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Startseite»Betrugsmaschen»Urin im Wasser: Jeder pinkelt, aber keiner gibt’s zu!
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Urin im Wasser: Jeder pinkelt, aber keiner gibt’s zu!

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 8, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Alle pinkeln ins Wasser. Nur niemand gibt’s zu.

Ins Meer? Natürlich nicht. In den See? Niemals. Und ins Pool schon gar nicht. Wenn man Menschen fragt, scheint beim Baden niemand jemals zu pinkeln.

Dummerweise sprechen Messungen aus Schwimmbädern eine etwas andere Sprache – und bevor wir uns über ein paar hundert Milliliter menschlichen Urin empören, sollten wir vielleicht kurz darüber reden, was jene Lebewesen machen, die tatsächlich im Wasser wohnen. Beginnen wir mit einem Finnwal. Der setzt die Dimensionen nämlich recht rasch wieder gerade.

Im Meer meist harmlos, im Pool eher keine gute Idee

Bei einem einzelnen gesunden Menschen ist durch Urin im Meer oder in einem großen See aufgrund der starken Verdünnung normalerweise kein relevantes zusätzliches Gesundheitsrisiko für andere Badende zu erwarten. In einem Swimmingpool sieht die Sache etwas anders aus, weil Bestandteile des Urins mit Chlor reagieren und dabei Stoffe entstehen können, die unter anderem Augen und Atemwege reizen.

Dass Menschen beim Baden ins Wasser pinkeln, gehört zu jenen Dingen, die offenbar ständig passieren und gleichzeitig noch nie jemand gemacht hat. Fragt man zehn Leute, waren es vermutlich die anderen neun. Biologisch betrachtet ist menschlicher Urin im Wasser allerdings nichts besonders Exotisches, denn sämtliche Tiere, die dort leben, müssen ihre Stoffwechselprodukte ebenfalls irgendwie loswerden – und der nächste Wal schwimmt dafür eher selten zur Toilette.

Beginnen wir mit dem Wal

Für große Bartenwale haben Forscher versucht abzuschätzen, welche Mengen Urin sie täglich produzieren. Eine ältere wissenschaftliche Berechnung kam bei einem Finnwal auf rund 974 Liter pro Tag. Eine neuere Studie aus dem Jahr 2025 liegt allerdings deutlich darunter und schätzt die tägliche Urinmenge eines Finnwals auf etwa 336 Liter. Solche Werte sind Schätzungen auf Grundlage physiologischer und bioenergetischer Daten – niemand ist einem Wal mit einem Messbecher hinterhergeschwommen, was wahrscheinlich ohnehin eine eher undankbare Forschungsmethode wäre.

Zum Vergleich: Ein erwachsener Mensch scheidet normalerweise ungefähr 0,8 bis zwei Liter Urin am Tag aus. Selbst mit der neueren und deutlich niedrigeren Schätzung kommt ein Finnwal damit rechnerisch täglich auf die Urinmenge von ungefähr 170 bis 420 Menschen. Und er fragt auch nicht vorher, ob fünf Meter weiter gerade jemand mit Taucherbrille unterwegs ist.

Grauslich klingt das eigentlich nur aus menschlicher Sicht. Im Ökosystem Meer gehören solche Ausscheidungen zum natürlichen Nährstoffkreislauf. Die aktuelle Untersuchung zeigt etwa, dass Bartenwale einen großen Teil ihres Stickstoffs über den Urin wieder an das Meer abgeben. Dieser Stickstoff steht damit auch der Primärproduktion, etwa durch Phytoplankton, zur Verfügung. Was wir am Badesee eher diskret erledigen möchten, ist im Ozean also ein völlig normaler biologischer Vorgang.

Fische sind ebenfalls keine Saubermänner

Auch Fische urinieren, wobei es einen großen Unterschied macht, ob sie im Süßwasser oder im Meer leben. Süßwasserfische nehmen durch Osmose ständig Wasser auf und müssen dieses wieder ausscheiden. Deshalb produzieren sie vergleichsweise viel stark verdünnten Urin. Meeresfische haben das gegenteilige Problem: Sie müssen Wasser sparen und geben entsprechend weniger Urin ab.

Damit wäre die Geschichte allerdings noch gar nicht vollständig, denn ein großer Teil der stickstoffhaltigen Stoffwechselabfälle vieler Fische verlässt den Körper direkt über die Kiemen. Wer also im See angewidert zur Seite schwimmt, weil ein anderer Badegast plötzlich verdächtig zufrieden dreinschaut, sollte besser nicht darüber nachdenken, was die Fische rund um seine Füße gerade alles ans Wasser abgeben.

Natur ist faszinierend. Sie hat nur gelegentlich ein PR-Problem.

Was steckt eigentlich in menschlichem Urin?

Menschlicher Urin besteht ungefähr zu 95 Prozent aus Wasser. Der Rest besteht unter anderem aus Harnstoff, Salzen, Kreatinin, Harnsäure und zahlreichen weiteren gelösten Stoffen. Er ist damit weder eine mysteriöse Giftbrühe noch völlig bedeutungslos.

Eine Behauptung, die man an dieser Stelle ebenfalls aus dem Schwimmbecken werfen kann, lautet: „Urin ist steril.“ Das galt lange als medizinische Lehrmeinung, stimmt in dieser Absolutheit aber nicht. Moderne Untersuchungen zeigen, dass auch eine gesunde Blase Mikroorganismen beherbergen kann. Daraus folgt allerdings noch lange nicht, dass ein paar hundert Milliliter Urin in einem riesigen natürlichen Gewässer plötzlich ein ernsthaftes Infektionsrisiko erzeugen.

Und genau an dieser Stelle wird die Menge des Wassers ziemlich entscheidend.

Wenn jemand ins Meer pinkelt

Nehmen wir an, ein Badegast gibt ungefähr 300 Milliliter Urin ab. Das klingt zunächst nach einer Menge, die man ungern aus einem Trinkglas serviert bekommen möchte. Im Meer trifft sie allerdings auf eine Wassermenge, gegen die 300 Milliliter ungefähr jene Bedeutung haben, die ein einzelner Regentropfen für einen vollen Badesee besitzt.

Allein der Atlantik enthält rund 310 Millionen Kubikkilometer Wasser. Wenn Herbert drei Meter neben uns plötzlich außergewöhnlich entspannt wirkt, verändert er damit die chemische Zusammensetzung des Atlantiks also eher nicht nachhaltig.

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Bei der hygienischen Überwachung von Badegewässern interessieren Behörden deshalb vor allem andere Verunreinigungen. Besonders wichtig sind E. coli und intestinale Enterokokken, weil sie auf fäkale Belastungen durch Abwasser oder Ausscheidungen von Menschen und Tieren hinweisen können. Solche Verunreinigungen können tatsächlich gesundheitlich relevant werden.

Der einzelne Schwimmer mit voller Blase spielt in dieser Liga normalerweise keine besonders beeindruckende Rolle. Der Ekelfaktor kann erheblich sein, das tatsächliche Gesundheitsrisiko bleibt im Meer unter normalen Umständen sehr gering.

Im See wird die Sache etwas kleiner

Bei einem großen See funktioniert die Verdünnung ebenfalls ziemlich gut. Ein paar hundert Milliliter Urin eines einzelnen Badegastes bringen so ein Gewässer nicht aus dem Gleichgewicht, zumal dort ohnehin unzählige Tiere leben, fressen und ihre Stoffwechselprodukte wieder ans Wasser abgeben.

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Seen sind allerdings deutlich kleinere und teilweise empfindlichere Ökosysteme als ein Ozean. Stickstoff und Phosphor wirken als Nährstoffe. Werden über längere Zeit große Mengen eingetragen – etwa durch Abwässer, Landwirtschaft oder sehr intensive Nutzung –, kann das ökologische Folgen haben.

Zwischen solchen dauerhaften Belastungen und einem einzelnen Badegast besteht aber ein beträchtlicher Unterschied. Wer einmal in einen großen See pinkelt, hat damit noch keine Algenblüte persönlich gegründet.

Beim Pool hört der Spaß chemisch langsam auf

Und jetzt kommen wir zu jenem Ort, an dem die Sache tatsächlich interessanter wird: dem Swimmingpool.

Dort befindet sich Chlor im Wasser, das Krankheitserreger unschädlich machen soll. Gleichzeitig bringen Menschen Harnstoff, Schweiß, Hautbestandteile und andere organische Stoffe ins Becken. Treffen stickstoffhaltige Verbindungen auf Chlor, können Chloramine entstehen, darunter Trichloramin. Diese Stoffe können unter anderem die Augen und Atemwege reizen.

Damit lässt sich auch ein weit verbreiteter Irrtum erklären. Wenn es im Schwimmbad besonders stark nach „Chlor“ riecht, bedeutet das nicht automatisch, dass dort gerade besonders beeindruckend desinfiziert wurde. Ein Teil dieses typischen Schwimmbadgeruchs entsteht durch Chloramine – also gerade dadurch, dass Chlor bereits mit Stoffen reagiert hat, die Badegäste ins Wasser eingebracht haben.

Der intensive Schwimmbadgeruch kann somit auch bedeuten: Das Chlor hatte bereits Kundschaft.

Und Forscher haben tatsächlich nach Urin im Pool gesucht

Weil Menschen bei dieser Frage offenbar nur begrenzt auskunftsfreudig sind, haben Wissenschaftler einen anderen Weg gewählt. Sie suchten im Poolwasser nach Acesulfam-K, einem künstlichen Süßstoff, der vom menschlichen Körper weitgehend wieder ausgeschieden wird und deshalb als Marker für Urin dienen kann.

Untersucht wurden mehr als 250 Wasserproben aus 31 Pools und Whirlpools. Acesulfam-K fand sich in sämtlichen untersuchten Becken. Bei zwei über mehrere Wochen beobachteten Swimmingpools errechneten die Forscher daraus ungefähr 30 beziehungsweise 75 Liter Urin im Wasser.

Das führt uns zu einem der großen ungelösten Rätsel moderner Freizeitforschung: Wenn angeblich niemand ins Pool pinkelt, wer hat dann die 75 Liter hineingebracht?

Der Finnwal scheidet als Täter diesmal aus.

Kann man von fremdem Urin im Wasser krank werden?

Theoretisch können bei bestimmten Erkrankungen auch über den Urin Krankheitserreger ausgeschieden werden. Bei einem gesunden Menschen und der starken Verdünnung in einem natürlichen Gewässer ist das Infektionsrisiko durch einen einzelnen Urinvorgang jedoch normalerweise sehr gering. Fäkale Verunreinigungen sind bei der Beurteilung der Wasserqualität wesentlich relevanter.

Auch im Pool besteht das Hauptproblem nicht darin, dass ein anderer Badegast aus Versehen ein paar stark verdünnte Urinmoleküle verschluckt. Interessanter ist die chemische Reaktion mit dem Desinfektionsmittel. Je mehr Harnstoff, Schweiß und andere organische Stoffe ins Becken gelangen, desto stärker wird das Chlor beansprucht und desto mehr unerwünschte Reaktionsprodukte können entstehen.

Genau deshalb gibt es Duschen am Schwimmbad und Toiletten neben dem Becken. Die Architekten haben sie tatsächlich mit einer gewissen Absicht dort hingebaut.

Fazit: Der Wal darf. Wir hätten ein WC.

Menschen pinkeln beim Baden ins Wasser, auch wenn die persönliche Befragung regelmäßig den Eindruck vermittelt, dass dieses Verhalten ausschließlich bei einer unbekannten anderen Bevölkerungsgruppe vorkommt.

Im Meer ist die Urinmenge eines einzelnen Menschen angesichts der enormen Wassermenge normalerweise gesundheitlich bedeutungslos. Ähnliches gilt für einen großen See, wobei kleinere und stark belastete Gewässer grundsätzlich empfindlicher auf zusätzliche Nährstoffeinträge reagieren können.

Beim Swimmingpool sieht die Sache anders aus. Dort können Bestandteile des Urins mit Chlor reagieren, Chloramine bilden und damit zur Belastung der Wasserqualität beitragen.

Und falls man beim nächsten Urlaub plötzlich neben einem Wal schwimmt, darf man sich eines merken: Der produziert möglicherweise mehrere hundert Liter Urin am Tag.

Falls man hingegen selbst dringend muss, gibt’s in der Regel ein WC.

Das ist für alle Beteiligten die angenehmere Lösung.

ACADEMIC

Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

2025

ACADEMIC

Nature Communications

2025

ACADEMIC

Journal of Comparative Physiology B / PubMed

2024

ACADEMIC

Frontiers in Physiology

2021

ACADEMIC

PubMed Central (PMC)

2020

ACADEMIC

PubMed Central (PMC)

2019

ACADEMIC

Environmental Science & Technology Letters

2017

ACADEMIC

Canadian Journal of Zoology / CiNii

2003

OFFICIAL

Centers for Disease Control and Prevention (CDC)

Datum nicht angegeben

OFFICIAL

European Environment Agency (EEA)

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