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Politik

Weltsozialforum: „Wir müssen auf die eigenen Ressourcen setzen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 10, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.08.2026 • 16:33 Uhr

Alle zwei Jahre beschäftigt sich das Weltsozialforum mit der Lage des Globalen Südens. In diesem Jahr kam man in Benin zusammen – und hatte eine selbstbewusste Botschaft für die Staaten des Nordens.

Georg Restle

„So-, So-, Solidarité!“ schallt es über den Campus der weitläufigen Universität von Cotonou, der größten Stadt Benins an der westafrikanischen Atlantikküste. Zur Abschlusskundgebung haben sich nochmal rund 1.000 Teilnehmende des Weltsozialforums versammelt. Es sind Menschen aus mehr als 50 Ländern, die meisten aus afrikanischen Staaten, aber auch aus Lateinamerika und Asien. Viele marschieren in den farbenreichen Kleidern ihrer Herkunftsländer, tragen Banner ihrer Organisationen vor sich her.

Die Stimmung ist kämpferisch. Ihre Slogans klingen wie ein selbstbewusstes Statement des Globalen Südens an die reichen Industriestaaten im Norden der Welt. „Solidarität mit den Kleinbauern Afrikas!“, „Solidarität mit den Migranten und Migrantinnen!“, „Solidarität mit den Entrechteten und Vertriebenen!“

Sie fordern Gerechtigkeit, auch durch die internationale Klimapolitik: Demonstranten am Rande des Weltsozialforums in Benin.

Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum

Fast eine Woche lang dauerte das größte Treffen der Zivilgesellschaften der Welt, das sich seit seiner Gründung 2001 im brasilianischen Porto Alegre als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos begreift. Regierungspolitiker sind hier ausdrücklich unerwünscht; es ist ein Treffen von Nichtregierungsorganisationen, die vor allem denen eine Stimme geben wollen, die sonst nicht gehört werden: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Fischern und Fischerinnen, Geflüchteten und Vertriebenen.

Die Titel der Foren auf dem Campus lesen sich wie eine Agenda der großen Themen dieser Welt: Es geht um Klimagerechtigkeit, Ernährungssicherheit, Landraub und Menschenrechte – Themen, die dringlicher erscheinen als je zuvor. Und das hat viel mit den Kriegen und Konflikten im Norden zu tun: der Rückgang der Getreideimporte aufgrund des Ukrainekriegs oder die Verteuerung von Kunstdünger wegen der Schließung der Straße von Hormus.

Dazu kommt der Rückzug der USA und anderer westlicher Staaten aus der Entwicklungszusammenarbeit und die Schwächung vieler UN-Institutionen durch die Politik von US-Präsident Donald Trump. Man müsse das Motto des Weltsozialforums eigentlich umformulieren, sagt Franciso Mari, der für das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt in Benin ist. Statt „Eine andere Welt ist möglich!“ müsste es eigentlich heißen: „Eine andere Welt ist dringend nötig!“, so Mari. Das gelte insbesondere für den Klimawandel, dessen Folgen die Länder des Globalen Südens besonders hart treffen.

Klimaschutz gefährdet

Was das bedeutet, kann man nur zwei Autostunden entfernt, westlich von Cotonou besichtigen, in den Mangrovenwäldern von Grand Popo. Die Wälder gehören zu einem riesigen Biosphärenreservat, das sich über 35.000 Quadratkilometer von Benin bis Togo erstreckt. Sie sind Teil der grünen Lunge Westafrikas – wichtig für den Klimaschutz.

Seit Jahren ist der Bestand der Wälder durch Abholzung bedroht. Vor Ort kümmert sich die Umweltorganisation Eco-Bénin darum, die Mangroven mithilfe von Aufforstungsprogrammen zu schützen. Doch jetzt droht die dringend benötigte Hilfe aus Europa und den USA zu versiegen.

Um 40 Prozent seien die Mittel der Geldgeberstaaten für Umwelt- und Klimaschutzprojekte im letzten Jahr zurückgegangen, teilt Eco-Bénin mit. „Ohne dieses Geld werden wir die Aufforstung hier beenden müssen, weil wir nicht über genügend Eigenmittel verfügen“, erklärt Frank Equé, der für die Umweltorganisation vor Ort ist.

Die Chance der Krise

Dass der Rückzug westlicher Staaten aus der Entwicklungshilfe aber auch Chancen bietet, auch das kann man in Benin besichtigen: bei einer kleinbäuerlichen Initiative, rund 50 Kilometer nördlich von Cotonou. Mitten zwischen Palmenhainen befindet sich hier die Saatgutbank von CEVASTE, mit deren Hilfe kleinbäuerliche Betriebe in der Umgebung mit Pflanzensorten versorgt werden sollen, die widerstandsfähiger sind als herkömmliche Sorten.

„Dadurch brauchen wir keinen chemischen Kunstdünger, kein hybrides Saatgut, keine Pestizide und Herbizide, die Bauern sonst teuer von großen Saatgut- oder Düngemittelkonzernen zukaufen müssen“, sagt Noël Jah, der die Saatgutbank mit aufgebaut hat. Damit sei es für kleine landwirtschaftliche Betriebe attraktiv, weil es sich am Ende eben auch rechne, ergänzt er.

Ernährungssouveränität lautet der Fachbegriff dazu, und man hört ihn oft bei den Veranstaltungen der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen auf dem Weltsozialforum in Benin. Was damit gemeint ist, erklärt Imke Tiemann, Afrikareferentin von Brot für die Welt: „Verstärkt auf lokale Lösungen zu setzen, auf lokale Dünger und neue Methoden, die eigentlich gar nicht so neu sind, sondern auf altem Wissen basieren.“

Widerstandsfähiges Saatgut aus der Saatgutbank – damit arbeitet auch diese kleinbäuerliche Ananasplantage.

Neues Selbstbewusstsein

Was für die Landwirtschaft gilt, könnte auch als Programm für das Weltsozialforum insgesamt gelten: weniger Abhängigkeiten von internationalen Geldgebern, stattdessen eigene lokale Lösungen, die auf Erfahrungen der Länder des Globalen Südens beruhen. So formuliert es Massa Koné aus Mali, Sprecher der westafrikanischen Landrechtsbewegung: „Wir müssen zuerst auf die eigenen Ressourcen und Möglichkeiten setzen und nicht auf Scheinlösungen aus EU-Ländern, China, den USA oder der Weltbank.“

Es ist ein neues Selbstbewusstsein, das die Zivilgesellschaft des Globalen Südens in Benin präsentierte; geboren aus den großen Krisen dieser Zeit. Man habe erleben können, sagt Francisco Mari, „dass sich die globalen Bewegungen und Zivilgesellschaften nicht unterkriegen lassen von schrecklichen Bedingungen, von Kriegen und Krisen, von Unterdrückung und Einschüchterung, von der Klimakatastrophe oder dem Hass und der Gewalt gegen Minderheiten“.

In zwei Jahren soll das nächste Weltsozialforum stattfinden, dann voraussichtlich in Südamerika.

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Dr. Heinrich Krämer
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