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Politik

Die Lage der 20.000 im Persischen Golf gestrandeten Seeleute

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 9, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 09.05.2026 • 13:40 Uhr

Etwa 20.000 Seeleute sitzen seit zwei Monaten im Persischen Golf fest. Die Unsicherheit, wie es weitergeht, ist groß – und auch die Angst. Mehrere Besatzungsmitglieder wurden bereits bei Angriffen getötet.

Jennifer Johnston

Die Crew hatte gerade geankert, da geriet sie unter Drohnenbeschuss. „Wir wussten nicht, wo die Drohne herkommt, bis uns gesagt wurde: aus dem Iran. Die Drohne ist neben einem Öltanker explodiert, in der Nähe unseres Schiffs“, erzählt der indonesische Seefahrer Reza Muhammad Saleh der Nachrichtenagentur AP.

Seit mehr als zwei Monaten hängen er und die Crew jetzt im Persischen Golf fest – zusammen mit etwa 20.000 weiteren Seeleuten. Viele kommen aus Ländern wie den Philippinen, Indien oder Indonesien.

Die Unsicherheit, wie es weiter geht, ist groß. Viele der gestrandeten Seefahrer fühlen sich einsam, gelangweilt und erschöpft. Ab und zu könnten sie mit ihren Familien sprechen, heißt es, aber das Internet per Satellit sei sehr teuer und werde manchmal blockiert.

Probleme mit dem Nachschub

Das Stresslevel sei ziemlich hoch, sagt Stephen Cotton, Generalsekretär der Internationalen Transportarbeiter-Föderation. „Einige Schiffe haben Probleme mit Nachschub, Essen, Wasser. Was ganz klar wird in unserer Kommunikation mit den Besatzungen: Viele haben große Angst.“

Derzeit liegen die Schiffe an unterschiedlichen Orten im Persischen Golf vor Anker. Man dürfe die Seeleute nicht vergessen, appelliert Arsenio Dominguez, Generalsekretär der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation auf einer Konferenz in Singapur. „Wir sorgen uns um die Güter, die wir nicht bekommen, und wie teuer alles wird. Aber wir kümmern uns nicht um die unschuldigen Seeleute, die in diesem geopolitischen Konflikt gefangen sind und nur ihre Arbeit machen wollen.“

Seine Organisation arbeite an einem Evakuierungs-Korridor. Doch solange die Lage so instabil und unsicher sei, könne man keine Evakuierungen vornehmen.

Sorge ums Gehalt

Die philippinische Regierung meldet, dass sie bis Anfang Mai 1.300 Seeleute zurückgeholt habe. Die meisten von ihnen haben auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, denen Iran die Fahrt durch die Straße von Hormus erlaubt hatte. Etwa 4.000 Philippiner würden noch festhängen.

Viele sorgen sich, ob ihr Gehalt weiterläuft, wenn ihre reguläre Vertragszeit um sei. Verträge von Seeleuten laufen in der Regel acht bis zwölf Monate, erklärt der Philippiner Emmanuel Geslani, der jahrzehntelang als Berater in der Branche gearbeitet hat. „Laut der Regierung bekommen sie ihr Gehalt. Und tatsächlich wurden auch während der Waffenruhe einige Seeleute, die ihren Vertrag beendet hatten, ersetzt.“ Die Möglichkeit gebe es, wenn Ersatzpersonal verfügbar sei.

18 Philippiner haben vor kurzem abgelehnt, ihren Job auf einem Schiff im Persischen Golf anzutreten. Es war ihnen zu gefährlich. Der Fall ging auf den Philippinen durch die Medien. Andere freuen sich, dass sie länger an Bord bleiben und damit länger Geld verdienen können.

Die einen wollen weg, die anderen aufs Schiff

Einfach von Bord könnten Seeleute nicht, sagt Geslani. „Ich denke nicht, dass die Reeder das erlauben, da sie Milliarden Dollar in die Schiffe investiert haben. Und es sind Waren auf dem Schiff, die ausgeliefert werden müssen. Ich denke daher, dass es unmöglich ist, das Personal einfach abzuziehen.“ Damit sind die einen länger an Bord, als sie wollen, andere kommen nicht drauf.

In Manila am Rizal Park sitzen mehrere Dutzend jobsuchende Seeleute im Schatten großer Bäume. Auf der vierspurigen Straße vor ihnen rauschen Autos vorbei. Auf dem breiten Gehweg laufen Straßenhändler mit Kokosnüssen und Snacks. Die Seeleute warten, dass jemand von einer Reederei oder Personalagentur vorbeikommt und ihnen einen Job anbietet.

Der 53-jährige Eugenio Tejada würde sofort los, auch in den Persischen Golf. „Das Leben von Seeleuten ist eh gefährlich“, sagt er. „Egal, wohin sie gehen, ob Krieg oder nicht – besonders auf Tankern. Wenn du nicht aufpasst, kann er explodieren oder Feuer fangen.“

Der 43-jährige Lloyd wartet auf einen Job als Kapitän und ist anderer Meinung. „Ich würde nicht gehen“, sagt er. „Geld kannst du immer verdienen. Aber was ist mit deinem Leben?“

Zehn Seeleute bei Angriffen getötet

Laut der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation sind bereits zehn Seeleute bei Angriffen ums Leben gekommen. Drei von ihnen waren auf einem Öltanker, der unter thailändischer Flagge fuhr. Er wurde Mitte März vom Iran in der Straße von Hormus angegriffen. Die iranische Revolutionsgarde sagte, dass das Schiff angeblich mehrere Warnungen ignoriert hätte.

Der 33-jährige Philippiner Ronald Gayrama hat vorher noch nie auf einem Schiff gearbeitet. Er sieht die aktuelle Situation daher sogar als Chance. „Ich würde definitiv gehen. Wenn ich meine Chance jetzt nicht nutze, wann dann? Meine Familie muss sonst hungern. Ich bin einer der Hauptverdiener in meiner Familie. Ich muss Geld verdienen, um alle zu unterstützen.“

Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation warnt, je länger die Situation andaure, desto größer werde das Risiko für schwerwiegende Unfälle, einschließlich Umweltunfällen. Denn die Crews sind erschöpft, verlieren Konzentration. Wie der indonesische Seefahrer Reza Muhammad Saleh hoffen die meisten einfach, dass der Krieg bald endet, sie ihr Schiff sicher durch die Straße von Hormus lenken und dann endlich nach Hause zu ihren Familien fahren können.

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