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Startseite»Nachrichten»100.000 tote Soldaten unentdeckt: Archäologen suchen in Polen nach Spuren von Kriegstoten
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100.000 tote Soldaten unentdeckt: Archäologen suchen in Polen nach Spuren von Kriegstoten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 1, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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100.000 tote Soldaten unentdecktArchäologen suchen in Polen nach Spuren von Kriegstoten

An den sterblichen Überresten von Wehrmachtsoldaten im westpolnischen Dorf Łośno sind die Stiefel erhalten. (Foto: Patrick Pleul/dpa)

Auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende sind in Polen Zehntausende Kriegstote unentdeckt. Ein neues Massengrab zeigt, wie viel Aufarbeitung noch bevorsteht.

Sie prägten das historische Bild der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg: Dunkle Stiefel kommen mehr als 80 Jahre nach Kriegsende in einem Massengrab in Westpolen zum Vorschein. In der ein bis eineinhalb Meter tiefen Grube fällt der Blick sofort auf sie. Absatz und Lederschaft sind noch gut erhalten.

Ein Bagger rattert. Archäologen legen mit Schaufeln und Pinseln nach und nach die Gebeine toter Soldaten frei – nur etwa zehn Meter vom Gartenzaun eines Wohnhauses entfernt. Das Team des Vereins Pomost (deutsch: Brücke) kann an einem heißen Julitag die sterblichen Überreste von insgesamt 31 Kriegstoten in dem kleinen Ort Łośno bergen.

Das polnische Dorf liegt nicht weit entfernt von der deutschen Grenze – etwa 35 Kilometer östlich von Küstrin-Kietz (Brandenburg). Erinnerungen von Augenzeugen führten die Archäologen auf die Spur des bislang verborgenen Grabs. Es sei Bewohnern seit vielen Jahren bekannt gewesen, sagte ein Einwohner, der bei der Bergung vorbeikommt.

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Seit mehr als 20 Jahren sucht das Team im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Westpolen nach Kriegstoten. (Foto: Patrick Pleul/dpa)

Viele Tote noch nicht geborgen

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schätzt, dass noch rund 100.000 tote Soldaten in Polen zu bergen sind. Mehr als 170.000 Gefallene des Zweiten Weltkrieges wurden nach Angaben der Organisation in dem Land seit rund 25 Jahren bereits exhumiert und auf Sammelfriedhöfe umgebettet.

Die Bergung der Toten berührt ein weiterhin sensibles Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen: den Umgang mit den Folgen der deutschen Besatzung und des Vernichtungskrieges. Die Wehrmacht führte den Krieg gegen Polen mit großer Brutalität.

Grabungsteam: Einschusslöcher erkannt

Was sich an der Stelle der einst verscharrten Toten in Łośno genau ereignet hat, bleibt zunächst ungeklärt. „An den Beifunden sehen wir ganz klar, dass es sich um Wehrmachtssoldaten handelt“, sagt Diane Tempel-Bornett, die Sprecherin des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Die Organisation arbeitet auf Basis eines deutsch-polnischen Abkommens mit Pomost als engem Partner zusammen.

Nach mehr als acht Stunden Arbeit teilen die Organisationen mit, man habe in dem Massengrab auch Spiegel mit Werbeaufschriften, Füllfederhalter, Bleistifte und Brillen gefunden. Eine Polizei-Streife stellte eine Granate und Munition sicher. Laut den Experten vor Ort weisen etliche Schädel Einschusslöcher auf.

Beitrag zur Versöhnung

Der Ort des Massengrabs liegt nicht weit entfernt von Gorzów Wielkopolski – dem früheren Landsberg/Warthe. Am 30. Januar 1945 besetzte Historikern zufolge die Rote Armee die Stadt, die Militärstandort war. Ein sowjetisches Speziallager wurde dort im Mai 1945 eingerichtet.

Tomasz Czabański, der die Suche nach Kriegstoten in Łośno leitet, sagt: „Das ist kein Ort für Tote.“ Die Gebeine sollen später auf einer deutschen Kriegsgräberstätte in Polen umgebettet werden.

Die Frage nach der Schuld und ob hier Beteiligte an Kriegsverbrechen liegen, rückt für Czabański in den Hintergrund. Auf Deutsch sagt er noch mitten bei den Arbeiten am Rande der ausgehobenen Grube: „Wir wissen nicht, ob das gute oder schlechte Leute sind.“

Czabański hat den Verein Pomost gegründet und Tausende Kriegstote geborgen. Sein Einsatz ist als wichtiger Beitrag zur deutschen-polnischen Versöhnung anerkannt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Erkennungsmarken helfen bei der Identifizierung

Der Historiker und Leiter der historischen Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald, Holm Kirsten, sagt: „Auch die Angehörigen von Wehrmachtssoldaten haben einen Anspruch darauf, das Schicksal ihrer Väter und Großväter geklärt zu gekommen.“ Dabei helfen die Erkennungsmarken als zentrale Identifizierungsmerkmale. „Wir kennen dann die Namen“, hofft der polnische Archäologe Maksymilian Frąckowiak bei seiner Spurensuche.

Zwanzig solcher Marken, die deutsche Soldaten als Anhänger trugen und die mit Nummern versehen waren, können die Experten von Pomost in Łośno am Ende finden. Sie werden im Bundesarchiv in Berlin-Tegel untersucht, um sie einer Person zuzuordnen. „In den vergangenen Jahren hat das Bundesarchiv jährlich bei der Klärung von mehreren Hundert Einzelschicksalen helfen können“, teilt ein Sprecher mit. Das Bundesarchiv ist auch zentrale Anlaufstelle für historische Dokumente und Informationen zur deutschen Geschichte.

Wachsende Nachfrage nach NS-Unterlagen

Wer zur eigenen Familiengeschichte zur Zeit der Nazi-Herrschaft Nachforschungen anstellen will, kann seit einigen Monaten über das Internet auch auf das US-amerikanische Nationalarchiv zurückgreifen. Viele Millionen digitale Objekte und Daten stehen online frei zur Verfügung. Das Interesse ist groß.

Auch das Bundesarchiv in Berlin spürt nach den Veröffentlichungen in den vergangenen Monaten ein wachsendes Interesse an NS-Unterlagen – „und das zusätzlich zum ohnehin hohen Niveau der Anfragezahlen der vergangenen Jahre“, wie es heißt. „Hier gingen jährlich zuletzt mehr als 75.000 Anfragen zu Personen in der NS-Zeit ein.“

Quelle: ntv.de, Monika Wendel, dpa

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