Ebola-Ausbruch in KongoDie Suche nach „Patient 0“ ist extrem riskant

Um den Ebola-Ausbruch in Zentralafrika einzudämmen, suchen Experten nach dem ersten Patienten, der sich infiziert hat. Doch dies geschieht inmitten eines Kriegsgebiets. Dieser Krieg macht Ebola so gefährlich.
Ebola ist zurück: An sämtlichen Flughäfen und Grenzübergängen Zentralafrikas wurden Warnschilder, Temperatur-Messgeräte und mobile Testlabore wieder ausgepackt, um den jüngsten Ausbruch der tödlichen Viruskrankheit zügig einzudämmen. Der Großteil dieser Ausrüstung war nicht einmal ein Jahr eingelagert: Der letzte Ebola-Ausbruch in Kongo wurde erst im Dezember 2025 für beendet erklärt, der letzte Ausbruch in Uganda wurde im Januar 2025 eingedämmt.
Die Regierungen von Uganda und der Demokratischen Republik Kongo haben mit Ebola viel Erfahrung. Für Kongo ist es bereits der 17. Ausbruch in der jüngeren Geschichte. Dennoch ist Dringlichkeit angesagt. Am vergangenen Wochenende stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch als internationale Gesundheitsnotlage ein – eine Maßnahme, um weltweit alle Ressourcen zu mobilisieren.
Aus allen Teilen der Welt kommen nun Ärzteteams und Virenforscher eingeflogen, selbst aus Russland und China. Am internationalen Flughafen in Uganda werden Container mit Schutzkleidung, Testgeräten, Kühltruhen, riesigen Isolier-Zelten, Betten und anderem Gerät für die Versorgung von schwerkranken Patienten ausgeladen und auf Lastwagen gepackt, um an die Grenze zur Demokratischen Republik Kongo zu fahren. Insgesamt hat die Weltgemeinschaft in den vergangenen Tagen rund 23 Millionen Dollar zu Verfügung gestellt, um den Ausbruch einzudämmen.
Erster Fall dieses Ausbruchs wurde am 20. April bekannt
Denn das Problem, so die Ebola-Experten der WHO: Der Ursprung der Übertragungskette – der sogenannte „Patient 0“ oder „Patient X“ – wurde noch nicht ausfindig gemacht. Was bislang bekannt ist: Der erste positiv getestete Fall war ein kongolesischer Krankenpfleger. Er wurde am 20. April in einer Gesundheitsstation in der ostkongolesischen Stadt Bunia positiv getestet. Doch wo der Mann sich angesteckt hat, ist bislang unbekannt. „Die Untersuchungen dauern an, um genau festzustellen, wann und wo dieser Ausbruch begonnen hat“, sagt Anais Legand, technische Referentin der WHO für virale Bedrohungen: „Angesichts des Ausmaßes gehen wir davon aus, dass er wahrscheinlich bereits vor einigen Monaten begonnen hat.“
Denn das Virus verbreitet sich schneller als üblich. Am Dienstag teilte Kongos Gesundheitsministerium mit, mittlerweile seien rund 600 Verdachtsfälle entdeckt worden, rund 160 Menschen starben womöglich bereits an dem tödlichen hämorrhagischen Fieber. Die bestätigten Testzahlen in Kongo liegen derzeit bei rund 50. Zunächst war der Ausbruch lokal begrenzt auf die ostkongolesische Provinz Ituri, direkt an der Grenze zu Uganda. Doch dann breitete er sich rasant aus, nun sind auch weitere Provinzen Ostkongos betroffen.
Eine Person wurde in der ostkongolesischen Stadt Goma positiv getestet. Die Millionenmetropole entlang der Grenze zu Ruanda ist unter Kontrolle der Rebellen der „Bewegung des 23. März“, kurz M23. Kongos Regierung hat hier faktisch keine Hoheit, was die Umsetzung von Maßnahmen extrem kompliziert macht. Immerhin, die M23-Führung bestätigt, dass sie 27 Bluttests an das Nationale Institut für Biomedizinische Recherche geschickt hat, eine staatliche Einrichtung. Die Tests fielen alle negativ aus. Am Stadtrand sei nun ein Quarantäne-Zentrum eingerichtet worden. Ruanda hat am Montag vorübergehend den Grenzübergang geschlossen. Mittlerweile sind Temperatur-Scanner und mobile Labore installiert, um alle Grenzgänger zu testen, bevor sie einreisen dürfen.
Pilgerreise nach Kampala ist abgesagt
Im Nachbarland Uganda sind bereits zwei Personen positiv getestet worden. Bei den beiden Infizierten handelt es sich um Kongolesen, die von Ituri aus nach Uganda gereist waren und in der Hauptstadt Kampala mit Ebola-typischen Symptomen wie hohem Fieber und Blutungen aus Körperöffnungen in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Einer starb, seine Leiche wurde noch am selben Tag in einem versiegelten Sarg in den Kongo zurückgebracht.
Der andere Patient – nach ugandischen Angaben sein Schwager – sei soweit stabil, so Ugandas Regierung in ihrem Lagebericht vom Dienstag. Als Vorsorgemaßnahme hat Ugandas Regierung eine Pilgerreise zu einem Märtyrerschrein nach Kampala nächste Woche abgesagt, zu welcher in der Regel tausende Gläubige zusammenkommen, auch aus dem Ostkongo.
Beide Regierungen haben grenzübergreifende Maßnahmen eingeleitet, mobile Labore und Testeinrichtungen entlang der Grenze eingerichtet. Geschulte Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden suchen und testen alle Kontaktpersonen, hunderte Menschen befinden sich in Uganda in Quarantänezentren. „Unsere absolute Priorität liegt nun darin, alle bestehenden Übertragungsketten zu identifizieren – was uns dann ermöglicht, das Ausmaß des Ausbruchs wirklich zu bestimmen und medizinische Versorgung bereitzustellen“, sagte Chikwe Ihekweazu, der WHO-Chef für Notfälle.
Übertragung von Tier auf den Menschen
Im Kriegsgebiet im Ostkongo geht diese Suche deutlich langsamer voran, weil weite Teile der vom Krieg geplagten Provinzen nicht zugänglich sind. Die ersten Fälle traten Ende April in den Städten Bunia, Rwampara und Mongbwalu auf. Dort leben abertausende Vertriebene aus den umliegenden Dörfern dicht gedrängt in Lagern. Die Gesundheitsstationen sind ohnehin komplett überlastet und schlecht ausgestattet. In vielen Kliniken gibt es nicht einmal Verbandsmaterial oder Aspirin.
Erst Anfang Mai wurden die ersten Verdachtsfälle positiv getestet – viel zu spät, so die WHO-Experten. Sie gehen davon aus, dass auf den ersten Todesfall ein sogenanntes „Superspreading-Ereignis“ folgte – womöglich eine Beerdigung. Auch fehlerhafte Tests haben zu Verzögerungen geführt. Die ersten Verdachtsfälle wurden auf einen anderen Ebola-Strang getestet, fielen daher negativ aus.
In dieser dicht bewaldeten Region inmitten des Kriegsgebiets nun „Patient 0“ ausfindig zu machen, ist extrem riskant. Erst vergangene Nacht griff die Miliz ADF (Vereinigte Demokratische Kräfte), die dem Islamischen Staat nahesteht, erneut Dörfer in Ituri an und tötete 17 Zivilisten.
Affenjagd könnte Ebola-Infektion ausgelöst haben
Um die Suche voranzubringen, hat Ugandas Virusinstitut, das weltweit in der Ebola-Forschung führend ist, die Gensequenz der derzeitigen Virusvariante veröffentlicht. Es handelt sich um die seltene Bundibugyo-Variante, einer von sechs bekannten Ebola-Strängen. Bundibugyo ist ein Bezirk in Uganda entlang der Grenze zum Kongo, wo diese Variante 2007 zuerst entdeckt wurde.
Laut ugandischen Laborergebnissen ist die derzeitige Variante genetisch nicht mit einem der Genstränge verwandt, die im vergangenen Jahr grassierten. Es handele sich folglich um eine „mögliche, unabhängige, zoonotische Übertragung“, also eine frische Übertragung von Tier auf den Menschen.
Auch dies ist womöglich dem Krieg geschuldet. Da die vertriebenen Kongolesen ihre Äcker nicht bestellen können, um sich zu ernähren, gehen viele auf die Jagd in den Wäldern, verzehren mitunter auch Affen oder andere Tiere, die das Virus in sich tragen können. Für viele Experten der Region steht fest: Ebola gibt es im Kongo regelmäßig, doch es ist der seit dreißig Jahren andauernde Krieg, der diese Ausbrüche für die ganze Welt so gefährlich macht.
