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„Zeit historischer Veränderung“: Herrscht in Europa mittlerweile ein neues Klima?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Zeit historischer Veränderung“Herrscht in Europa mittlerweile ein neues Klima?

06.08.2026, 16:57 Uhr Von Kai Stoppel
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Ausgetrocknetes Flussbett am Rhein: mögliche Anzeichen einer neuen Realität. (Foto: IMAGO/Jochen Tack)

Der Sommer 2026 bricht in Westeuropa alle Rekorde und bringt verheerende Waldbrände. Die Entwicklung trifft den Kontinent dabei deutlich schneller als von Fachleuten erwartet. Manche sagen: Das neue Klima-Zeitalter ist bereits angebrochen.

Mehrere Hitzewellen seit Mai, der wärmste Juni, der jemals in Westeuropa gemessen wurde, riesige Waldbrände in Frankreich und Spanien sowie der Rhein auf Rekordtiefständen: Der Sommer 2026 hat in Europa eine Frage aufgeworfen, die über die einzelne Wetterlage hinausgeht. Ist das noch ein meteorologischer Ausreißer – oder herrscht auf dem Kontinent schon ein anderes Klima?

Für Deutschland fällt die Bilanz des Deutschen Wetterdienstes (DWD) eindeutig aus: Die Hitzewelle im Juni sei ohne Klimawandel „statistisch unmöglich“ gewesen, heißt es in einer Analyse des DWD. Noch nie hatte der Wetterdienst so früh im Jahr vor Hitze gewarnt. Das Robert-Koch-Institut schrieb der Hitzewelle zwischen dem 22. bis 28. Juni insgesamt rund 9600 Todesfälle zu. „Der Juni 2026 hat deutlich gemacht, wie tiefgreifend sich das Klima verändert“, sagte Samantha Burgess, Strategische Leiterin für Klima beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF), laut einer Mitteilung.

„Was früher selten war, ist mittlerweile zur Regel geworden“, meinte Erich Fischer, Klimawissenschaftler an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich gegenüber der Online-Ausgabe von „Nature“. Ständig und überall würden neue Temperaturrekorde gemessen und mit großem Abstand übertroffen. Im Sport wäre das so, als würde ein Hochspringer „unter Steroiden“ einen Rekord nicht um ein oder zwei Zentimeter, sondern um einen halben Meter brechen.

„Einschläge kommen näher“

„Die Einschläge kommen näher und sie werden stärker“, sagte Annette Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der Technischen Universität München, der evangelischen Zeitung „Sonntagsblatt“. Nach der Jahrhunderthitze von 2003 hätten Klimamodelle gezeigt, dass ein solcher Sommer um 2050 ein normales Jahr sein könnte. Eingetreten sei die Entwicklung schneller als berechnet, so Menzel.

Auch andere Forscher weisen auf das hohe Tempo hin, mit dem die Prognosen eintreffen: Die Höchstwerte, die Frankreich im Juni erlebte, entsprachen dem, was Klimamodelle erst für die 2070er-Jahre erwartet hatten, schreiben der Klimaforscher Christopher Callahan und der Atmosphärenforscher Andrew Dessler in einem Gastbeitrag für das Fachportal „Carbon Brief“. Die Modelle würden „das Ausmaß von Hitzewellen weiterhin unterschätzen“.

Sichtbar wird die Verschiebung längst nicht mehr nur am Thermometer. In Frankreich brannten bis Ende Juli 91.000 Hektar – der bisherige Rekord für eine komplette Saison lag bei gut 66.000 Hektar. In Spanien waren es mehr als 200.000 Hektar, das Feuer nahe Madrid war der größte Einzelbrand der Landesgeschichte. Der Klimawandel führe dazu, dass diese brandfördernden Bedingungen häufiger auftreten, schrieb ein internationales Forschungsteam in einer kürzlich erschienenen Studie.

„Klima des 20. Jahrhunderts ist verschwunden“

Auch an den Flüssen zeigen sich die Folgen extremer Trockenheit. Am Rhein in Köln fiel Anfang August der Pegelstand auf 67 Zentimeter und knackte damit den Rekord von 2018 – entlang des gesamten deutschen Rheinabschnitts habe es noch nie so niedrige Juli-Abflüsse gegeben wie in diesem Jahr, berichtet der Deutsche Wetterdienst.

„Es ist sehr warm und wir haben relativ wenig Niederschlag“, sagte Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Das heißt, es kommt auf der einen Seite wenig Wasser rein und es verdunstet auf der anderen Seite viel durch die hohen Temperaturen.“ Laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde führt der Klimawandel langfristig dazu, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden, weil mehr Wasser verdunstet.

„Das Klima des 20. Jahrhunderts ist nun vergangen“, fasste der britische Klimaforscher Mike Kendon gegenüber dem Online-Portal „Environmental Journal“ die Entwicklungen zusammen. Kendon ist Hauptautor des jüngsten Klimareports des Vereinigten Königreichs. „Was wir früher als extrem angesehen haben, betrachten wir zunehmend als normal.“ Im Vereinigten Königreich würden sich die Klimazonen mittlerweile „nordwärts und bergauf“ verschieben. „Wir leben derzeit in einer Zeit historischer und beispielloser Veränderungen, was die Temperaturen auf jährlicher, saisonaler, monatlicher und täglicher Ebene betrifft“, so Kendon.

„Wachsende Risiken für Menschen in ganz Europa“

Doch was bedeutet es, wenn das Klima tatsächlich ein anderes ist? „Die Folge sind immer intensivere Hitzewellen, ein anhaltend warmer Ozean und wachsende Risiken für Menschen, Ökosysteme und Infrastruktur in ganz Europa und darüber hinaus“, warnte Klimaforscherin Burgess. Für Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London ist die Botschaft dieses Sommers deshalb keine neue, sondern eine, die sie wie eine „kaputte Schallplatte“ wiederholt: „Ja, das ist der Klimawandel; ja, wir sind die Ursache“, sagte sie Nein, es liege nicht an El Niño. Ja, die Lösungen seien vorhanden. Nein, sie würden nicht schnell genug umgesetzt.

Bei der Frage, ob Europas jüngste Extreme bereits als dauerhaftes „neues Klima“ bezeichnet werden sollten, mahnen andere jedoch zur Vorsicht. Ségolène Berthou, Klimamodelliererin am britischen Wetterdienst Met Office in Exeter, bezweifelt gegenüber „Nature“, dass Europa bereits ein neues Klima hat. Sie hält es für möglich, dass die veränderten Wetterlagen stärker auf natürliche Schwankungen zurückgehen – dann könnte die extreme Erwärmung irgendwann wieder nachlassen. Weiter erwärmen werde sich Europa dennoch, betonte Berthou – solange die Emissionen nicht sinken.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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