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Keine Mimik, kein Emoji: Warum das Telefon für Schweißausbrüche sorgt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 17, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Keine Mimik, kein EmojiWarum das Telefon für Schweißausbrüche sorgt

17.05.2026, 16:38 Uhr Von Torsten Landsberg
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Immer weniger Menschen möchten einfach so angerufen werden. (Foto: IMAGO/YAY Images)

Das Telefon klingelt ohne Vorwarnung und erfordert spontane Reaktionen. Weil direkte Kommunikation im digitalen Zeitalter eine zunehmend verlernte Praxis ist, entwickelt sich bei manchen sogar eine Phobie.

Es ist ein beliebtes Motiv in Horrorfilmen: Das Telefon klingelt, durchbricht die Stille und Sicherheit der eigenen vier Wände. Der Anrufer dringt in einen Schutzraum ein, nicht physisch zwar, aber in der Wahrnehmung von potenziellen Opfern und des Publikums. Kommunikation entwickelt sich zur Bedrohung. Im Film geht es meistens blutig weiter, in der Realität ist es nicht ganz so dramatisch: Für immer mehr Menschen führt das Klingeln eines Telefons zu psychischer Belastung mit Symptomen wie Nervosität, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Stottern.

„Die Smartphone-Nutzung hat im Alltag enorm zugenommen, wir kommunizieren sehr viel schriftlich, sei es per E-Mail oder per Messenger“, sagt Nadine Wolf, Oberärztin am Zentrum für Psychosoziale Medizin, Prävention und Familiengesundheit am Universitätsklinikum Heidelberg, im Gespräch mit ntv.de. „Dadurch könnte das Telefonieren als Form der Kommunikation verloren gehen.“ Um den Ursachen der Angst auf den Grund zu gehen, leitet Wolf derzeit eine Studie zum Thema. „Problematische Smartphone-Nutzung steht schon länger im wissenschaftlichen Blick, aber Telefonangst ist bislang ein kaum untersuchtes Phänomen.“

Trotz der noch dünnen Studienlage gibt es Indizien. Bei einer 2019 in Großbritannien durchgeführten Umfrage unter 500 Büroangestellten bestätigten 76 Prozent der jüngeren Beschäftigten, dass sie Symptome von Aufregung und Angst verspüren, sobald das Telefon klingelt. In einer Umfrage der UK-Vergleichsplattform Uswitch gaben 2024 ein Viertel der Befragten an, nie ein Telefonat anzunehmen. 70 Prozent bevorzugten Textnachrichten, rund die Hälfte vermuteten bei unerwarteten Anrufen schlechte Nachrichten.

„Die schriftliche Kommunikation ist planbar: Ich kann mir genau überlegen, was ich schreiben möchte, kann das umformulieren, prüfen, mit einem zeitlichen Verzug losschicken und danach sogar korrigieren“, sagt Wolf. Am Telefon sei dagegen Spontaneität gefragt, das eigene Anliegen müsse fokussiert vorgetragen werden, damit es am anderen Ende der Leitung verstanden werde. „Sonst kommen vielleicht Rückfragen, auf die ich nicht vorbereitet bin, das macht mich angreifbar.“ Es drohe der Kontrollverlust, man könne unprofessionell und unstrukturiert wirken.

„Es steckt immer der Verdacht dahinter, es könnte etwas Unvorhergesehenes passieren, durch das ich einen Nachteil habe.“ Zur Verunsicherung beitragen kann die fehlende Mimik und Gestik aus einem Gespräch in Präsenz und es hilft auch kein Emoji dabei, die Stimmung des Gegenübers zweifelsfrei einzuordnen. Das plötzliche Telefonat ist der Gegenentwurf zur wohlüberlegten Selbstinszenierung auf Social Media.

Höchste Vermeidungsrate in der Gen Z

Auch, wer nicht unter Angstsymptomen leidet, kann sich vom Telefon gestört fühlen. Es klingelt gerne im falschen Moment, wenn man es sich gerade auf der Couch gemütlich gemacht hat oder an der Supermarktkasse steht. In einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem vergangenen Jahr gab rund ein Drittel der Befragten an, eine ankündigende Nachricht bekommen zu wollen, bevor sie angerufen werden.

Alle entsprechenden Umfragen weisen die höchsten Vermeidungsraten in der Gen Z aus, also bei den 18- bis 34-Jährigen. Manche sehen sogar von Anrufen bei anderen ab, weil sie Angst vor der sozialen Bewertung haben: Die Angerufenen sollen nicht schlecht über sie denken.

In ihrer Studie gehe es auch darum, zu klären, ob Telefonphobie als eigene Form der sozialen Angststörung etabliert werden müsse, sagt Wolf. „Ist es wirklich eine Angst, die eigenständig zu betrachten ist, oder ist sie Bestandteil sozialer Angststörungen und tritt bei Menschen mit ausgeprägteren Persönlichkeitsmerkmalen wie Unsicherheit oder Ängstlichkeit auf?“ Von sozialen Phobien sind laut der Krankenkasse Barmer 6 bis 13,7 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens betroffen.

Wer es aus eigener Erfahrung kennt, ein lästiges Pflichttelefonat aufschieben zu wollen, muss noch keine Phobie fürchten. „Problematisch wird es, wenn ich im Alltag Beeinträchtigungen erlebe und merke, das hat wirklich eine Auswirkung auf mein Leben, sei es im persönlichen oder beruflichen Kontext“, erklärt Wolf. Es sei möglich, ohne Telefonieren gut durchs Leben zu kommen. „Aber sobald es zu meinen Anforderungen im Arbeitskontext gehört, beeinträchtigt mich das enorm.“

Unwohlsein durch Übung abbauen

Die Alternativen zum Telefonanruf sind durch Text- oder Sprachnachrichten, Reservierungen und Arzttermine über Online-Buchungssysteme vielfältig. Dennoch können die Vermeidungsoptionen zu Problemen führen. Der Bitkom-Umfrage zufolge haben 36 Prozent der Deutschen aus Angst vor dem Telefonieren schon mal notwendige Anrufe aufgeschoben. Dazu können wichtige Rücksprachen mit der Arztpraxis zählen, die sich nicht über ein Buchungssystem klären lassen. Unter den 16- bis 29-Jährigen lag der Wert sogar bei 44 Prozent. Ein Viertel der Befragten gab an, sich in Telefonaten mit Fremden unwohl zu fühlen.

Das wirkt sich auch auf den Alltag jenseits des Telefonhörers aus. Die häufige Nutzung von asynchroner Kommunikation in Chats oder via Social Media hat verschiedenen Untersuchungen zufolge eine geringere anhaltende Aufmerksamkeit zur Folge. Auch das Problemlöseverhalten verändert sich: Während die synchrone Kommunikation in einem Gespräch Missverständnisse schneller aufklärt, kann die asynchrone zwar mehr Reflexion ermöglichen, aber auch Lösungen verzögern, zu Overthinking führen und Missverständnisse verstärken.

„Am Telefon ist soziale Interaktion gefordert – und die muss auch geübt werden“, sagt Wolf. Das werde durch die digital basierten Kommunikationsmöglichkeiten womöglich verlernt – oder gar nicht erst erlernt. „Man ist es gar nicht mehr gewohnt, außerhalb seines sozialen Bezugsrahmens persönlich oder beruflich angesprochen zu werden. Da verändert sich auch soziales Interaktionsverhalten, weil es einfach nicht mehr notwendig ist.“ Dabei sei sozialer Austausch ein wichtiger Aspekt für das persönliche Wohlbefinden. „Wir sind als Menschen einfach soziale Wesen.“

Quelle: ntv.de

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