„Unter Wasser“Tara Menon und die fragile Schönheit des Meeres

Immer waren sie auf dem Meer. Im Meer. Vor allem waren sie ständig, und so heißt auch Tara Menons Buch, „Unter Wasser“. Bis zum 26. Dezember 2004, da rief Marissa ihrer Freundin zu: „Los, wir müssen hier weg!“ Doch sie schien sie nicht zu hören. „Hoch aufgerichtet steht sie da, die Schultern völlig entspannt. Dann wird sie vom Meer vollkommen verschlungen.“
Als Marissa mit sechs Jahren ihre Mutter verliert, beschließt ihr Vater, ein Meeresbiologe, die Forschungsarbeit seiner Frau fortzuführen, sie ziehen nach Thailand. Dort trifft Marissa Arielle und eine märchenhafte Freundschaft entsteht. Arielles Mutter nimmt sich des mutterlosen Kindes an, aber viel wichtiger ist Arielle. Zwei Mädchen, die sich gegenseitig zur Schwester nehmen, mit allem, was dazugehört: absolute Nähe, Liebe, aber auch Neid und Unverständnis, Verantwortung, manchmal ein Streit. Und Schuld. Auch wenn Marissa für nichts, was passierte, etwas konnte – Marissa wird sich nie verzeihen. Dabei hätte Arielle ihr längst vergeben.
Arielle und Marissa sind aber nun mal nicht zufällig Schwestern, weil sie die gleichen Eltern haben – sie sind Schwestern, weil sie das so wollen. Wer das nicht versteht, wird von Marissa aussortiert. Auch später, als sie erwachsen ist, wird das so sein: „Er verstand es nicht. Niemand verstand es.“
Das Meer ist ihr Spielplatz
Die Mädchen leben unter der Woche im Luxus-Resort, das Arielles Eltern – vor allem ihre kluge Mutter – betreiben. Arielles Vater, eher ein Haudegen, wird von Arielle wiederum – sie teilt schließlich ihre Mutter mit der neuen Freundin/Schwester – durch den Vater von Marissa ersetzt. An den Wochenenden verbringen beide Mädchen, glücklich über ihre Wahlfamilien, ihre Zeit mit Marissas Vater und seinen Forschungen auf einer nahe gelegenen Insel. Gemeinsam entdecken sie das Meer, zerbrechliche Riffe, geheimnisvolle Wälder und unendlich scheinende Strände. Gemeinsam lernen sie auch, in die Tiefe zu tauchen und minutenlang den Atem anzuhalten. Arielle kann das neun Minuten durchhalten, Marissa immerhin drei. Sie bewegen sich mühelos im Wasser, wie die Mantarochen, deren Namen sie kennen und mit denen sie schwimmen, als würden sie zu ihnen gehören.
Gemeinsam lernen sie auch, aus Gefahren heraus zu schwimmen, wie Marissas Vater es ihnen beigebracht hat, denn das Meer ist ihr Freund, ihr Spielplatz. Und nicht nur das – das Meer ist ihre Welt. Bis dann diese eine riesige Welle alles zunichtemacht. Es ist die Welle, der Arielle, die so lange die Luft anhalten kann und immer mit der Welle schwimmt, wie Hunderttausende andere Menschen ebenfalls, nicht entkommen kann. Diese Welle wird Marissa ihr Leben lang verfolgen, auch, als sie Jahre später wieder zurück in New York ist. Ihr Vater, der hier seine Frau verloren hat, will nie wieder in diese Stadt.
Marissa aber wollte ihren Erinnerungen entkommen. Bis sie merkt, dass es nicht genug Kilometer Abstand zu den Dämonen gibt, wenn man sich ihnen nicht stellt. Verfolgt von der Erinnerung an ihre Freundin und erneut bedroht durch eine Naturkatastrophe, entdeckt sie jedoch im Laufe zweier schicksalhafter Tage, an denen die Vergangenheit zu ihr zurückzukehren scheint, wie sie sich in dieser unsicheren Welt behaupten kann.
Abtauchen in eine andere Welt
Tara Menon, Dozentin für Englische Literatur in Harvard, erzählt in zwei Zeitzonen, aus zwei Perspektiven. Die junge und die erwachsene Marissa kommen gleichermaßen zu Wort, beide Erzählstränge sind so fesselnd, dass man „Unter Wasser“ nicht aus den Händen legen möchte.
Die Autorin geht mit ihrem sensiblen, wunderschönen, traurigen, gleichzeitig so mutmachenden und fein geschriebenen Debütroman auf Lesereise. Am 8., 9. und 10. Juni ist sie in Deutschland.
