„Ich bin nicht anti-israelisch“Boy George gibt beim ESC den „Superstar“

Der Eurovision Song Contest ist noch gar nicht offiziell eröffnet, da fackelt das Teilnehmerland San Marino mit einer Vorab-Party in Wien bereits die Hütte ab. Mittendrin unter zahlreichen Möchtegern-Stars ein echter Superstar: Boy George.
San Marino hat es eilig. Am Dienstag tritt das traditionell kleinste Teilnehmerland beim Eurovision Song Contest (ESC) im ersten Halbfinale in Wien an. Und sollte es dort (mal wieder) nicht für die Qualifikation zum großen Finale am Samstag reichen, wäre der Traum von der Gesangskrone auch schon frühzeitig ausgeträumt.
Also lud die Delegation der komplett von Italien umgebenen Enklave am Samstagabend im Wiener „Volksgarten Club“ zu einer Party ein – einen Tag, bevor der diesjährige ESC überhaupt erst mit einem Schaulaufen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einem türkisfarbenen Teppich offiziell eröffnet wird.
Das Motto lautete: „House of Superstars“. Passend zum Songtitel „Superstar“, mit dem San Marino in diesem Jahr sein Glück beim ESC probiert. Gesungen wird er (mal wieder) von Senhit. Die 46-jährige Italienerin mit eritreischen Wurzeln vertritt das Mini-Land mit nicht mal 35.000 Einwohnerinnen und Einwohnern nun bereits zum dritten Mal beim ESC. Und hätte nicht die Corona-Pandemie die Veranstaltung 2020 platzen lassen, wäre es sogar bereits das vierte Mal.
San Marino mag klein sein, aber seine Ambitionen bei der größten Musik-Show der Welt sind seit seiner ersten ESC-Teilnahme 2008 stets groß. In der Vergangenheit hat man es etwa bereits mit Ralph Siegel als Komponist, vollem Körpereinsatz von Sänger Achille Lauro bei seinem Song „Stripper“ oder einem US-amerikanischen Star an der Seite von – natürlich – Senhit versucht: 2021 sang sie zusammen mit Flo Rida „Adrenalina“ und landete damit schlussendlich auf dem 22. Platz. Immerhin.
Der echte Superstar im Raum
Warum sollte dieses Konzept nicht noch einmal und womöglich sogar noch besser aufgehen? Zumal wenn der Song im Refrain ohnehin schon verspricht: „Oh baby, there you are! Go, go and get it like a superstar!“ („Oh Baby, da bist du ja! Los, los, zeig’s ihnen wie ein Superstar!“). Und so haben sich San Marino und Senhit diesmal einen ganz besonderen Coup überlegt und einen wirklichen Superstar dazu verpflichtet, mit ihnen die ESC-Kohlen aus dem Feuer zu holen: Boy George.
Lange war spekuliert worden, ob der Ex-Frontmann der 80er-Jahre-Kultband Culture Club seinen kleinen Gesangspart live in Wien performen oder er nur auf der Videoleinwand erscheinen würde. Doch seit den ersten Proben des Auftritts ist klar: Der 64-Jährige ist tatsächlich angereist, um zusammen mit Senhit auf der Bühne zu stehen. Und auch die Vorab-Party im „Volksgarten Club“ ließ er sich nicht entgehen.
Da war er also nun wirklich, mit Hut, Bärtchen und Augen-Makeup und nahezu unentwegt umringt von einer Menschentraube, die keinen Zweifel daran ließ, wer der einzige echte Superstar im Raum war. Zwischen Kamerateams, Selfie-Jägerinnen und -Jägern und der stolzen Delegation von San Marino fand Boy George dennoch Zeit, ntv.de ein paar Fragen zu beantworten.
ntv.de: Willkommen beim ESC. Einige werden sich fragen: Warum hat es so lange gedauert, Sie hier begrüßen zu dürfen?
Boy George: Ich glaube, eigentlich ist das hier nicht mein natürliches Habitat. Ich habe den ESC zwar immer geschaut. Aber irgendwie ist er erst jetzt cool geworden. Früher haben die Leute immer so getan, als würden sie ihn nicht gucken. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sie auch selbstbewusst dazu stehen. Ich habe ihn mir immer aus der Warte eines Songwriters angesehen, darauf geachtet, wie die Lieder geschrieben sind. Und ich habe viele Freunde, die beim Eurovision Song Contest aufgetreten sind, wie Sandie Shaw, Lulu oder Cliff Richard. Ziemlich altmodisch, ich weiß. (lacht)
Viele hätten es sicher gern gesehen, wenn Sie für Großbritannien angetreten wären. Stattdessen treten Sie nun mit San Marino auf …
Ja, und der Engländer in diesem Jahr singt teilweise auf Deutsch. Ich habe das Gefühl, dass es da keine Regeln mehr gibt. Und ich finde das großartig. Gerade in der heutigen Zeit vermitteln die Kooperation und das Zusammenkommen verschiedener Länder eine wirklich schöne Botschaft. Das Wort „Vision“ in Eurovision ist wichtig: Wir müssen uns stärker vereinen. Darum ging es mir auch immer in meiner Musik. Ich nannte meine Band Culture Club, weil ich mit ihr all die verschiedenen Kulturen feiern wollte, die mich beeinflusst haben und ein großer Teil meines Lebens waren.
Wie kam die Zusammenarbeit mit Senhit und San Marino zustande?
Sie haben mich gefragt. Erst habe ich mich gefragt, ob das überhaupt zulässig ist. Als klar war, dass nichts dagegenspricht, habe ich gesagt: „Ja, ich mache es.“ Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte.
Wie ist denn Ihre bisherige ESC-Erfahrung?
Sehr überraschend! Es wird so viel Wert auf Freundlichkeit gelegt. Das passt für mich wirklich sehr gut dazu, wo ich gerade in meinem Leben stehe. Ich liebe es, dass zu den ersten Dingen, die einem nach der Ankunft gesagt werden, gehört, dass diese Show von Freundlichkeit handelt und davon, Menschen mit Respekt zu behandeln. Das ist hier und heute eine sehr kraftvolle Botschaft.
Der Song heißt „Superstar“. Dass sie selbst einer sind, kann man gerade deutlich spüren. Alle suchen Ihre Nähe, wollen mit Ihnen reden oder Selfies mit Ihnen machen. Genießen Sie das oder würden Sie eigentlich viel lieber in der Masse verschwinden?
Ich würde es so sagen: Ich versuche, nicht enttäuschend zu sein. Als ich jünger war, hatte ich viel Angst davor, in der Öffentlichkeit zu sein. Aber mit zunehmendem Alter komme ich besser damit klar, nicht nur ein gewöhnlicher Mensch, sondern auch Boy George zu sein. Wenn ich also das Haus angezogen als Boy George verlasse, versuche ich, so nett, entspannt und freundlich wie möglich zu sein. Ich versuche, keine Enttäuschung zu sein. Das ist mir wirklich wichtig. Viele Stars verhalten sich nicht etwa deshalb enttäuschend, weil sie von Natur aus schreckliche Menschen wären, sondern weil sie unsicher sind. Und ich glaube, ich bin nicht mehr unsicher.
Sie haben sich bestimmt auch die anderen Acts und Songs beim diesjährigen ESC angesehen. Haben Sie eine Favoritin oder einen Favoriten?
Ich würde sagen, ich bin mit Delta befreundet (die australische Kandidatin Delta Goodrem). Wir haben vier Jahre lang in Australien zusammengearbeitet. Aber ich genieße es, dass man hier praktisch alle gern unterstützt und ihnen viel Glück wünscht. Natürlich drückt man sich selbst die Daumen. Das ist auch in Ordnung. Aber ich glaube, egal, was passiert, dass man nicht persönlich enttäuscht sein muss. Es gibt nichts zu verlieren. Und: Das Glück ist immer jetzt. Nicht morgen, nicht nächste Woche – jetzt! Würden sich die Leute immer daran erinnern, wären sie viel glücklicher.
Trotz der viel beschworenen Gemeinschaft beim ESC gibt es auch in diesem Jahr eine große Diskussion über die Teilnahme Israels an dem Wettbewerb. Einige Länder boykottieren die Veranstaltung sogar. Was denken Sie darüber?
Am Sonntag gibt es eine große Kundgebung für die jüdische Gemeinde in London. Ich sollte dort als Redner auftreten und hätte es getan, wenn ich nicht hier gewesen wäre. Ich habe aber eine Botschaft für die Kundgebung aufgenommen. Ich habe sehr viele jüdische Freunde in meinem Leben. Und ich finde, dies ist die Zeit, die Menschen zu unterstützen, die man liebt. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin nicht anti-israelisch. Der ESC ist natürlich sehr politisch und war es schon immer. Wenn einige Leute die Show boykottieren wollen, ist das ihre Entscheidung. Aber bei Musik geht es nicht um Spaltung. Das ist auch nicht unsere Aufgabe als Musiker, sondern zu unterhalten, Positivität zu verbreiten und Liebe zu bringen. Ich meine das nicht sentimental, sondern begreife das als unseren Job.
Zum Schluss muss ich trotzdem noch einmal dezidiert nachfragen: Sie müssen mit San Marino, Senhit und „Superstar“ erst einmal das Halbfinale überwinden, um dann auch im Finale um eine gute Platzierung zu kämpfen. Was erhoffen Sie sich?
Ich glaube, man kann nicht vorhersagen, was passieren wird. Man kann sich nur darauf konzentrieren, so viel Freude, Energie und gute Vibes wie möglich in die Performance zu legen. Der Rest liegt dann in den Händen des Universums.
Ein Abend voller Superstars
Zunächst einmal lag es aber am Samstagabend nicht zuletzt in seiner Hand, die Stimmung im „Volksgarten Club“ auch von der Bühne aus anzuheizen. Gemeinsam mit Senhit im ultrakurzen, silbernen Paillettenkleid gab er nicht nur „Superstar“, sondern auch den Culture-Club-Evergreen „Karma Chameleon“ zum Besten.
Danach brachen im „House of Superstars“ alle Dämme. Denn zu der Veranstaltung waren auch zahlreiche andere ESC-Stars aus diesem und aus vergangenen Jahren geladen, die dann ihre Songs zusammen mit Senhit, Tänzerinnen und Tänzern oder einfach nur Gästen aus dem Publikum karaoke-mäßig ins weite Rund schmetterten. Satoshi aus Moldau war etwa ebenso da wie Antigoni aus Zypern, Bzikebi aus Georgien, Aidan aus Malta oder der Männergesangsverein Bandidos Do Cante aus Portugal. Und ja, auch die deutsche Kandidatin Sarah Engels feierte mit ihrem Wettbewerbsbeitrag „Fire“ ordentlich mit.
Boy George verkrümelte sich dabei nicht etwa ins Hotel, sondern blieb den ganzen Abend ein schillernder Teil des bunten Treibens. Das Konzept der Veranstaltung, sich einen Augenblick lang alle als Superstars fühlen zu lassen, ist somit vollends aufgegangen. Jetzt fragt sich nur noch, ob es für San Marino auch auf der großen ESC-Bühne aufgehen wird.
