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„Warum bombardieren die uns?“: Der Krieg kehrt heim und die Russen sind schockiert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 24, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Warum bombardieren die uns?“Der Krieg kehrt heim und die Russen sind schockiert

24.05.2026, 07:45 Uhr Von Artur Weigandt
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Zornige Grüße aus Kiew: Die Rauchsäule über Moskau war am 17. Mai für alle Hauptstadtbewohner zu sehen. (Foto: picture alliance/dpa)

Die erfolgreichen Luftangriffe der Ukraine auf Moskau schrecken ein Land auf, das sich vor dem Krieg in der Ukraine lange Zeit sicher fühlte. Dass plötzlich auch die Moskauer Eliten Angst erfahren, bereitet nicht nur oppositionellen Russen Genugtuung.

Der Krieg, den viele Moskauer jahrelang nur aus dem Fernsehen kannten, ist plötzlich hörbar geworden: Explosionen über Vororten, brennende Wohnhäuser und Menschen, die sich ohne Sirenenwarnung in Badezimmer flüchten. Während russische Staatsmedien die ukrainischen Drohnenangriffe herunterspielen, zeigen Videos aus Moskau Schock, Wut – und erstmals auch leise Fragen nach der eigenen Rolle in diesem Krieg.

„Was soll das? Warum bombardieren die uns? Wir haben euch doch nichts getan!“ Diese Worte eines Mannes mittleren Alters, der an einem sonnigen Tag im Mai 2026 auf dem Balkon eines Moskauer Hochhauses steht, gehen durch viele Telegram-Chats. Mit ausgestrecktem Arm filmt er den Himmel, seine Stimme klingt ehrlich verwirrt und fast verletzt. Im Hintergrund ist kaum etwas zu hören – nur ein fernes, kaum wahrnehmbares Summen. Zu sehen sind gelegentlich aufflackernde helle Blitze der Flugabwehr. Kein nächtliches Drama, sondern ein ganz normaler Tag, der plötzlich nicht mehr normal ist. Dieses Video ist exemplarisch für die Stimmung vieler Hauptstadtbewohner in jenen Stunden.

Tote Zivilisten, lahmgelegte Flughäfen

In der Nacht zum 17. Mai 2026 (und in den Folgetagen) führte die Ukraine einen der größten Drohnenangriffe seit Beginn des Krieges durch. Russische Behörden sprachen von mehreren Hundert bis über 500, teilweise sogar über 1000 Drohnen, die auf die Moskauer Region und weitere Gebiete zielten. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schrieb auf Telegram: „In den letzten 24 Stunden wurden mehr als 120 Drohnen abgeschossen.“ Auch Gouverneur Andrej Worobjow meldete einen „groß angelegten Angriff“.

Trotz der angeblichen Abwehr gab es zahlreiche Treffer. Die Ölraffinerie Kapotnja wurde beschädigt, Industrieanlagen in Zelenograd waren betroffen, Wohnhäuser in Khimki, Krasnogorsk, Mytishchi und anderen Vororten wurden getroffen. Mindestens drei bis vier Menschen starben, darunter eine Frau in Khimki und weitere in der Region. Dutzende wurden verletzt. Wichtige Flughäfen wie Vnukovo und Domodedowo waren zeitweise lahmgelegt.

Nicht mehr zu vertuschende Auswirkungen

Bürgermeister Sobjanin und Gouverneur Worobjow versicherten in ihren Telegram-Kanälen, die Schäden seien minimal und die Luftabwehr habe heldenhaft gearbeitet. Staatsnahe Medien wie TASS, Gazeta.ru oder Lenta.ru übernahmen diese Linie und betonten die „erfolgreiche Abwehr“ sowie „geringe Schäden“. Sobjanin meldete zudem, dass die Produktion in der Raffinerie nicht unterbrochen sei und es nur „kleine Schäden“ durch Trümmerteile gegeben habe. Doch die Videos aus den angegriffenen Gebieten erzählen eine andere Geschichte: Explosionen mitten in Wohngebieten, Brände in Hochhäusern, Menschen, die schutzsuchend ins Treppenhaus oder ins Badezimmer flüchten, weil es keine rechtzeitig warnenden Sirenen gab. Viele Anwohner berichteten reiner Panik.

Für einen großen Teil der Moskauer war der Krieg in der Ukraine vier Jahre lange Zeit ein abstrakter Vorgang – etwas, das im Fernsehen lief, irgendwo im Donbass, irgendwas im Rahmen von Wladimir Putins „Spezialoperation“. Nun steht er plötzlich vor der eigenen Haustür: der Krieg. In Chatgruppen, Social-Media-Stories und auf Balkonen hört man immer wieder dieselben Sätze: „Warum jetzt wir? Wir sind doch Zivilisten. Der Krieg sollte doch dort bleiben. Wir haben damit nichts zu tun.“ Viele zeigen sich schockiert und empört, dass der Konflikt die Hauptstadt erreicht hat.

Die praktischen Auswirkungen des Angriffs sorgten zusätzlich für Frust und Beschwerden. Besonders in Instagram-Videos und Stories beschwerten sich zahlreiche Moskauer über massive Flugausfälle. Hunderte Flüge wurden gestrichen oder stundenlang verzögert, Reisende saßen teils über 16 Stunden an den Flughäfen fest, ohne ausreichend Verpflegung oder klare Informationen. „Wir kommen nicht weg, die Kinder sind müde, niemand sagt uns etwas“, klagte eine Frau in einem viral gegangenen Video. Andere filmten überfüllte Terminals und fragten sich laut, warum der Alltag in der Hauptstadt plötzlich zusammenbricht. Diese Störungen machten den Angriff für viele erst richtig spürbar – nicht nur als ferne Explosionen, sondern als direkte Beeinträchtigung des eigenen Lebens. Auch russische Medien wie Kommersant berichteten vom Chaos auf den Flughäfen.

Nicht nur Exilrussen spotten

Viele Russen berichten in den sozialen Medien von Panik, von Kindern, die weinen, von Nachbarn, die sich in Tiefgaragen verstecken. Manche filmen die fernen Blitze am Himmel fast sensationslüstern mit dem Handy, andere packen schon Notfalltaschen und überlegen, ob sie zu Verwandten aufs Land fahren sollen. Die Wut richtet sich vor allem gegen die Ukrainer oder den Westen. Die offizielle Erzählung des Kremls – Terroranschläge des Kiewer Regimes – findet bei vielen Anklang. Kritik an der eigenen Führung bleibt meist leise oder beschränkt sich auf die Frage, warum die Luftabwehr nicht besser funktioniert.

Während in Moskau das Gefühl von Ungerechtigkeit und Überraschung dominiert, reagieren russische Exilanten auf Instagram, YouTube und in oppositionellen Telegram-Kanälen deutlich direkter. In kurzen Reels und Videos stellen sie die Frage, die vielen in Russland unangenehm ist: Was können wir erwarten, wenn wir das Gleiche seit Jahren in der Ukraine machen? Sie zeigen nebeneinander Archivaufnahmen zerstörter Wohnviertel in Charkiw, Kiew, Odessa oder Sumy und die aktuellen Bilder aus Moskau. Der Ton ist oft eine Mischung aus Trauer, Frustration und manchmal auch leiser Schadenfreude: Jetzt spürt ihr endlich am eigenen Leib, was ukrainische Familien seit 2022 ertragen müssen.

Diese Stimmen kommen vor allem von Journalisten, Aktivisten und normalen Russen, die das Land nach 2022 verlassen haben. Innerhalb Russlands sind sie kaum hörbar – Zensur und die Angst vor Strafverfolgung sorgen dafür. Dennoch erreichen sie über soziale Medien ein russischsprachiges Publikum weltweit und zeigen die tiefe Spaltung der russischen Gesellschaft.

Die Bewohner der an die Ukraine grenzenden Regionen bringen eine weitere Perspektive ein. In Telegram-Kanälen aus Kursk, Belgorod und Rostow liest man Kommentare wie: „Willkommen in unserer Welt, liebe Moskauer. Wir erleben das seit Jahren und ihr habt euch nicht dafür interessiert.“ Der Krieg, der für die Hauptstadt lange ein Fernsehereignis war, wird plötzlich sehr real – und reanimiert tiefsitzende Ressentiments gegen die verwöhnte Moskauer Elite.

Der Mythos der unantastbaren, geschützten Hauptstadt hat Risse bekommen. Psychologisch ist das ein Einschnitt. Der Krieg ist hörbar, sichtbar und spürbar geworden. Ob daraus echter politischer Unmut entsteht, ist offen. Bisher überwiegen bei vielen Schock, Fatalismus und die Suche nach einem Schuldigen außerhalb Russlands. Der Mann auf dem Balkon, der fragt „Was haben wir euch getan?“, steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, die noch nicht bereit scheint, die eigene Rolle in diesem Krieg kritisch zu betrachten. Der Krieg ist zurückgekehrt – nach Hause. Und er stellt Fragen, denen viele Moskauer doch hatten ausweichen wollen.

Quelle: ntv.de

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