Seite.
- Ich kann bei einem Post zustimmen und beim nächsten nicht.
Nachher: Ich folge, weil ich dazugehöre
- „Die Fahne ist nicht verboten“ – da will wieder jemand uns zum Schweigen bringen.
- Ein Faktencheck ist eine Reaktion des Systems auf uns.
- Wenn die Seite irrt, irren wir – das darf nicht sein.
- Wer beim zweiten Post nicht zustimmt, ist keiner von uns.
Die Fakten sind gleich geblieben. Geändert hat sich, was man verliert, wenn man sie anerkennt.
Dass Zugehörigkeit das Teilen prägt, zeigen auch Experimente: Zhiying Ren, Eugen Dimant und Maurice Schweitzer fanden in einer Pilotstudie und drei vorregistrierten Experimenten mit mehr als 4.000 Teilnehmenden, dass Menschen Verschwörungsinhalte eher weitergaben, wenn sie dafür mehr soziale Reaktionen erwarteten – teils auch Inhalte, von denen sie wussten, dass sie falsch waren. In den Experimenten war Teilen also nicht immer nur ein Urteil über Wahrheit – soziale Rückmeldung spielte ebenfalls eine Rolle. Eine Untersuchung in Social Science Research zu rund 15 Millionen Posts auf X zeigt zusätzlich einen starken Zusammenhang zwischen dem eigenen Netzwerk und dem Weiterverbreiten entsprechender Inhalte: Je höher der Anteil verschwörungsverbreitender Kontakte, desto eher teilt jemand selbst. Sie beweist jedoch nicht, dass das Netzwerk allein die Ursache ist.
Warum man das nicht von oben herab erzählen darf
Es ist verführerisch, an dieser Stelle über „die Schwurbler“ zu lachen. Der Begriff steht ja sogar in der Bio. Aber wer lacht, macht genau das, was der Seite nützt: Er bestätigt, dass die anderen keine Argumente haben, nur Spott. Und er übersieht, dass er dieselben Bedürfnisse hat. Auch wer Mimikama liest, will anerkannt werden, dazugehören und verstehen, warum der Onkel so geworden ist. Der Unterschied liegt nicht im Bedürfnis. Er liegt darin, ob eine Quelle diese Bedürfnisse bedient, um Zustimmung zu ersetzen – oder ob sie einem zumutet, auch dann nachzuprüfen, wenn es unangenehm ist.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen an die eigene Lieblingsquelle
- Was bekomme ich dort, außer Information?Wenn die ehrliche Antwort „das Gefühl, nicht blöd zu sein“ ist, ist das ein Kompliment. Kein Argument.
- Was würde es mich kosten, dort zu widersprechen?Ein Argument – oder die Zugehörigkeit? Wenn Letzteres: Dann prüft man dort nicht mehr.
- Wann hat diese Quelle zuletzt gesagt: Da lag ich falsch?Eine Gruppe, die nie irrt, ist keine Gruppe, die denkt. Sie ist eine, die zusammenhält.
Was bleibt
Die Seite aus Teil 1 verkauft kein Weltbild. Sie verkauft einen Platz darin. Anerkennung für die, die belächelt werden. Eine Gruppe für die, die sich allein fühlen. Und eine Erklärung für alle, die nicht verstehen, warum ihr Umfeld so reagiert. Das ist emotional so attraktiv, dass der Beleg dagegen oft keine Chance hat – nicht, weil er schwächer wäre, sondern weil er das Falsche anbietet. Er bietet Wahrheit an, wo jemand Zugehörigkeit gesucht hat.
Das erklärt, warum die Follower bleiben. Es erklärt noch nicht, was sie dann tun. Denn Zugehörigkeit will gezeigt werden – und auf Facebook zeigt man sie, indem man teilt. Was passiert, wenn aus 41.000 Followern 67.000 Shares werden, ist das Thema des nächsten Teils.
Nächster Teil
Wer dazugehört, teilt. Teil 4: Vom Follower zum Verstärker – wie normale Nutzer selbst Teil der Verbreitung werden, und warum „Ich habe nur geteilt“ keine Entschuldigung ist.
Quellen
- Mimikama: Auswertung von 116 Beiträgen einer Facebook-Seite, Juni bis September 2026 –
- Karen M. Douglas, Robbie M. Sutton, Aleksandra Cichocka: The Psychology of Conspiracy Theories, Current Directions in Psychological Science, 2017
- Zhiying Ren, Eugen Dimant, Maurice Schweitzer: Beyond belief: How social engagement motives influence the spread of conspiracy theories, Journal of Experimental Social Psychology, 2023
- Social influence and network structure: How conspiracy theories spread on social media, Social Science Research (online seit November 2025)
- Die Serie: Teil 1: Die Verschwörung ist nur noch die Beilage · Teil 2: Warum „Denk selbst“ oft bedeutet: Denk wie wir · Teil 4: Vom Follower zum Verstärker · Teil 5: Was davon außerhalb des Internets übrig bleibt
